Lancia Thesis Ein Himmel voller Haken

Der Klang des Markennamens Lancia ist in den letzten Jahren recht dünn geworden. Die Nobelmarke des Fiat-Konzerns baute zwar stets eigenwillige und durchaus elegante Autos, doch der große Erfolg blieb aus. Nun soll ein großer Wagen dies verändern.


Der Lancia Thesis soll die obere Mittelklasse exklusiv machen

Der Lancia Thesis soll die obere Mittelklasse exklusiv machen

Thesis heißt das Modell, dass in der oberen Mittelklasse all jene zum automobilen Seitensprung verführen soll, denen ein BMW-Audi-Mercedes-Modell nicht mehr exklusiv genug ist, weil diese Fabrikate heute an jeder Ecke stehen. Mit einem Lancia passiert einem so etwas nicht. Und selbst wenn die optimistischen Prognosen der Italiener, die im kommenden Jahr von 2500 Thesis-Modellen und im Jahr darauf von 3500 verkauften Exemplaren in Deutschland ausgehen, eintreten: Ein Massenmobil wird der Thesis niemals werden.

Dazu sieht das Auto viel zu extravagant aus. Die Frontpartie wirkt seltsam barock, die Scheinwerfereinheiten sind zu geknautschten Rauten geformt, der mächtige Kühlergrill sieht aus wie der Querschnitt durch einen Schiffsrumpf. Viel Chrom ziert die Karosserie, die mit einem Heck abschließt, das an englische Luxusautomobile erinnert und das von Bumerang-förmigen Rücklichtern begrenzt wird. Insgesamt steht der Thesis sehr elegant auf den Rädern.

Das Heck lässt die Erinnerung an englische Nobelkarossen wach werden

Das Heck lässt die Erinnerung an englische Nobelkarossen wach werden

Optisch also erreicht Lancia das Klassenziel, eine Alternative zum deutschen Geschäftswagen-Triumvirat zu bilden. Technisch versuchen die Italiener ebenfalls, einige Akzente zu setzen. Zum Beispiel dank des Fahrwerksdämpfungssystems "Skyhook". Die von Mannesmann-Sachs entwickelte Technik überwacht mittels Sensoren permanent die vertikalen Bewegungen der Karosserie. Entsprechend wird die Einstellung der Stoßdämpfer verändert. Das Ziel ist es, vertikale Bewegungen so weit wie möglich zu verhindern." Von außen betrachtet scheint es, als wurde die elegante Karosserie des Lancia Thesis am Himmel aufgehängt", heißt es im Pressetext. Und weiter: Die Wirkung von Skyhook sei "phänomenal".

Nach ersten Testfahrten urteilten Autojournalisten weit nüchterner. "Auf kurze Stöße und plötzliche Anregungen", so bemerkte etwa die "Süddeutsche Zeitung", reagiere die elektronisch geregelte Radaufhängung "unwirsch". Auf langen Wellen biete es allerdings einen "guten Komfort".

Und komfortabel soll der Wagen auf jeden Fall sein. Lancia möchte die Spezies der Gran-Tourismo-Fahrzeuge wiederbeleben, und der Thesis soll ein erster Anlauf dazu sein. Wenn der Wagen am 27. April in Deutschland verkauft wird, dann wird es zwei Ausstattungsvarianten und zunächst vier Motorvarianten geben. Bei den drei Benzinern handelt es sich um zwei Fünfzylinder-Maschinen mit 170 und 185 PS (125 und 136 kW) sowie um einen Sechszylinder mit 215 PS (158 kW).

Der Innenraum verströmt viel italienisches Flair

Der Innenraum verströmt viel italienisches Flair

Als Dieselaggregat steht ein Fünfzylinder-Turbomotor mit Commonrail-Direkteinspritzung und 150 PS (110 kW) zur Verfügung. Weitere Dieselmotoren sollen einige Monate später folgen. Eventuell kommt in Zukunft sogar ein Achtzylinder-Triebwerk im Thesis zum Einsatz.

Um wettbewerbsfähig zu sein, hat Lancia sein neues Topmodell mit reichlich Elektronik bestückt. ESP, ASR, ABS und EBD (elektronische Bremskraftverteilung) sind serienmäßig an Bord, ebenso acht Airbags, elektrisch verstellbare Frontsitze mit Heizung, Lüftung und Massagefunkion, elektrisch betätigte Türgriffe und eine elektrische Feststellbremse.

Zuständig für das viel zitierte italienische Flair im Innenraum sind Materialien wie Alcantara oder Leder, Holz, genoppter Kunststoff und eine Magnesiumoberfläche in der Mittelkonsole. Unklarheit herrscht allerdings noch über die Preisgestaltung der Thesis-Modelle. Wie teuer darf Extravaganz sein? Oder anders gefragt: Wie günstig muss ein Auto angeboten werden, das sich sein Plätzchen im elitären Zirkel der oberen Mittelklasse erst einmal erobern muss?



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