Fotostrecke

Tern GSD S00 im Test

Foto: Stefan Weißenborn

Ratgeber Rad - Tern GSD S00 Dieses Lastenrad nimmt es mit Kleinwagen auf

Säckeweise Blumenerde, Kinder, aber auch Erwachsene: Das Tern GSD S00 schleppt viel weg - und nutzt dabei neue Regeln für Lastenräder aus. Zum Parken lässt es sich in eine ungewohnte Stellung bringen.

Der erste Eindruck: ganz schön lang hinten und ganz schön viel Rohre. Aber schließlich soll dieses Fahrrad stabil sein. Jede Menge Ladung soll mit - durchaus auch mal ein ausgewachsener Mensch.

Das sagt der Hersteller: "Mit dem GSD geht das", sagt Tern-Sprecher Uwe Weissflog. Man müsse nur den "Captain's Chair" anschrauben, und schon fänden ein Erwachsener bis 60 Kilogramm Körpergewicht oder zwei Kinder auf dem Gepäckträger des Lastenrads eine bequeme Mitfahrgelegenheit. Die Marke Tern aus Taiwan hat als eine der ersten Marken mit neuem Zubehör auf die seit 28. April geltende überarbeitete Straßenverkehrsordnung reagiert. 

Nun dürfen sich auch ausgewachsene Menschen kutschieren lassen, falls die Fahrerin mindestens 16 Jahre alt und das Rad "zur Personenbeförderung gebaut und eingerichtet" ist. Vorher durften nur Kinder bis zum Alter von sieben Jahren auf einem Fahrrad in einem Kindersitz transportiert werden. Um den neuen Spielraum zu nutzen, wartet das GSD mit Trittbrettern, Speichenschutz und einem Haltebügel für die Hände auf. Wiegt der Erwachsene mehr als 60 Kilo, genügt alternativ zum Chair ein Sitzkissen, das als Zubehör erhältlich ist. 

Es gibt noch weitere Konfigurationen: So lassen sich zwei Kindersitze auf dem Heck montieren oder eine Lastenplattform (Belastbarkeit: bis zu 35 Kilo), etwa für normierte Euro-Boxen. In Packtaschen fürs Heck ist zusätzlich ordentlich Platz. Der optionale Frontgepäckträger packt nochmals 20 Kilogramm. Beladen mit Fahrer, Mitfahrer(n) und Gepäck darf das GSD maximal 200 Kilo wiegen.

Trotz des hohen zulässigen Gesamtgewichts sei das GSD kompakt geraten, sagt Weissflog. Mit 1,81 Meter Länge ist es nicht länger als ein Trekkingrad mit 28-Zoll-Reifen. Das Ladetalent leide darunter aber nicht, weil das Modell auf 20-Zöllern rollt und dadurch der Radstand im Verhältnis zur Länge weit sei. Die kleinen Räder verbesserten zudem die Fahreigenschaften. "So liegt der Schwerpunkt tiefer", sagt Weissflog, das Bike liege satt auf der Straße.

Das ist uns aufgefallen: Wir unterziehen das GSD einer Alltagsbelastungsprobe. Auf dem Frontträger fahren ein Sack Blumenerde und ein Retourenpaket mit, hinten ein Zehn- und ein Sechsjähriger. Sie sitzen im "Clubhouse" - einem weiteren Aufsatz von der Zubehörliste mit Sitzkissen und Rund-um-Bügel für Kisten, Kram oder Kinder.

Immer auf dem Laufenden bleiben?

Fahrberichte, Analysen, aktuelle Nachrichten: So verpassen Sie keine Artikel aus der Rubrik Mobilität des SPIEGEL.

So aktivieren Sie Ihre Benachrichtigungen

Et voilà: Auch das geht, zumal der Nachwuchs das Mitfahren auf der Rückbank mit La-Ola-Armwedeln goutiert. Die Fuhre wäre kaum aus der Ruhe zu bringen, wäre da nicht die quirlige Ladung in der Open-Air-Fahrgastzelle. Ein plötzliches Kopfwenden, einmal den Oberkörper gedreht - und schon zieht das Rad wie ein Magnet in dieselbe Richtung. Auf die unangekündigten Gewichtsverlagerungen im Rücken des Fahrers reagiert der Lenker wie ein Seismograf. Doch überwiegt die Freude, wieder einen Weg ohne Auto erledigt zu haben.

Motor:

Bosch Performance Line CX, 250 Watt, max. 75 Nm

Akku:

Lithium-Ionen, 504 Wh (entnehmbar), Doppelakku optional

Reichweite:

50 bis 100 km mit einem, 100 bis 200 km mit zwei Akkus (Herstellerangabe)

Tretunterstützung:

bis max. 25 km/h, abschaltbar

Rahmen:

Aluminium, Einheitsgröße

Länge:

1,81 Meter

Schaltung:

Enviolo, stufenlos

Bremsen:

Magura MT5, hydraulische Vierkolben-Scheibenbremsen

Bereifung:

Schwalbe Super Moto X, 62-406

Laufräder:

20 Zoll

Beleuchtung:

Tern Valo Direct 41 Lux/150 Lumen (vorne), Herrmans H-Trace (hinten)

Gewicht:

32,5 Kilogramm

Zulässiges Gesamtgewicht:

200 Kilogramm

Preis:

ab 4999 Euro

Die gute Laune überträgt sich auf die Umwelt. Wo wir aufkreuzen, blicken wir in lächelnde Gesichter. Drei Leute auf dem Rad - das ergibt einen gewissen Showeffekt. "Familienfahrrad, hä?", lautete ein Kommentar, ein anderer: "Det is ja mal ein cooles Tretmobil! Kann man das kaufen oder ist das selbst gebastelt?" Letzteres zwar nicht, aber es ist schon eine ziemlich spezifische Konstruktion. Weil sich das Vorderrad um mehr als 90 Grad zum Rahmen einschlagen lässt, kann man das Bike schiebend auf kleinem Raum wenden. Aber festhalten ist angesagt, denn bepackt wiegt das GSD motorradartig viel. Schon ohne Ladung und Zusatzakku bringt es 32,5 Kilo auf die Waage. Die stabilisierenden Rohre am Heck und die gegenüber einer Kettenlösung schwere Stufenlos-Nabenschaltung von Enviolo machen einen Großteil des Gewichts aus.

Die Schaltung aber passt wunderbar zur Last: Mit 190 Kilo fahren wir eine Steigung hoch und müssen dafür die höchste Unterstützungsstufe "Turbo" wählen. Aber zu schalten ist selbst dann kein Problem. Mit so viel Zug auf dem Antrieb, würde eine Kettenschaltung die Kette vor eine Zerreißprobe stellen. Eine gestufte Nabenschaltung ließe sich kaum bedienen. Die Enviolo aber verändert die Übersetzung auch unter Last und ohne, dass das Motordrehmoment gedrosselt werden muss.

Das muss man wissen: GSD - der Modellname steht für Get Stuff Done. "Dinge erledigen". Damit es den Zweck erfüllt, muss man jedoch ordentlich draufzahlen. Der Startpreis von 4999 Euro lässt das Longtail nackt dastehen. Zum Modelljahr 2021 kommt eine geliftete Version auf den Markt, die besser ausgestattet sein soll und dank einer Federgabel auch mehr Komfort bieten dürfte.

Unser Testrad fahren wir mit Frontträger, Trittbrettern, Speichenschutz, Erwachsenensitz mit Haltebügel (abwechselnd mit Rundumbügel für den Kindertransport) und Zusatzakku. Macht rund 6400 Euro. Autsch. Immerhin sind die beiden seitlichen Packtaschen für 68 Liter und 30 Kilo im Grundpreis des Rades enthalten. Auf den Zusatzakku (770 Euro) ließe sich verzichten, obwohl er uns steckdosenfreie 14 Tage auf alltäglichen Wegen beschert hat - zum Supermarkt, als Schul-Taxi, beim Cruisen mit Passagieren. 

Fahrer lenken stets ein kleines Vermögen durch die Gegend - manche werden sich Sorgen machen, das Rad könnte geklaut werden. Am Vorderrad hat das Tern ein Felgenschloss, was als Zusatzschutz durchgeht. Origineller ist die Idee, Dieben die Gelegenheit zu nehmen, indem man das GSD vertikal parkt: Hinterradbremse anziehen, das Fahrrad aufbäumen, bis es Männchen macht und auf dem Heck steht. Das ermöglichen Aufstandspunkte. So lasse es sich fern von Bürgersteig und Straße platzsparend im Hausflur parken, lautet die Herstellerlogik. Nur: Ist der Hausflur nicht ebenerdig, muss man das schwere Lastenrad erst mal dorthin bekommen. Legen wir es also lieber in Ketten - es wär ja schade drum.

Das werden wir in Erinnerung gehalten: Ein Art Minivan aus zwei Rädern, wie behauptet, ist das GSD nicht - trotzdem haben wir damit jede Menge Stuff erledigt bekommen und dem Familienauto im Alltag viel Arbeit abgenommen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.