Land Rover Defender Cabrio Legenden leben länger

Schon oft wurde der Defender totgesagt. Doch kurz vor dem 60. Geburtstag findet der Offroad-Methusalem noch Freunde. Jetzt macht ein Cabrio Lust auf den Sommer. Und im Herbst folgt eine Modellpflege, die den Oldie noch einmal über die Zulassungshürden bugsieren soll.


Er ist der Urtyp des Geländewagens und fährt seit 1948 fast unverändert durch dick und dünn: der Land Rover Defender. Zwar gibt es mittlerweile ein paar Dutzend Allradler, die mehr Komfort bieten als der kantige Brite. Mehr Leistung haben sie fast alle, schneller sind sie ohnehin, und selbst im Gelände können ihm manche Fahrzeuge das Wasser reichen. Doch obwohl der mit spärlich geformten Alublechen verkleidete Wagen ein Anachronismus ist und eigentlich ins Museum gehört, läuft er weiter. Er hat nicht nur alle Buckelpisten dieser Welt bezwungen, sondern auch sämtliche Hürden, die ihm der Niedergang der britischen Autoindustrie und die Zulassungsbehörden in den Weg stellten.

Zu verdanken ist das unter anderem einer geschickten Modellpolitik. Denn die Briten haben mit drei Radständen und fünf Karosserievarianten vom Mannschaftstransporter bis zum Pick-up nicht nur Militärs, Extremurlauber und Urwald-Doktoren bedient, sondern mit zahlreichen Editionsmodellen auch immer wieder Lifestyle-Impulse gesetzt. So fuhr Lara Croft im Defender durch den Kinofilm "Tomb Raider", und so schürt nun ein ungewöhnliches Cabrio neue Verkaufshoffnungen.

Das Open-Air-Modell basiert auf dem kurzen, zweisitzigen Defender 90, bei dem das Softtop durch ein weitgehend von Hand geschneidertes Verdeck des französischen Spezialisten "Challenge Concept" ersetzt wurde. Genau 100 Mal wird die Legende damit zu einem Luftikus, in dem sich zwei hart gesottene Allradfreunde die Sonne aufs Haupt und den Wind um die Nase wehen lassen können. Allerdings steht vor den Frischluftfreuden eine Bastelstunde.

Riegel, Reißverschlüsse, Gurte - Fummeln am Verdeck

Während sich bei Pkw oder Coupés der Himmel längst auf Knopfdruck öffnet, muss man im Defender noch selbst Hand anlegen: Riegel umklappen, Nieten aus Ösen ziehen, Reißverschlüsse öffnen, Gurte spannen und das gesamte Verdeckpaket unter einer Persenning verstauen. Dabei stets auf Finger und Nägel aufpassen. Der Lohn der Mühe ist ein grandioser Freisitz, auf dem man aufgrund seiner Höhe viel mehr Privatsphäre genießt als in anderen Cabrios und von dem man neugierige Blick in andere offene Autos werfen kann.

Wehe allerdings, ein Wetterwechsel macht dem Vergnügen ein Ende: Erstens ist man nass, bevor man das Verdeck mühsam wieder aufgespannt hat. Und zweitens wird es dann unbeschreiblich laut. Weil die Planen eben doch nicht ganz so stramm anliegen wie bei einem konventionellen Cabrio, knattert und flattert es schon bei Stadttempo wie auf einer Segelyacht. Auf der Autobahn klingt der Defender wie ein Zweimannzelt im Orkan.

Abenteuerlich ist der Innenraum des Defender gestaltet. Schon die Platzverhältnisse sind ungleich verteilt: Während hinten zum Ersatzrad noch das Gepäck für eine vierwöchige Expedition mit auf die Pritsche passt, muss der Fahrer schon ein wenig die Luft anhalten, damit er auf dem kurzen Sitz zwischen dem Lenkrad und Rückwand Platz findet. Und auch mit der Schulterfreiheit ist es nicht sonderlich weit her. Dazu gibt es ein spartanisches Cockpit mit wenigen Anzeigen, massiven Hebeln und rustikalen Kippschaltern. Und für die nötige Frischluftzufuhr sorgen praktische Klappen unter der Frontscheibe. Weil das praktische handgefertigte Cabrio rund 12.000 Euro mehr kostet als das Basismodell, gibt es nicht nur das neue Verdeck, die eleganten Aluräder und ein paar schmucke Anbauteile, sondern auch Klimaanlage, Musiksystem und sogar Sitzheizung.

In Fahrt gebracht wird das Auto vom bekannten Fünfzylinder-Diesel, der aus 2,5 Litern Hubraum 122 PS schöpft und sich beim morgendlichen Kaltstart schüttelt wie ein Löwe nach dem Mittagsschlaf. Unter lautem Brummen hämmern sich die Kolben warm und stemmen immerhin 300 Newtonmeter auf die Kurbelwelle. Bleibt der Fuß fest aufs Pedal geheftet, nimmt der Defender gemächlich Fahrt auf und beschleunigt in runden 13 Sekunden auf Tempo 100. Schluss ist bei etwa 140 km/h – genauer weiß das weder der Tacho noch der Hersteller. Auf der Autobahn ist das zwar ein bisschen langsam, doch in der Savanne schon halsbrecherisch.

Nachdem es lange so aussah, als führe der Defender nun durch seinen letzten Sommer, weil die in einem halben Jahrhundert nur spärlich modernisierte Konstruktion endgültig vor den modernen Zulassungskriterien kapitulieren muss, können die Fans des Dauerbrenners nun wieder aufatmen. Aus dem Entwicklungszentrum in Gaydon mehren sich die Gerüchte, dass Land Rover noch einmal Hand an den Klassiker legte und ihn mit einem neuen Motor und modifiziertem Interieur erneut über die Hürden der Typzulassung hieven wird. Doch egal was die Techniker dafür alles anstellen mussten – so viel ist schon vor dem Debüt auf dem Pariser Salon im September sicher: An der Form wird sich auch im sechsten Jahrzehnt nichts ändern.



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