Maybach 62 Flanieren im Fond

Ich hab's geschafft. Ich trage weder eine goldene Rolex, einen weißen Kaftan mit Scheich-Kopftuch, noch einen frisierten Pudel auf dem Arm. Und doch sitze ich in einem der luxuriösesten Autos, das man zurzeit auf diesem Planeten für (viel) Geld kaufen kann: dem Maybach 62.

Von Frank Wald


Maybach 62: Wie auf dem Deckchair eines Luxusliners

Maybach 62: Wie auf dem Deckchair eines Luxusliners

Ein Chauffeur öffnet die riesige Fondtür des 6,17 Meter langen und zweifarbig in Irish Green und Rocky-Mountain-Beige lackierten Luxusliners. Manfred Luik heißt der freundliche Herr mit dem schlohweißen Haar und dunklem Anzug. Seit 1959 sitzt der 66-Jährige als Vorstandsfahrer beim Maybach-Mutterkonzern DaimlerChrysler am Steuer jeder Mercedes-Luxuslimousine. Doch "der Maybach überstrahlt alles, was ich je an Autos gefahren habe".

Er bittet mich, im hinteren Salon in den Sesseln aus hellbeigem Nubukleder Platz zu nehmen. Ich strecke die Beine aus, bis zum Fahrersitz misst die Distanz 1,57 Meter. Auf Knopfdruck fährt die Rückenlehne nach hinten, das Sitzkissen hebt sich und die elektrisch ausfahrbare Beinauflage samt Fußstütze wird länger und länger, bis ich wie auf dem Deckchair eines Luxus-Kreuzers liege. Über mir lacht der blaue Himmel durch das elektromagnetische Panorama-Glasdach, dessen Flüssigkristall-Folie auf Knopfdruck das Dach in diffuses Licht taucht.

Luxus mit Ausblick: Elektomagnetisches Panorama-Glasdach

Luxus mit Ausblick: Elektomagnetisches Panorama-Glasdach

Manfred Luik startet den V12-Zylindermotor. Hat er oder hat er nicht? Das 5,5-Liter-Biturbo-Triebwerk ist nicht zu hören. Doch wir rollen, also muss er wohl. Dezent und unaufdringlich beschleunigt der leistungs- und drehmomentstärkste Motor der Welt den knapp 2,8 Tonnen schweren Wagen. 550 PS und 900 Newtonmeter Drehmoment sorgen für souveränes Gleiten, könnten den Maybach 62 aber auch sportwagengleich in 5,4 von 0 auf hundert schnellen lassen. Doch das will im Grunde kein Mensch, zumindest nicht der, der im hinteren Salon des Maybach 62 sitzt.

Hier haben die Ingenieure nämlich alles rein gepackt, was der Unterhaltung und dem Genuss dient. Über schwenkbare Neun-Zoll-Monitore in den Lehnen der Vordersitze lassen sich TV, DVD und CD-Wechsler steuern. In der aufwändig gestalteten Mittelkonsole zwischen den Sitzen finden sich Laptop-Anschlüsse, eine Telefonzentrale mit integriertem und einem portablen Handy sowie individuell einstellbare Klapptische mit Edelholz und stabilen Alu-Gelenken. Der Duft der großen weiten Welt strömt eine Etage tiefer im bordeigenen Kühlschrank aus einer Flasche Veuve Cliquot-Champagner,

Fahrzeugschein
Hersteller: Maybach
Typ: 57
Karosserie: Limousine
Motor: V12-Benziner
Hubraum: 5.513 ccm
Leistung: 551 PS (405 kW)
Drehmoment: 900 Nm
Von 0 auf 100: 5,2 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 15,9 Liter
CO2-Ausstoß: 377 g/km
Kraftstoff: Super
Kofferraum: 600 Liter
Preis: 310.000 EUR
die dank einer speziell konstruierten Stütze auch angebrochen während der Fahrt keinen Tropfen verliert. Die passenden Silberkelche mit Doppel-M-Logo dazu sowie entsprechende Trinkpokale der Flensburger Silberschmiede Robbe&Berking verbergen sich hinter einer weiteren Klappe.

So gleiten wir durch die Straßen Hamburgs, in die DaimlerChryslers Edelmarke zurzeit Journalisten aus aller Welt zur Fahrerprobung gebeten hat. In der Stadt mit den angeblich meisten Millionären sorgt die High-End-Limousine zwischen Jungfernstieg und Elbchaussee für Anerkennung und Ansammlungen, sobald der Wagen stoppt. Fragende Blicke: Was ist das denn? Wer sitzt denn da drin? Wie viel mag das wohl kosten? Wie kommt man an so ein Auto heran?

Maybach 62: 550 PS und 900 Newtonmeter Drehmoment

Maybach 62: 550 PS und 900 Newtonmeter Drehmoment

Nun, dazu gäbe es viel zu berichten. In der Maybach-Manufaktur (daher das MM-Logo auf der Motorhaube) in Sindelfingen werden pro Tag etwa fünf Autos gebaut. Alles Einzelstücke versteht sich. Zu Preisen ab 310.000 Euro für den kürzeren Maybach 57 und 360.000 Euro für den Kingsize-Maybach 62. Ohne Mehrwertsteuer. Doch auch das sind nur unverbindliche Richtwerte. Denn den individuellen Wünschen der Kunden sind bei theoretisch rund zwei Millionen Gestaltungskombinationen in Bezug auf Lackierung, Innenraumstyling und Ausstattung kaum Grenzen gesetzt sind. Hinzu kommen Zubehör-Extras wie eine in Holz gefasste Trennscheibe mit Gegensprechanlage, ein Kofferset in Maßanfertigung oder ein extra langer Humidor für die Havanna-Zigarren.

Die Frage, die jedoch einen Autotester, nach einem Tag in ungewohnt waagerechten Haltung, mehr interessiert: Wie fährt er sich? In der 44 Zentimeter kürzeren Variante Maybach 57 dürfen wir es selbst ausprobieren. Und erleben das Mercedes-typische "Willkommen zu Hause"-Gefühl. Denn bis auf Edelhölzer und Klavierlack erinnert das Cockpit in Anmutung und Funktionen sehr an die S-Klasse. Wie auch das Fahren selbst. Der Luxusdampfer überrascht mit einer erstaunlichen Behändigkeit, die man ihm auf Grund einer Breite von fast zwei Metern kaum zugetraut hätte. Trotz seiner 2,7 Tonnen wirkt die Karosse weder behäbig noch schwammig. Die Lenkung ist direkt und straff.

Maybach 62: Cockpit hat Ähnlichkeit mit der Mercedes S-Klasse

Maybach 62: Cockpit hat Ähnlichkeit mit der Mercedes S-Klasse

Nur in schneller gefahrenen Kurven machen sich die zusätzlichen Pfunde durch sanftes Schieben bemerkbar. Wie allerdings auch die zwei unabhängig voneinander arbeitenden Bremsanlagen, die dem ungestümen Vorwärtsdrang des Zwölfzylinders jederzeit präzise dosiert Einhalt gebieten. Der Spritverbrauch liegt bei zügiger Fahrweise im Bereich von 18 Litern pro 100 Kilometer - was im Vergleich zu anderen Luxuslinern noch ein ausgesprochen guter Wert ist.

Bleibt am Ende die Frage: Was gewinnt ein Kunde, der statt eines Mercedes S600, immerhin auch mit zwölf Zylindern und 500 PS üppig motorisiert, einen fast dreimal so teuren Maybach 57 ordert? Das, was ein rund 100.000-mal pro Jahr verkauftes Massenmodell eben nie bieten kann: Exklusivität und Luxus. Zumindest müssen so etwas die ersten 1000 Kunden denken, die schon jetzt die komplette Jahresproduktion aufgekauft haben.



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