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13. September 2018, 15:49 Uhr

Autogramm Kia ProCeed GT

Kombi geht steil

Von Michael Specht

Als erste Massenmarke bringt Kia ein kompaktes Steilheck-Coupé auf den Markt. Ursprünglich auf dem Land beliebt, soll der Wagen nun modebewusste Fahrer ansprechen - das wirkt mitunter peinlich.

Der erste Eindruck: Kia kann auch cool. Wie das aussieht, wenn Koreaner den Lifestyle entdecken, zeigte der Hersteller bereits voriges Jahr auf der Messe IAA in Frankfurt. An der feuerroten Studie Proceed haben sich die Designer für das Serienfahrzeug, das nun ProCeed heißt, stark orientiert.

Das sagt der Hersteller: Natürlich haben auch die Marketing-Strategen von Kia gemerkt, dass in der Golf-Klasse das Interesse an dreitürigen Derivaten rapide zurückgeht. Die Kunden wissen um Nachteile wie einen engen Einstieg in den Fond und breite Türen, die beim Öffnen schnell einmal gegen das Nachbarauto stoßen. Funktionalität schlägt bei dieser Fahrzeuggröße also klar das vermeintlich sportlichere Design. So kam die Idee auf, statt eines dreitürigen Ceed-Coupés einen sogenannten Shooting Brake auf die Räder zu stellen, eine Mischung aus Coupé und Kombi mit typischem Steilheck. Mercedes hat das in der A-Klasse-Baureihe beim CLA bereits vorgemacht. Wahre Shooting Brakes, ursprünglich in England als Jagdwagen auf dem Land gedacht, sind zwar auch nur dreitürig, aber so genau nimmt das heute kein Hersteller mehr.

Das ist uns aufgefallen: Mit dem Ceed Kombi, Sportswagon genannt, teilt sich der ProCeed die technische Basis. Beide stehen auf einer gemeinsamen Plattform, sie eint der Radstand von 2,65 Metern. Doch der ProCeed ist 43 Millimeter flacher und fünf Millimeter länger als der Kombi, was ihn ein wenig gedrungener auf seinen Rädern stehen lässt. Beim Blick auf das Heck fühlt man sich an den Porsche Panamera Sport Turismo erinnert. Mehr und mehr Hersteller (Mercedes, Audi) kommen plötzlich mit durchgehenden Lichtbändern zwischen den Rückleuchten. Hinter der Heckklappe bietet der ProCeed erstaunliche 594 Liter Kofferraum, knapp 100 Liter mehr als der Mercedes CLA Shooting Brake. Dabei sind beide Autos nahezu gleich groß. Selbst ein Skoda Octavia Combi weist weniger Kofferraum aus.

Die Rücksitzlehnen sind serienmäßig im Verhältnis 40:20:40 teilbar. Es gibt sogar Ladeschienen, auf denen Ösen zum Verzurren des Gepäcks hin und hergeschoben werden und eine elektrische Ladeklappe. Einen genauen Wert für das maximale Ladevolumen verrät Kia noch nicht, doch geschätzt liegt es bei rund 1600 Litern - und damit etwas weniger als bei einem Kombi. Was stört, ist die Ladekante. Getränkekisten müssen über diese zirka zehn Zentimeter hohe Kante gehoben werden.

Schon das Cockpit des normalen Ceed hinterließ einen soliden und recht hochwertigen Eindruck. Im ProCeed GT, unserem Testwagen, hat man dem Interieur zusätzlich einen Rennstrecken-Look verpasst, mit Dekorelementen in Metall-Optik, doppelten Kontrastnähten, unten abgeflachtem Lenkrad, gesticktem GT-Zeichen im Sportsitz sowie Metallcovern auf den Pedalen.

Vorne besteht kein Platzmangel, hinten hingegen wird es für Erwachsene ein bisschen eng. Der Fußraum ist knapp, die Knie stoßen gegen die Vordersitzlehnen.

Das muss man wissen: Als GT ist der ProCeed nur mit der derzeit stärksten Motorisierung erhältlich, dem 1,6-Liter-Direkteinspritzer mit 204 PS. Damit ist der Wagen naturgemäß flott unterwegs, zumal der Vierzylinder sein Drehmoment schon bei 1500/min ins Getriebe schickt. Weil das Modell noch nicht endgültig zertifiziert wurde, macht Kia noch keine Verbrauchsangaben. Sie dürften nach Norm bei etwa 6,5 l/100 km liegen, im Alltag eher bei acht. Die Abstimmung des Autos ist sportlich straff, schließlich fanden die Testfahrten auf dem Nürburgring statt. Man merkt dem ProCeed an, dass er dort abgestimmt und in Deutschland entwickelt wurde. Das gilt ebenso für das 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe. Es kommt erstmals bei Kia überhaupt zum Einsatz, kostet allerdings gegenüber der manuellen Sechsgangschaltung Aufpreis.

Wer im Leben auch ohne die Topmotorisierung zurechtkommt, kann den ProCeed mit kleinerem Vierzylinder-Benziner (120 und 140 PS) oder sogar als Diesel (136 PS) bestellen. Letzterer gilt als äußerst sparsam, und soll nach Norm nur vier Liter verbrauchen. Preislich sollte man sich am Kombi orientieren und ein paar tausend Euro als Lifestyle-Zuschlag draufpacken. Als GT dürfte der ProCeed rund 35.000 Euro kosten.

Mit dem Shooting Brake erweitert Kia seine Kompaktfamilie auf drei Modelle. Ein viertes ist in Sichtweite. Welches, soll erst nächstes Jahr bekannt gegeben werden. Doch wenn der Hersteller den Absatz in Europa von jetzt jährlich rund 70.000 bis 2020 auf über 100.000 erhöhen will, geht das nur mit einem Crossover oder SUV, der Fahrzeugkategorie, die derzeit gerade boomt. Nicht zuletzt sehen die Kia-Strategen, welchen Erfolg bei Volkswagen momentan der T-Roc einfährt.

Das werden wir nicht vergessen: Den kleinen Schalter auf der Mittelkonsole mit der Aufschrift "Sport". Wird er gedrückt, bemühen sich zwei Soundklappen im Auspuff, dem Fahrspaß auch akustisch die entsprechende Note zu geben. Doch das ist ein bisschen peinlich. Aber viele Kunden scheinen das nötig zu haben, sonst würde es den Schalter nicht geben.

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