Lotus Evora S Alltagstauglicher Sportler für Puristen

Nur weil man ohne Verrenkungen einsteigen kann und drinnen sogar halbwegs bequem sitzt, ist der Evora nicht gleich das Warmduscher-Modell der Sportwagenmarke Lotus. Auch dieses Auto ist eher kompromisslos geraten. Besonders flott ist das Auto in der neuen, verschärften Variante Evora S.


Kniebeugen, Dehnübungen und dann die Gelenke lockern - auf ein derartiges Warm-Up, sonst vor dem Entern von Lotus-Sportwagen durchaus sinnvoll, kann man bei diesem Topmodell verzichten. Während die Lotus-Typen Elise und Exige eng und unkommod sind, gibt der Evora den zumindest halbwegs alltagstauglichen Sportwagen. Die Rückbank des Coupés ist jedoch eine Zumutung für potenzielle Passagiere und wird deshalb nur auf ausdrücklichen Wunsch und für rund 3000 Euro Aufpreis verkauft. Wer auf die Fondsitze verzichtet, findet dort stattdessen eine praktische Gepäckablage. Doch in der ersten Reihe sitzt man im Evora mindestens so bequem wie in einem Porsche Cayman, und trotz des breiten Schwellers hinter der Tür ist das Einstiegen ein Kinderspiel.

Alle anderen Hersteller würden sich über solche Beurteilungen freuen. Aber bei Lotus erwarten die Kunden ja eher das Gegenteil: den fast bis zum Masochismus übertriebenen Purismus. Sie rümpfen bei Airbag und ESP die Nase, werden bei bequemen Sitzen skeptisch und denken bei Leder auf den Konsolen mehr an das zusätzliche Gewicht als die hübschere Einrichtung. Ein Auto wie der Evora, das halbwegs bequem ist, einen Hauch von Restkomfort bewahrt, genügend Platz für Knie, Kopf und auch einen Koffer bietet und auf Wunsch sogar mit Sitzheizung bestellt werden kann, das kann in den Augen von Lotus-Fans kein echter Sportwagen sein.

Um derartige Zweifel an dem Flaggschiff zu zerstreuen, haben die Briten bei dieser Baureihe noch einmal nachgelegt und vor ein paar Wochen den Evora S lanciert. Für einen Aufpreis von exakt 10.000 Euro sitzt dann ein um 70 PS erstarkter V6-Motor im Motorraum. Mit dann 350 PS und 400 Nm liegt der Evora S auf einem Niveau mit dem Porsche 911. Das gilt beinahe auch für den Preis, denn immerhin kostet der eilige Engländer jetzt 69.990 Euro. Der schwäbische Sportwagen ist noch einige Tausender teurer, dafür aber auch das kultiviertere Auto, denn der Evora S ist trotz aller Annehmlichkeiten ein wildes, wütendes Gefährt.

Den Sechszylinder-Motor kauft Lotus von Toyota zu

Den V6-Motor des Sportwagens kauft Lotus bei Toyota ein. Beim japanischen Hersteller treibt das Aggregat so biedere Modelle wie den Camry an, nach dem Tuning durch die britischen Ingenieure wird die 3,5-Liter-Maschine jedoch zu einer famosen Furie im Drehzahlrausch. Vor allem, wenn man den unauffälligen Sportknopf neben dem Lenkrad drückt. Erst bei 4500 Touren gipfelt die Drehmomentkurve, bei 7000 Touren wird die Höchstleistung erreicht, und erst viel später beginnen im Drehzahlmesser die Warnleuchten zu blinken. Erst wenn der Zeiger Richtung Anschlag rast und der heißere Sportauspuff die Ohren klingeln lässt wird es Zeit zum Griff nach dem kleinen Schaltstummel, der sauber und zielsicher durch die Kulisse klackert.

Auf dem Weg aus der Stadt zeigt sich der Evora S noch von seiner braven Seite. Würde man mit einem Lotus Elise nervös von Ampel zu Ampel hecheln und sich gehetzt fühlen wie beim Spaziergang mit einem schlecht erzogenen Dobermann, rollt das große Coupé vergleichsweise ruhig und gelassen durch den Verkehr. Danach ein paar Kilometer Autobahn zum Aufwärmen, und dann erst geht es raus auf die Landstraße, wo der Lotus eigentlich zu Hause ist. Klack, klack, klack, schon fliegen die Gänge durchs Getriebe, jeder Gasstoß wirft einen gegen die Rückenlehne, und mit jeder Kurve steigt der Adrenalinspiegel. Nur 4,8 Sekunden braucht der Evora bis Tempo 100. Und wäre das nicht eine einsame Seitenstraße im Nordschwarzwald, sondern eine lange Gerade auf der Nordschleife, wären jetzt 277 km/h drin - immerhin noch einmal 16 km/h mehr als beim Standard-Evora.

Ein Leichtbau-Sportwagen, der hierzulande kaum Anklang findet

Den Reiz des Rasens schürt das Auto nicht nur mit der Leistung. Sondern auch durch das Leichtbaukonzept. Selbst wenn in der Mittelkonsole nun ein Navigationssystem sitzt, die Ledersitze beheizbar sind und sogar eine Klimaanlage an Bord ist, wiegt der Evora S lediglich 1437 Kilogramm. Das ist zwar ein Drittel mehr als beim Modell Elise, reicht aber noch immer für das Prädikat Leichtathlet. Deshalb kommt er beim Ampelspurt schneller aus den Puschen und bei der Kurvenhatz leichter um die Ecke. Außerdem ist der Verbrauch im Normzyklus mit 10,0 Litern vergleichsweise gering. Selbst die für Lotusfahrer ungewohnte Servolenkung und das im Sportmodus angenehm tolerante ESP können den Fahrspaß nicht trüben.

Wer den Evora S einmal über eine kurvige Landstraße getrieben hat, der akzeptiert auch das Komfort-Coupé als echten Sportwagen, freut sich im S-Modell an der zusätzlichen Leistung und genießt den wilden Sound des Sechszylinders. Nur: In der deutschen Lotus-Gemeinde findet der Evora bislang kaum Anklang. Zwar haben die Briten den Absatz hierzulande im letzten Jahr um knapp ein Drittel auf 160 Fahrzeuge gesteigert. Doch die Zulassungszahlen für den Evora sind offenbar so bescheiden, dass ihnen Lotus nur zwei Worte widmet: "Kein Kommentar."

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