Autogramm Lotus Evora Sport 410 Nacktmodell

Lotus lebt! Und zwar in Form altbekannter, aber immer wieder aufgefrischter Sportwagen. Die jüngste Frischzellenkur wurde dem Evora zuteil: Das Auto wurde leichter, härter und ist so schnell wie kein Lotus je zuvor.

Lotus

Der erste Eindruck: Wie keil ist das denn!

Das sagt der Hersteller: "Wir sind wieder da". Noch vor ein paar Jahren hätte kaum einer mehr einen Pfifferling auf den kleinsten britischen Sportwagenhersteller gewettet, in diesem Jahr jedoch soll wieder ein operativer Gewinn erzielt werden. Um das zu erreichen, wurden die Kosten radikal gedrückt und ein Drittel des Personals entlassen. Und es wurden die alten Modelle Elise, Exige und Evora zumindest so weit modernisiert, dass sie wieder Interesse wecken.

Unter dem neuen Lotus-Chef Jean-Marc Gales kehrte die Firma auf den US-Markt zurück und der durchschnittliche Umsatz pro Wagen kletterte seinen Angaben zufolge auf umgerechnet rund 57.000 Euro. "Sportwagenfans sind nach wie vor bereit, für mehr Leistung und weniger Gewicht tief in die Tasche zu greifen", sagt Gales. Aktuell produziert Lotus 2500 Autos im Jahr, doch wenn das Modell Elise neu auf den Markt kommt, sieht Gales Potenzial für 5000 Autos, mit den Nachfolgern von Exige und Evora sogar für 10.000 Fahrzeuge.

Das ist uns aufgefallen: Die Begegnung mit dem neuen Evora Sport 410 ist ein bisschen so, als würde man sein verstaubtes Lieblingsspielzeug wieder mal in die Hand nehmen. So muss man schmunzeln, wenn man vom Überführungsfahrer den alten Ford-Focus-Schlüssel in die Hand gedrückt bekommt, der bei Lotus noch Verwendung findet. Mit dem Neuanfang, so die erste Erkenntnis, ist es wohl doch nicht so weit her.

Mehr Details zum Lotus Evora im Video:

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Im Grunde ist das ein gutes Zeichen. Denn nicht nur der Schlüssel ist der Alte, sondern auch der Charakter des Autos ist geblieben. Wie es Firmengründer Colin Chapman vor mehr als 50 Jahren postulierte, geht es noch immer um maximalen Fahrspaß und minimale Ablenkung. Beides erreichen die Briten durch strenge Diät, der aller Schnickschnack zum Opfer fällt.

Der überarbeitete Evora wurde dank zahlreicher neuer Bauteile nochmals um 70 Kilogramm leichter. Ein Heckdeckel aus Karbon (minus 12 Kilo), Schalensitze aus Kohlefaser (minus 18 Kilo), geschmiedete Räder (minus 7,2 Kilo), dünnere Dämmung (minus 5,5 Kilo) sowie eine Lithium-Ionen-Starter-Batterie (minus 11,3 Kilo) zählen zu den Diätmaßnahmen. Das Leistungsgewicht wurde so auf 3,1 Kilo pro PS gedrückt.

Ansonsten reicht schon der Blick in die gähnend leere Lederlandschaft des Cockpits und man weiß, wie hier der Hase läuft: Wo sonst Touchscreens für Navi, Radio & Co. leuchten, prangt eine Alu-Plakette. Musik würde man in der nahezu ungedämmten Sardinenbüchse aus Alu, Kunststoff und Karbon ohnehin nicht hören, dazu brüllte der V6-Motor hinter der Plexiglasscheibe im Nacken des Fahrers einfach zu laut.

Der Lotus Evora Sport 410 ist ein Wachmacher. Das Fahrverhalten erinnert an gezähmte Rennwagen vom Schlage eines Porsche 911 GT3 RS. Der Motor dreht gierig auf über 7000 Touren, die Automatik wechselt die Gänge mit der Härte eines Schmiedehammers, die Lenkung reagiert feinfühlig und messerscharf und die Federung ist so unerbittlich, dass man nie das Gefühl für die Straße verliert. In dieser Manier schießt der Evora durch die englische Winterlandschaft oder über die firmeneigene Rennstrecke, dass einem Hören und Sehen vergehen. Millimetergenau lässt er sich auf der Ideallinie positionieren. Je schneller man ihn durch die Kurven treibt, desto mehr scheint man den Abtrieb zu spüren.

Es ist genau das, wofür man Lotus kennt und weshalb die Fans der Marke bis heute die Treue halten. Die Überraschung erlebt man deshalb erst am Ende der Testfahrt, wenn man aus dem engen Sitz klettert. Denn obwohl Fahrkomfort nun wirklich kein Thema ist in diesem Auto, fühlt man sich nicht abgekämpft, sondern erfrischt - als wäre man aufgeblüht in diesem Lotus.

Das muss man wissen: Man sollte ein Liebhaber sein, wenn man Lotus fahren möchte. In Deutschland gibt es gerade einmal 13 Händler. Außerdem braucht man Geduld. Wer heute einen Evora bestellt und dafür 108.500 Euro hinblättert, muss bis weit in den Sommer warten, bis der Zweisitzer ausgeliefert wird.

Während die Briten Chassis und Karosserie in Eigenregie herstellen und sogar die Karbonteile selbst backen, nutzen sie als Antrieb eine Organspende. Treibende Kraft im Evora ist ein 3,5 Liter großer V6-Motor von Toyota, den Lotus um einen Kompressor ergänzt und dadurch derart tunt, dass er am Ende 416 PS leistet und 410 Nm Drehmoment entwickelt. Das reicht für Fahrleistungen, die es bei Lotus so noch nicht gegeben hat: In 4,1 Sekunden geht es von 0 auf 100, und mit einem Spitzentempo von 305 km/h ist der Wagen das bislang schnellste Modell der Firmengeschichte.

Zumindest auf dem Prüfstand zahlt sich der Leichtbau auch beim Verbrauch aus: Mit einem Normwert von 9,7 Liter steht die mittlerweile fast zehn Jahre alte Grundkonstruktion aktuellen Sportwagen dieses Niveaus in nichts nach.

Das werden wir nicht vergessen: Kompromisslose Sitzposition, minimalistischer Komfort und rein gar nichts, was einen vom Fahren ablenkt - der Evora 410 ist genau jener Typ Sportwagen, für den man Lotus liebt und wegen dem man den Briten wirklich Glück wünscht. Selbst wenn man unterwegs, weil es keine Getränkehalter gibt, auf einen Kaffee verzichten muss. Aber wer einen Lotus artgerecht fährt, hat ohnehin alle Hände voll zu tun.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes hieß es fälschlicherweise, der Gewinn pro Fahrzeug betrage 57.000 Euro. Richtig ist, dass der Umsatz pro Fahrzeug 57.000 Euro beträgt. Wir haben den Fehler korrigiert.

Fahrzeugschein
Hersteller: Lotus
Typ: Evora 410 S
Karosserie: Coupé
Motor: V6-Kompressor-Benziner
Getriebe: Sechsgang-Automatik
Antrieb: Heck
Hubraum: 3.456 ccm
Leistung: 416 PS (306 kW)
Drehmoment: 410 Nm
Von 0 auf 100: 4,1 s
Höchstgeschw.: 305 km/h
Verbrauch (ECE): 9,7 Liter
CO2-Ausstoß: 237 g/km
Gewicht: 1.270 kg
Maße: 4385 / 1972 / 1229
Preis: 108.500 EUR
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insgesamt 140 Beiträge
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Seite 1
warum_nicht? 02.02.2017
1.
Bei 2500 Stück/Jahr dürfte Lotus eher zu den grössten britischen Sportwagenherstellern gehören und 57'000 Gewinn/Auto scheint mir bei Fahrzeugpreisen um die 100'000 etwas viel. Recherche? Zum Auto: dafür, dass man vieles weggelassen hat, ist das Auto recht schwer, erst recht für einen Lotus. Mein Schönwetterauto aus Blackpooler Produktion kommt auf 1200 kg mit Radio/CD-Wechsler, Klimaanlage, 2 Rücksitzen (gut, nur für Kinder bis 12 geeignet). Vielleicht mal den schweren Motor durch was leichteres ersetzen und das Automatikgetriebe rausschmeissen. Ich empfehle ein Tremec T5, das wiegt trocken ca. 35 kg!
varesino 02.02.2017
2. Schon ein Lichtblick im Automobilen Allerlei
Aber für einen Lotus: Immer noch zu schwer. Toyota V6, da wäre ein V8 aus zwei Hayabusa's interessanter. Und zu guter letzt der Preis. In diesem Preissegment tummeln sich noch ein paar Konkurrenten.
Bin_der_Neue 02.02.2017
3. Leichteren Motor?
Nennenswert Gewicht lässt sich am Motor aber auch nur einsparen, wenn der 3,5 Liter V6 gegen einen turbobefönten Hubraumzwerg ersetzt würde. Nein, dann lieber auf solch unwichtiges Gedöns wie Radio, CD-Wechsler (wer nutzt heute noch Wechsler??) und Klimaanlage verzichten - oder gleich einen Golf GTI kaufen. Nein, ich finde, Lotus macht mit diesem Fahrzeug absolut alles richtig. Gerade in der heutigen Zeit der weichgespülten Autos ohne Charakter.
provocator 02.02.2017
4.
Als großer Liebhaber klassischer englischer Autos finde ich, daß der Lotus viel zu "japanisch" anmutet und das beziehe ich in erster Linie auf das Design und weniger auf den Toyotamotor. Daß der Wagen eine Menge Fahrspaß bereitet, glaube ich Herrn Grünweg aber unbesehen.
warum_nicht? 02.02.2017
5.
Zitat von Bin_der_NeueNennenswert Gewicht lässt sich am Motor aber auch nur einsparen, wenn der 3,5 Liter V6 gegen einen turbobefönten Hubraumzwerg ersetzt würde. Nein, dann lieber auf solch unwichtiges Gedöns wie Radio, CD-Wechsler (wer nutzt heute noch Wechsler??) und Klimaanlage verzichten - oder gleich einen Golf GTI kaufen. Nein, ich finde, Lotus macht mit diesem Fahrzeug absolut alles richtig. Gerade in der heutigen Zeit der weichgespülten Autos ohne Charakter.
Gogglen Sie mal nach dem AJP8: 4.5 l V8, 122 kg trocken. 380-440 PS, > 500 Nm Klima bei >35°C im Sommer und einem Motor mit gewaltiger Wärmeentwicklung ist meines Erachtens wichtiger als Radio!
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