Lotus Europa SE Der Weichei-Wagen

Er ist exklusiver als ein Maybach und billiger als ein Porsche Cayman - trotzdem verkauft sich der Sportwagen Lotus Europa nicht sehr gut: Bislang wurde in Deutschland nicht einmal ein Dutzend abgesetzt. Eine neue Variante soll den Absatz nun ankurbeln.


Sie hätten es besser wissen sollen. "Wer einen Lotus kauft, will das Extreme", fasst Lotus-Sprecher Andreas Männer die Gemütslage der Kundschaft zusammen. Dass ein halbwegs komfortables Coupé bei dieser Klientel nicht ankommt, darf also niemanden wundern. Trotzdem hatte sich der britische Sportwagenhersteller Hoffnungen gemacht, als der Zweitürer vor gut zwei Jahren an den Start ging: Fast so dynamisch wie das offene Modell Elise, aber längst nicht so unkommod wie das Coupé Exige sollte die dritte Variante auf der Plattform namens Europa auch für den ganz normalen Autoalltag taugen.

Die Rechnung ging nicht auf: Lotus-Fans halten das Auto für einen Weichei-Wagen, und bei Fremdfahrern konnte Lotus auch nicht punkten. Wo den Hartgesottenen schon ein paar Millimeter Schaumstoff unter dem Sitzleder zu viel sind, jammern die Verwöhnten über das Schraubstockgefühl. Kein Wunder also, dass die Erwartungen von Lotus unerfüllt blieben.

Während zum Beispiel vom brachialen Rennhobel 2-Eleven in gut einem Jahr mehr als 200 Autos verkauft wurden, hat Lotus vom Modell Europa seit 2006 keine 500 Stück gebaut. In Deutschland fährt davon nicht einmal ein Dutzend. Damit ist die Flunder hierzulande noch seltener als etwa die fast zehnmal so teuren Dickschiffe von Maybach oder Rolls-Royce. Mehr automobile Exklusivität für weniger Geld kann man kaum erwerben.

Der Europa SE soll nun mit Extra-PS die Kunden locken

Doch Lotus bleibt hartnäckig und hat für das neue Modelljahr ein paar wichtige Änderungen für den Euroa eingeführt, die helfen sollen, den Absatz anzukurbeln. Aus dem Europa S wird jetzt der Europa SE, der ohne Aufpreis 25 PS mehr bietet, ein neues Fahrwerk bekommt und dazu strammere Bremsen. Obwohl ein Wintereinbruch zu vorsichtiger Zurückhaltung mahnte, probierte SPIEGEL ONLINE das neue Modell auf einer kurzen Schlitterpartie schon mal aus.

Dass der Europa SE kein alltägliches Auto ist, merkt man schon beim Einsteigen. Trotz des etwas höheren Dachs braucht es schon eine gewisse Gelenkigkeit, um über den breiten Seitenschweller hinunter in den Schalensitz zu gelangen. Und auch beim Fahren ist sportliches Talent von Vorteil. Denn Lotus verzichtet auf eine Servolenkung, so dass man beim Rangieren kräftige Arme braucht. Hat man jedoch die unübersichtliche Flunder heil aus der Parkbox manövriert und den Stadtverkehr bewältigt, kann das Spiel beginnen.

Spektakel auf der Landstraße

Weil der Zweilitermotor mit dem größeren Turbolader mehr Mumm hat als mancher Sportwagen und der Europa SE mit 995 Kilogramm weniger wiegt als die meisten Stadtautos, reicht schon ein sanfter Gasstoß und die Post geht ab. Jenseits von 1500 Touren überstimmt der Vierzylinder die akustische Herrschaft im Auto, das Gebrüll schwillt bis zum Schalthinweis bei gut 6000 Touren zu einem giftigen Sägen an. Die von keinerlei Elektronik im Zaum gehaltenen Räder schleudern die dünne weiße Pracht davon wie die Schneekanonen am Lauberhorn, und sobald das Gummi greift, schießt der Europa SE nach vorn. 5,4 Sekunden für den Sprint sind eine klare Ansage: 225 PS, 300 Nm – nur Lotus kann mit solch vergleichsweise geringer Leistung so ein Spektakel entfachen.

Mit der Überarbeitung hat der Europa SE zudem an Kontur und Charakter gewonnen. Das Fahrwerk wirkte auf der ersten Ausfahrt ausgewogen und gut ausbalanciert, die neuen Rennbremsen haben mehr Biss als es bei Glätte gut ist, und den bewussten Verzicht auf alle elektronischen Helfer außer einem ABS kann man mit einem feinfühligen Gasfuß kompensieren.

Bei den Kunden ist die Botschaft der Besserung bereits angekommen. Der Auftragseingang habe spürbar angezogen, sagt Firmensprecher Männer und erzählt mit einem Augenzwinkern von "prozentual zweistelligen Zuwachsraten" – bei derart mickrigen Zulassungszahlen ist das allerdings nichts Besonderes. Der Lotus Europa SE, so viel steht fest, wird ein Exot auf den Straßen bleiben.

Lotus schickt noch einen Alltagsrenner an den Start

Obwohl die Grundidee des Fahrzeugs ziemlich danebengegangen ist, wollen es die Briten nun noch einmal probieren. Als selbstgemachtes Geschenk zum 60. Geburtstag der Marke wurde im Sommer eine weitere Baureihe vorgestellt: das Modell Evora. Zu Preisen um 70.000 Euro soll er ab kommendem Mai an den Start gehen.

Zwar folgt auch er der Idee vom Leichtbau, und natürlich sitzt der Motor im Heck. Doch ist das 280 PS starke Auto abermals ein Wagen für alle Tage. Der Lotus Evora hat sogar zwei Notsitze im Fond, einen echten Kofferraum und erstmals sogar ein Handschuhfach. Anders als das Modell Europa SE hat der Evora tatsächlich das Zeug, ein paar Porsche-Cayman-, Corvette- oder Audi-TT-Fahrer zu überzeugen. Deshalb investieren die Briten auch in das Händlernetz. Während überall Verträge gekündigt werden, wollen sie die Zahl der Stützpunkte steigern, sagt Männer und jongliert für Deutschland mit imposanten Zahlen: 50 Prozent plus sind das Ziel. Das klingt viel, ist tatschächlich jedoch bescheiden: Zu den derzeit acht Händlern sollen vier weitere Betriebe kommen.



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