Lamborghini Gallardo Spyder Kampfjet ohne Haube

Die Sommer sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Offenfahrer müssen heutzutage fix sein, um die Wolkenlöcher zu erreichen, ehe sie wieder zuziehen. Idealgerät dafür ist der neue Lamborghini Gallardo Spyder. Zehn Zylinder und 520 PS helfen beim Sonnenstrahl-Hopping.


Sportliche Besserverdiener sollten allmählich die Rennfahrerschuhe hervorkramen, die Sonnenbrille zurechtlegen und Hautcreme mit dem richtigen Lichtschutzfaktor besorgen. Denn rechtzeitig zum Beginn der Open-Air-Saison fährt Lamborghini den Gallardo als Spyder in die Pole Position der Cabrio-Neuheiten. Für einen Aufpreis von rund 25.000 Euro, für die es anderswo schon allein ein hübsches Cabrio gibt, entfernt die extreme Audi-Tochter mit scharfen Schnitten das Dach des Coupés und zieht ihm eine schlanke Stoffmütze über.

Die nimmt der Gallardo als erster Lamborghini auf Knopfdruck automatisch ab und faltet sie in einem schönen Mechanik-Schauspiel binnen 20 Sekunden in das winzige Fach zwischen Sitzlehnen und Motor. Vorher jedoch muss die Hydraulik die riesige Motorhaube aus Carbon anheben, die sich später bündig herabsenkt und sich perfekt in die keilförmige Silhouette der 1,90 Meter breiten, aber nicht einmal 1,20 Meter hohen Flunder einfügt.

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Lamborghini Gallardo Spyder: Flachbau Sonnenschein

Zum neuen Dach gibt es ein paar zusätzliche Streben im Aluminium-Spaceframe, die den Wagen bei ersten Testfahrten ausgesprochen steif und solide wirken lassen. Außerdem haben die Techniker den Rahmen der Frontscheibe verstärkt und unsichtbar hinter den Rücksitzen zwei Überrollbügel versteckt, die im Falle eines Falles herausschießen und auch bei einem Überschlag ausreichend Kopffreiheit garantieren sollen. Außerdem bekommt der Spyder eine unabhängig vom Verdeck versenkbare Heckscheibe, die auch als Windschott eingesetzt werden kann. Es wurde also kräftig in die Struktur eingegriffen, was das Gewicht des Spyder um 130 Kilo anhebt. Trotz Leichtbaukarosserie aus Aluminium bringt der Allrad-Sportroadster nun stolze 1500 Kilogramm auf die Waage - ohne Fahrer und ohne Sprit im Tank.

Dennoch ist der Gallardo ein ausgesprochen leichtfüßiges Auto. Schließlich macht sich knapp hinter den Sitzen ein extrem starker Zehnzylindermotor breit, der von den gut eineinhalb Tonnen des Sportwagens kaum mehr gefordert wird als ein Marathonläufer beim Sonntagsspaziergang. Das V10-Aggregat, das auch die Basis für den Antrieb der neuen Audi-Modelle S6 und S8 ist, wurde zum neuen Modelljahr überarbeitet und wird demnächst auch im Coupé eingebaut.

Aus knapp sechs Litern Hubraum schöpft der Motor nun brachiale 520 PS (382 kW) und hobelt - zumindest bei abgeschalteten ESP - mit maximal 510 Newtonmetern breite schwarze Streifen von den 295er Reifen auf der Hinterachse. Zwar fährt auch der Gallardo Spyder zur Sicherheit mit Allradantrieb. Doch ist das System so programmiert, dass in der Normalverteilung 70 Prozent der Kraft nach hinten gehen und den Lamborghini noch rabiater um die Kurven bringen.

Fahrzeugschein
Hersteller: Lamborghini
Typ: Gallardo Spyder
Karosserie: Cabrio/Roadster
Motor: V10-Benziner
Hubraum: 4.961 ccm
Leistung: 520 PS (383 kW)
Drehmoment: 510 Nm
Von 0 auf 100: 4,3 s
Höchstgeschw.: 314 km/h
Verbrauch (ECE): 17,0 Liter
CO2-Ausstoß: 403 g/km
Kraftstoff: Super Plus
Preis: 167.620 EUR
Bei niedrigen Drehzahlen rasselt und knurrt der Motor wie ein hungriges Raubtier, das nur mit Mühe im Zaum zu halten ist. Doch wenn sich der Fuß langsam auf das Gaspedal senkt und der rote Zeiger des Drehzahlmessers über 3500, 4000 Touren streift, schwillt das Grollen zu einem heiseren Brüllen an, das einem Düsentriebwerk alle Ehre macht. Lässt man dann die Gänge unter vernehmlichen Klicken durch die offene Metallkulisse flutschen, presst es einen heftig in die engen Sitze und die Autos im Innenspiegel fahren plötzlich rückwärts. Gerade einmal 4,3 Sekunden vergehen, bis die Tachonadel bei Tempo 100 steht, und nur wenige Augenblicke später jagt der Zeiger der 200 entgegen.

Ohne dass die gefühlte Beschleunigung auch nur im Geringsten nachlässt, katapultiert das Zehnzylindergeschoss seine Insassen auf Wunsch weit jenseits jener Grenzen, an denen gewöhnliche Hochleistungslimousinen und Sportwagen elektronisch abgeregelt werden. Wer es seiner Frisur zumuten möchte, kann mit dem Rennwagen im Sommerlook mit bis zu 307 km/h der Sonne entgegenjagen. Wer das Verdeck vorher schließt, ist sogar noch sieben km/h schneller. So eine Fahrt ist "wie der Flug in einem Kampfjet - nur ohne Dach" oder "wie ein Fallschirmsprung vom Empire State Building - nur schneller", hat der Imagefilm vor den Testrunden versprochen - und dabei kaum übertrieben.

Der wilde Kampfstier benimmt sich lammfromm

Obwohl das Logo auf der Haube für einen Kampfstier steht, ist der Gallardo unter kundiger Hand beinahe lammfromm. Die Lenkung ist so präzise, dass der Wagen selbst bei hohem Tempo brav dem kleinsten Befehl am unten abgeflachten Volant folgt, das mit Wildleder bezogen ist und damit jeden Richtungswechsel zum taktilen Erlebnis macht. Gleichzeitig arbeitet die Servounterstützung so fein, dass man den Zweisitzer ohne große Mühe sogar in enge Parklücken bugsieren kann. Auch das Fahrwerk steht den Spagat zwischen Rundkurs und Ringstraße. Natürlich sind viele sportliche Autos weicher abgestimmt, doch braucht man auch nach schlechten Strecken keinen Orthopäden.

Sogar das Raumangebot auf den in vielen durchaus auch ungewöhnlichen Lederfarben lieferbaren Sportsitzen ist überraschend üppig: Selbst wer nicht ganz so durchtrainiert ist wie sein Wagen, findet schnell eine bequeme Sitzposition. Nur allzu groß darf man nicht sein. Sonst hat man statt des Ausblicks durch die Frontscheibe ständig den breiten Rahmen der weit nach hinten gezogenen Glasplatte vor Augen. Die Frisur leidet in jedem Fall - wahlweise unter dem geschlossenen Verdeck oder im Fahrtwind, der sich bei hohem Tempo und offenen Seitenscheiben bis zum Orkan steigert.

Auf Wunsch gibt es Sitzheizung und TV-Gerät

Insgesamt hinterlässt der Spyder aber einen überraschend alltagstauglichen Eindruck. Zwar klebt nach 200, 300 Kilometern das Hemd am Rücken, und im Stop-and-go-Verkehr wird bei der Version mit Schaltgetriebe der Kupplungsfuß ein wenig schwer. Doch ist der Spyder im Gegensatz zu vielen anderen Fahrzeugen dieses Kalibers nicht nur ein Auto für die raren Wonnestunden am Sonntagmorgen auf einer leeren Landstraße, sondern durchaus auch ein Wagen, mit dem der Feierabend reicher Leute künftig noch etwas früher beginnen kann. Schließlich hatten die Italiener tatsächlich den täglichen Gebrauch im Sinn, als sie zum Beispiel die Ausstattungsliste zusammengestellt und dem Gallardo solch vermeintlich unsportliche Extras wie Rückfahrkamera, Sitzheizung oder TV-Empfänger für das Navigationssystem mit auf den Weg gegeben haben.

Auch das serienmäßige ESP und die Lift-Funktion an der Vorderachse, mit der man den tief gezogenen Frontspoiler unbeschadet über hohe Bordsteine hievt, sind ein Tribut an all jene Börsenmakler, Staranwälte oder Blaublüter, die sich mit dem Gallardo nicht nur auf der Rennstrecke, sondern auch im Stadtverkehr zeigen wollen. Nur den eigentlich obligatorischen Becherhalter haben sich die Italiener - zu Recht - verkniffen. Denn bei aller Liebe: Im Gallardo gehören die Hände ans Lenkrad und nicht an eine Cola-Dose.

Doch so aufregend einfach eine Ausfahrt mit dem Gallardo auch ist, bleibt dieses Vergnügen nur einem kleinen Kreis mit großem Vermögen vorbehalten. Denn der Luxus hat seinen Preis. Schon der geschlossene Gallardo steht mit 142.100 Euro in der Liste. Und für das offene Modell verlangt Lamborghini noch einmal rund 25.000 Euro mehr. Spätentschlossene können sich mit dem Sparen aber Zeit lassen. Die für dieses Jahr geplanten 800 Sypder sind schon jetzt fast vollständig ausverkauft.



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