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22. Juli 2014, 06:26 Uhr

Autogramm Lexus NX

Wer bin ich?

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Scharfe Kanten, sanftmütiger Hybrid: Mit dem neuen NX schickt Lexus erstmals einen kompakten Geländewagen ins boomende SUV-Segment. Sein doppelter Antrieb aus Elektro- und Benzinmotor macht ihn einzigartig. Doch sonst fehlt es an Profil.

Der erste Eindruck: Vorsicht, scharf! Der NX hat so viele Sicken und Kanten, dass man bei jeder Berührung um seine Fingerkuppen fürchtet. Dazu die LED-Scheinwerfer, die schmal und stechend sind wie vor Wut zugekniffene Augen. So wird der neue Lexus zu einem böse dreinschauenden SUV, der so gar nicht zum bislang eher betulichen Markenimage passen will.

Das sagt der Hersteller: "Wir wollen gar nicht jedem gefallen", rechtfertigt Europachef Alain Uyttenhoven das martialische Design. Sondern Lexus wolle künftig stärker polarisieren, mehr Leidenschaft ausdrücken, den Charakter der Marke schärfen und auffälliger werden. Das werden die Japaner angesichts starker Konkurrenten wie BMW X3, Audi Q5 oder Porsche Macan auch brauchen.

Das ändert aber nichts an den großen Hoffnungen, die Lexus in den Nachzügler setzt: Mit über 20.000 Zulassungen pro Jahr soll er zum wichtigsten Modell in Europa werden. Dabei baut Uyttenhoven auf ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal: "Wir sind die Einzigen in dieser Klasse, die einen Hybridantrieb anbieten."

Das ist uns aufgefallen: Der NX ist in vielerlei Hinsicht ein Auto mit zwei Gesichtern: Nicht nur der grimmige Auftritt und der grüne Antrieb sind diametral entgegengesetzt. Auch der Innenraum lebt einen reizvollen Widerspruch. In der ersten Reihe erinnern die Fokussierung der Instrumente auf den Fahrer und der trennende Mitteltunnel zum Beifahrer fast schon an das Cockpit eines Sportwagens - Head-up-Display inklusive.

In der zweiten Reihe hingegen macht der Lexus auf luxuriöse Familienkutsche. Trotz des früh abfallenden Dachs sitzt man auch im Fond überraschend gut, zum ersten Mal in dieser Klasse kann man die Rückbank komplett elektrisch umlegen oder aufrichten. Weil die Hybrid-Akkus halbiert und unter der Rückbank versteckt wurden, gibt es nun einen doppelten Ladeboden und zwischen 555 und 1600 Liter Stauraum.

Was noch auffällt, ist die Liebe zum Detail und zum technologischen Gadget. Die zeigt sich am neuen Touchpad für das große Infotainment-System genauso wie an der induktiven Ladeschale fürs Handy oder an den Shimamoku-Hölzern, die so lange poliert werden, bis sie metallisch schimmern und sonst nur Konzertflügel schmücken. Alles für sich genommen, sind das tolle Details. Doch wenn man die vielen Knöpfe im Cockpit und die Materialvielfalt im Armaturenbrett betrachtet, ist es des Guten fast ein bisschen zu viel.

Das muss man wissen: Wenn der Lexus im Oktober für knapp 40.000 Euro in den Handel kommt, gibt es ihn erst einmal nur als NX 300h mit Hybridantrieb. Dann steckt vorn unter der Haube ein 2,5 Liter großer Benziner mit 155 PS, dem beim Anfahren ein 143 PS starker E-Motor an der Vorderachse zur Seite springt. In der etwa 2000 Euro teureren Allradvariante wird hinten auch noch ein Stromer mit 68 PS montiert, der bis Tempo 60 mitarbeitet und die Traktion verbessert.

Wer das Gaspedal nur mit dem kleinen Zeh bedient und vorher die EV-Taste auf dem Mitteltunnel drückt, kann mit diesem Paket ein paar Hundert Meter elektrisch durch die Stadt surren, ganz entspannt und gelassen über Land rollen und auf einen Verbrauch nahe des respektablen Normwerts von 5 Litern hoffen. So weit, so gut.

Wer allerdings etwas fester zutritt, erlebt eine Enttäuschung und hört viel Lärm um nichts. Denn die Beschleunigung lässt nach den ersten Metern merklich nach. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 180 km/h hat der Lexus de facto einen gravierenden Nachteil gegenüber den Konkurrenten von BMW oder Audi. Doch wer kauft sich schon einen Hybrid, um damit über die Autobahn zu rasen? Im Frühjahr reicht Lexus einen zweiten Antrieb nach: Der 2-Liter-Benziner tauscht Hybrid- gegen Turbotechnik, kommt auf 238 PS - und schafft immerhin 200 km/h.

Das werden wir nicht vergessen: Dass sich der Wagen nicht entscheiden kann, was er sein will. Böse Optik, eine Sitzposition wie im Sportwagen, aber dann nur 180 km/h Spitze. Eigentlich sehr passend für einen Hybrid, nicht aber, wenn man mit einem aggressiven Design vortäuscht, ein Porsche-Killer zu sein.

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