Autogramm McLaren GT Langstreckübung

McLaren steht für kompromisslose Sportwagen, möchte nun aber mit dem GT alltagstauglich werden. Der bietet erstaunlich viel Platz für Gepäck - und einen raffiniert gekühlten Kofferraumgriff.

SPIEGEL ONLINE

Von Thomas Geiger


Der erste Eindruck: Das Auto ist flach, hat Flügeltüren - und ist dennoch der bislang alltagstauglichste McLaren in der Geschichte der Marke. Auffällig ist vor allem das langgezogene Heck, das den GT auf Anhieb von den anderen Modellen aus Woking unterscheidet.

Das sagt der Hersteller: "Seit wir wieder Straßenautos bauen, haben wir die Sportwagenwelt ziemlich durcheinandergewirbelt", sagt McLaren-Produktmanager Ian Digman selbstbewusst. In den vergangenen zehn Jahren setzte die Marke knapp 50.000 Autos ab. "Jetzt nehmen wir uns das nächste Stück des Marktes vor", so Digman. Das klingt verdächtig nach dem Vorgeplänkel zu einem SUV - Porsche mit dem Cayenne oder Lamborghini mit dem Urus haben es vorgemacht.

Doch Digman winkt ab. "Einen Geländewagen wird es von uns nicht geben." Einen Gran Turismo aber schon. Also einen bequemen Sportwagen wie den neuen GT. Plötzlich werden bislang ignorierte Kenngrößen wie Bodenfreiheit, Kofferraumvolumen oder die Härte der Sitzpolster wichtig. "Dennoch sind wir unseren Prinzipien treu geblieben und haben die Fahrzeuggattung neu definiert", prahlt Digman. Der GT sei der einzige Gran Turismo mit Karbon-Chassis, der einzige mit Mittelmotor, er biete nur zwei statt vier Sitzplätze, und natürlich Flügeltüren.

Das ist uns aufgefallen: Der Leichtbau zahlt sich aus und der Verzicht auf eine Rückbank lässt sich verschmerzen. Denn mal ehrlich - mehr als eine Reisetasche oder eine Jacke passen im Porsche 911 oder im Bentley Continental ohnehin nicht auf die Sitze in der zweiten Reihe. Den Platz hinter dem Fahrer belegt im GT deshalb der Motor.

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Autogramm McLaren GT: Reisen und Rasen

Das Resultat dieser Einstellung: Der GT giert geradezu nach Kurven. Ja, auf einer leeren Autobahn wird er bei Vollgas bis zu 326 km/h schnell. Aber viel mehr Spaß macht es, über eine Landstraße zu surfen oder einen Alpenpass zu stürmen. Denn selbst mit der sanftesten Lenkung in der McLaren-Palette ist der GT noch immer schärfer und direkter als jeder Konkurrent.

Dabei hat McLaren durchaus an den Komfort gedacht, und zwar über das dezent gewachsene Platzangebot, die etwas dicker gepolsterten Sitze, das Handschuhfach und den separaten Schminkspiegel vor dem Beifahrersitz hinaus: Das Fahrwerk berechnet Unebenheiten voraus und justiert die Dämpfung entsprechend. Die Bodenfreiheit wurde auf 110 Millimeter angehoben und erreicht zusammen mit dem hydraulischen Lift-System auf Knopfdruck mit 130 Millimetern zumindest kurzfristig das Niveau einer Mercedes C-Klasse. Der Auspuff des Wagens schluckt den Lärm des Achtzylinders und ermöglicht im Zusammenspiel mit schallschluckenden Reifen, gut isolierten Scheiben und einer ausgefeilten Aerodynamik auch bei Tempo 160 noch Gespräche ohne Geschrei.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des McLaren GT - mit unserem 360-Grad-Foto:

Während der Fahrer genießt, wirkt das Auto allerdings seltsam unwillig und unbefriedigt. Denn der GT will Auslauf und kennt spätestens nach dem Wechsel in den Sport-Modus kein Halten mehr. Das Fahrwerk nimmt dann keine Rücksicht mehr auf die Knochen der Insassen und mit geöffneten Schallklappen wird es in der Kabine so laut, dass an Gespräche nicht mehr zu denken ist. Das Lenkrad muss man dabei jedoch nicht mit verkrampften Händen festhalten, vielmehr lässt sich der Wagen fast mit den Fingerspitzen fahren.

Das muss man wissen: Die Produktion des GT hat bereits begonnen, die Auslieferung startet im letzten Quartal 2019 zu Preisen ab 198.000 Euro. Zwar nutzt McLaren für die neue Baureihe bekannte Komponenten, hat aber sowohl das Karbon-Chassis als auch den Motor gründlich modifiziert und zudem kein bislang schon verwendetes Karosserieteil übernommen.

Trocken wiegt der GT 1466 Kilo und damit mindestens 130 Kilo weniger als der bislang leichteste Wettbewerber. Die Leistung des Vierliter-V8-Turbomotors beträgt 620 PS, die Fahrwerte zeugen von der Nähe zum Rennwagen: Von 0 auf 100 sprintet der GT in 3,2 Sekunden, 200 km/h sind nach 9,0 Sekunden erreicht.

Beim McLaren GT sind die Entwickler auf eine weitere Kennzahl stolz. 570 Liter - das ist das Gesamtvolumen der beiden Kofferräume des GT. 150 Liter sind es im Bug, 420 Liter auf der fein ausgeschlagenen Ablage hinter den Sitzen. Das reiche wahlweise für zwei Golfsäcke, zwei Paar Ski oder drei Reisetaschen, prahlt der Hersteller.

Das werden wir nicht vergessen: Die Liebe zum Detail, die McLaren auch in Disziplinen an den Tag legt, die für die Marke völlig neu sind. Dazu gehört etwa der gemeinsam mit der Nasa entwickelte Bezugsstoff für den Ladeboden, der dank mikrofeiner Keramik-Chips resistent ist gegen Kratzer durch Koffer. Oder die Aerodynamik, die eine isolierende Luftschicht zwischen Motor- und Kofferraum legt, um so das Gepäck vor Hitze zu schützen, und zugleich den Griff der Kofferraumklappe kühlt, damit sich beim Öffnen niemand die Finger verbrennt. Solche Raffinessen zeugen davon, dass den Ingenieuren das Reisen offenbar tatsächlich genauso wichtig war wie das Rasen.

Fahrzeugschein
Hersteller: McLaren
Typ: GT
Karosserie: Coupé
Motor: V8-Turbobenziner
Getriebe: Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Heck
Hubraum: 3.994 ccm
Leistung: 620 PS (456 kW)
Drehmoment: 630 Nm
Von 0 auf 100: 3,2 s
Höchstgeschw.: 326 km/h
Verbrauch (ECE): 11,9 Liter
CO2-Ausstoß: 270 g/km
Kofferraum: 570 Liter
Gewicht: 1.446 kg
Maße: 4683 / 2095 / 1213
Preis: 198.000 EUR

Thomas Geiger ist freier Autor und wurde bei seiner Recherche von McLaren unterstützt. Die Berichterstattung erfolgt davon unabhängig.

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insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
AGCH 01.10.2019
1.
Werden die in den Gepäckraum passenden Koffer mitgeliefert, wie seinerzeit beim F1? Bis zu welcher Länge passen Ski in den Kofferraum? (Nach einem manuellen Getriebe frage ich jetzt besser nicht.) An sonsten freue ich mich schon auf die heutigen Kommentare.
chrismuc2011 01.10.2019
2.
In den Kofferraum passen 2 Paar Ski? Respekt! Zersägt oder im Stück? Muss sich dabei wahrscheinlich entsprechend der Kurvengierigkeit des McLaren um kurze Slalomski handeln.
barlog 01.10.2019
3.
1466 kg? Sicher wird bald ein Forist klarstellen, daß auch die McLaren-Ingenieure sich damit weit vom "echten" Sportwagenbau entfernt haben.
uhoeness 01.10.2019
4. Kein SUV!
Das ist gut. Bei diesem Auto kann man sicher sein, dass keine Mama die Kids zur Schule fährt und kein Vertreter eine 500 PS Schrankwand Marke Audi, BMW oder Mercedes bewegt. Ein Auto für Menschen die gerne Auto fahren. Und den Preis finde ich OK. McLaren macht verdammt viel richtig - im Gegensatz zu den deutschen Kollegen...
merlin 2 01.10.2019
5. Einer der schönsten Straßenflitzer, die es gibt!
Ich bin ein freund geschwungener Linien und das hier ist einer der schönsten Straßenflitzer, die es gibt! Kein Riesengrill vorne, der einem die Zähne fletscht, kein fieser Blick, kein nach hinten rausgeführter Monsterdiffusor: Die Linienführung flüssig und ohne Brüche und das Ganze offensichtlich auch noch alltagstauglich. Very Sexy!
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