Fahrbericht Land Rover Discovery TD V6 Die Schüssel zum Glück

Große SUVs wirken oft lächerlich. Zum Beispiel, wenn sie nicht mal ausreichend Platz für die Passagiere bieten. Der Allrad-Evergreen Land Rover Discovery ist von anderem Kaliber - ein Typ, dem man nur schwer was vorwerfen kann.

Jürgen Pander

Zweieinhalb Tonnen Leergewicht, eine Figur wie ein Altglascontainer und ein realer Durchschnittsverbrauch von knapp zehn Litern - die Angriffsfläche für Kritik am Land Rover Discovery ist so groß wie das Auto selbst. An mir perlt sie allerdings ab seit einer kurzen, intensiven Beziehung zu dem Trumm aus Mittelengland. Denn selten habe ich einen Wagen bewegt, der so zuvorkommend und zickenfrei war, der trotz seiner immensen Größe so übersichtlich und leicht zu manövrieren war und bei dem die stattliche äußere Erscheinung tatsächlich mit dem drinnen verfügbaren Raum erfreulich in Einklang war.

Zum Beispiel die Übersicht: Weil die Karosserie des Discovery im Wesentlichen aus geraden Linien und ebenen Flächen besteht und weil seit der Erstauflage von 1989 - mittlerweile wird der Discovery in vierter Generation gebaut - kein Designer persönliche Schnörkel hinterlassen durfte, hört das Auto genau dort auf, wo auch das Auge das Ende des Blechs erkennt. Da zudem der Wendekreis des Autos mit 11,8 Meter vergleichsweise klein ist (BMW X5: 12,5 Meter), lässt sich der Wagen in engen Altstadtvierteln oder Parkhäusern einfacher in die Lücke zirkeln als das Gros der Sportkombis oder Coupé-Limousinen.

Zum Beispiel der Platz: Über die Unterbringung des Gepäcks muss man sich beim Discovery nun wirklich keine Gedanken machen. Je nachdem, ob man das Auto als Siebensitzer (Aufpreis 1870 Euro) oder als Zweisitzer nutzt, stehen zwischen 280 und 2558 Liter Ladevolumen zur Verfügung. In der Standardbestuhlung mit fünf Sitzplätzen fasst der Kofferraum 543 Liter bis zur Laderaumabdeckung - und etwa doppelt so viel, wenn man den Fond bis unters Dach belädt. Vor allem aber gibt es für die Passagiere Bewegungsfreiheit satt und dazu ein Raumgefühl wie in einer Altbauwohnung.

Zum Beispiel das Fahrgefühl: Es hat etwas Erhabenes, sich auf den breiten Fahrersitz des Land Rover Discovery zu schwingen, den Startknopf zu drücken und mit sanftem Tuckern diesen Berg von einem Auto in Bewegung zu setzen. Im Motorraum unseres Testwagens rackerte das schwächste der drei angebotenen Aggregate, ein 3-Liter-V6-Diesel mit 211 PS, dessen Antriebskraft über eine Achtgangautomatik ins Allradsystem gespeist wird.

An der Mittelkonsole kann der Fahrer zwischen fünf Fahrmodi für alle möglichen Wetter- und Untergrundverhältnisse sowie sechs zusätzlichen Einstellungen wählen - etwa der Niveauregulierung der Luftfederung. Das wirkt manchmal überambitioniert, und für die meisten Fahrten ist die Technik gewiss überqualifiziert. Doch das nimmt man gerne hin und fährt voran, während man zugleich auch vom Discovery gefahren wird.

Aus dem ehemaligen Land-Rover-Einstiegsmodell ist in den vergangenen 26 Jahren längst ein Luxus-Geländewagen mit allem Pipapo geworden. Exemplarisch lässt sich das am Außenspiegel verdeutlichen. Früher war es wirklich nur ein Spiegelglas im schmalen schwarzen Plastikgehäuse. Heute ist das Bauteil groß wie ein Kinderschuhkarton und steckt voller Technik: Einem Heizelement und zwei Stellmotoren für den Spiegel, einem Elektromotor im Scharnier für das automatische Anklappen beim geparkten Auto, den Ultraschall-Sensoren des "Wade-Sensing"-Systems, die bei Wasserdurchfahrten den Fahrer über die Wassertiefe informieren und ihn warnen, sobald der kritische Wert von 70 Zentimeter erreicht wird, und einem Strahler, der nach dem Entriegeln des Autos den Untergrund vor der Tür beleuchtet und die Silhouette des Discovery als Schattenriss in den Lichtkegel projiziert.

Sowas kann man als überflüssigen Schnickschnack abtun. Man kann es aber auch als Beleg dafür heranziehen, dass der knorrig-puristische Geländewagen nur noch eine Liebhaberei einiger Spezialisten ist, während längst auch die Mehrheit der Offroad-Fans praktischen Komfort und selbstverliebte Spielereien schätzt.

Spartanische Grundausstattung oder reichlich Rüschen

Die Cleverness der Marke Land Rover besteht nun darin, beide Fraktionen zufriedenzustellen. Den Discovery gibt es ab 44.600 Euro in der rustikal angehauchten Basisversion. Und ab 53.500 Euro in der von uns gefahrenen Variante SE. Deren Preis lässt sich selbstverständlich leicht über 60.000 Euro treiben, wenn man Extras wie das "Sichtpaket" (2530 Euro) mit Signatur-Tagfahrlicht, Abblendautomatik und Surround-Kamerasystem bestellt, das "Winterkomfortpaket" (1130 Euro) mit Heizdrähten in Lenkrad, Vordersitzen, Windschutzscheibe und Scheibenwaschdüsen oder das "Technologie-Paket" (2750 Euro) mit Einparkhilfe, Navigationssystem und Rückfahrkamera.

So hochgerüstet wird aus dem Discovery ein Prachtexemplar von einem "Chelsea Tractor", ein Prestige-Allradler zum Eindruckschinden und fürs eigene Ego. Und trotzdem bleibt das Auto ein perfektes Allroundgefährt für den Familienalltag - ohne Allüren oder aufgesetztes Design. Diese Charakterzüge des Discovery haben mir wirklich gefallen.

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insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
Frequent Traveller 28.03.2015
1. hat alles
was man so braucht und die Groesse um andere Kleinigkeiten die man(n) so hat zu kompensieren
tlatz 28.03.2015
2. Geländewagen
Es ist wohl leider wirklich so: Richtige Geländewagen warden kaum noch gebaut. Ein Geländewagen ist ein robustes Fahrzeug, das dafür gebaut ist, sein gesamtes Leben auf unasphaltierten Pisten zu verbringen und das zur Not vom Dorfschmied mit einem Hammer und einem Lötkolben repariert werden kann. Es geht nicht mal um extreme Geländegängigkeit wie in den Offroad-Trials zu sehen, es geht schlicht darum, verlässlich über Wüsten- und Dschungelpisten von A nach B zu kommen ohne am ersten über der Fahrbahn liegenden Baum oder einem kleinen, die Straße querenden Bücklein zu scheitern. Ich habe während meines Studiums ein Praktikum im Braunkohle-Tagebau gemacht, da fuhren sie noch rum, die Toyota Landcruiser J7 und Nissan Patrol, die Defender, auch die Landrover Discoverys der ersten Serie und – wir wollen sie nicht vergessen, denn sie arbeiteten dort ebenfalls sehr brav – die Lada Niva. Kantige, hässliche, komfortlose Karren, die im schlammigen Tagebau das härtest denkbare Autoleben führten und das dennoch über Jahre hinweg mitmachten. Genau das sind Geländewagen. Wenn man ein Auto fährt, bei dem man Angst hat, sich eine Schramme zu holen, dann ist es jedenfalls kein Geländewagen. Schade, der erste Discovery fuhr noch im Tagebau und fühlte sich dort extrem wohl. Heutige Landrover sind dafür nicht mehr geeignet. Das verstehe ich nicht so ganz. Immerhin gibt es auch in der eigenen Firma mit den Rangerovern genügend geländeuntaugliche SUVs um die Kunden zufrieden zu stellen. Bestand denn gar kein Markt mehr für richtige Geländewagen?
flyhi172 28.03.2015
3. Aussenspiegel...
wahrscheinlich kostet der Ersatz eines abgefahrenen Aussenspiegels dann soviel wie ein gebrauchter VW Golf
Wolfgang Porcher 28.03.2015
4. Teytbericht aus Wunderland
was hat der Reporter dafür bekommen!? Wahrscheinlich ist das Gefährt deswegen unter anderem auch so teuer. Doch Hauptsache ihm gefällte!
dr doolittle 28.03.2015
5. Discovery
Fahre die 3. Generation mittlerweile und bin nach wie vor begeistert von dem Auto, ein Fahrtraum auf der Autobahn wie auch im Gelände!
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