Maserati Quattroporte Die acht Tenöre

Es wurde langsam langweilig in der Oberklasse. Feinfühlige Motoren, fast geräuschloses Fahren und opulente Details prägen die Autos dieser Kategorie. Jetzt widersetzt sich Maserati dem Trend: Für den neuen Quattroporte ist Sport nicht nur eine Marketingvokabel. Ein Fahrtest mit 400-PS-Motorsound.


Maserati Quattroporte: "Unser Auto ist zu sportlich, um es abzuregeln"

Maserati Quattroporte: "Unser Auto ist zu sportlich, um es abzuregeln"

Fast alle Hersteller regeln ihre schnellen Autos bei 250 km/h ab. Sie tun dies freiwillig, und es ist vernünftig. Kaum ein Mensch beherrscht einen Wagen jenseits dieser Marke - oft geht die Kontrolle sogar schon viel früher verloren. Und meistens ist es auf den Straßen eh viel zu voll. Rocco Cammarano schaut trotzdem verständnislos, wenn dieses Thema zur Sprache kommt. "Unser Auto ist zu sportlich, um es abzuriegeln", sagt der Technikchef von Maserati Deutschland über den neuen Quattroporte, ein 1,9-Tonner, der 275 km/h schafft. Ein Argument ist das nicht, aber eine Einstellung.

Cammarano spricht lieber von "italienischer Philosophie", und das gefällt wahrscheinlich auch den Kunden besser. Gut 300 Deutsche haben bislang einen Quattroporte bestellt oder schon erhalten, insgesamt 350 sollen es in diesem Jahr werden. "Es ist ein Sportwagen mit dem Charakter einer Limousine", sagt Brandmanager Brian Fousse. Kein Einspruch.

Es fängt bei den Sitzen an, die stets aus Leder sind, geht weiter über das formschöne Cockpit, wo der Tacho bis 320 reicht, das Lenkrad mit den Schaltwippen, die Sporttaste für Getriebe und Fahrwerk und endet erst beim Dreh des Zündschlüssels. Dann beginnt der V8-Motor zu grummeln, Konzentration bitte.

Fahrzeugschein
Hersteller: Maserati
Typ: Quattroporte
Karosserie: Limousine
Motor: V8-Benziner
Hubraum: 4.244 ccm
Leistung: 400 PS (294 kW)
Drehmoment: 451 Nm
Von 0 auf 100: 5,2 s
Höchstgeschw.: 275 km/h
Verbrauch (ECE): 15,8 Liter
CO2-Ausstoß: 397 g/km
Kraftstoff: 20
Kofferraum: 450 Liter
Preis: 99.100 EUR
Sobald der Motor auf Temperatur ist, wird der Quattroporte-Fahrer zum Komponisten. Die Versuchung ist groß, mit dem 400-PS-Motor Melodien in den Fahrtwind zu malen. Ab 5000 Touren werden die acht Zylinder zu acht Tenören, es erklingt die Arie von Kraft und Geschwindigkeit. Nüchtern gesagt: In diesem Auto hört man den Motor und die vorbeirauschende Luft, das Tempo ist jederzeit präsent.

Dies ist ungewohnt im Zeitalter der komplett gekapselten Luxuskarossen, die nur mittelbar über den Tacho oder den Drehzahlmesser darüber informieren, was eigentlich los ist. Zum Beispiel Tempo 200 auf der Autobahn.

Sportwagen Quattroporte: Jeder fünfte Käufer fuhr vorher einen 7er BMW

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Im Maserati Quattroporte ist das zum Glück anders. Man spürt, wie schnell man fährt. Wie in einem anständigen Sportwagen. Dafür muss man schon im Leerlauf störende Vibrationen hinnehmen. In Fahrt nervt eigentlich nur das Cambiocorsa-Getriebe, eine automatisierte Sechsgang-Schaltbox, die entweder von alleine die Gänge wechselt oder manuell durch Betätigen der Wippen am Lenkrad. Im Normalmodus sind die Zugkraftunterbrechungen leider so lange, dass man stets ein wenig nach vorne wippt. Und im Sportmodus dreht die Steuerelektronik die Gänge bis in den roten Bereich hinein - eine Unart besonders im Stadtverkehr. Es hilft also nur die manuelle Betätigung des Getriebes, dann aber würde man liebsten alles selbst erledigen, also auch kuppeln.

Das dennoch rundum tolle Fahrerlebnis mit dem Quattroporte wird abgerundet durch einen geschmackvoll eingerichteten Innenraum mit Holzvertäfelungen, Lederverkleidungen, schönen Formen und einer mandelförmigen Uhr in der Mitte des Armaturenbretts. Zu Übertreibung neigen die Italiener, wenn es um ihr Markenlogo, den Tridente (Dreizack), geht: Mindestens zehnmal ist er allein innen sichtbar - auf dem Lenkrad, in der Uhr, auf den Kopfstützen, in den Cockpitinstrumenten und auf der Mobiltelefonhalterung.

Gut sind das Platzangebot und der Einstieg zu den hinteren Plätzen. Der Quattroporte hält Wort, Fondpassagiere kommen beispielsweise viel bequemer auf ihre Plätze als im BMW 7er. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass jeder Fünfte, der bislang den Kaufvertrag für den großen Maserati unterschrieben hat, vorher mit dem 7er BMW unterwegs war, wie die Italiener mitteilen.

Diese Kunden fahren demnächst also eine zweifellos sportlichere Limousine als bisher; zugleich eine elegantere und exklusivere. Allerdings auch eine mit einem kleineren Kofferraum, einem höheren Benzinverbrauch und einem teureren Preis. Wie gesagt, es ist nicht mehr ganz so langweilig in der Oberklasse, grazie Quattroporte.



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