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17. November 2014, 12:37 Uhr

Autogramm Mercedes-AMG GT-S

Wenn Schwaben Schwaben plagen

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Mercedes-AMG greift mit dem neuen GT unverhohlen den Porsche 911 an. Bei der Testfahrt zeigt der Herausforderer nur wenige Schwächen und sammelt viele Sympathien - in einer Hinsicht bleibt er dem ärgsten Widersacher aber unterlegen.

Der erste Eindruck: Ein geiler Pfeil. Die Karosserieskulptur ist stimmig, kommt mit wenigen Linien aus und verzichtet auf effekthascherisches Ornat.

Das sagt der Hersteller: AMG will mit dem GT endgültig das Image des Mercedes-Werkstuners abschütteln und sich als Sportwagenhersteller etablieren. Deshalb hat man sich in Affalterbach bei Stuttgart gleich Schwergewichte als Gegner ausgesucht, den Porsche 911 zum Beispiel, der im rund 20 Kilometer entfernten Zuffenhausen gebaut wird, oder den Jaguar F-Type. "Wir haben ein Segment gewählt, in dem ein paar namhafte Wettbewerber am Start sind", sagt Entwicklungsleiter Jochen Hermann, "wo könnten wir besser beweisen, was wir drauf haben?"

Das ist uns aufgefallen: Im AMG GT sitzt man näher am Asphalt als in jedem anderen Mercedes-Modell. In die Zange genommen vom hohen Seitenschweller und dem riesigen Mitteltunnel, sieht man die Welt da draußen durch schmale Schießscharten und hinter einer sehr langen Motorhaube. Vorn brüllt der V8-Motor, im Rücken knallt das Doppelkupplungsgetriebe den ersten Gang rein, und die Fliehkräfte spielen mit den Insassen Pingpong. Das Auto lässt sich rasend über die Piste treiben und dabei problemlos kontrollieren.

Ja, der GT ist ein begeisterndes Auto. Aber im Vergleich zu einem Porsche 911 ballert er dann doch nicht ganz so selbstverständlich auf der Ideallinie. Das gilt auch für die aufgerüstete Variante GT-S, die mit einem Motorlager mit veränderbarer Dämpfung, elektronisch geregeltem Sperrdifferenzial an der Hinterachse und verstellbarem Fahrwerk ausgestattet ist.

An der "AMG Drive Unit" - so heißt die von Knöpfen übersäte Kraterlandschaft auf dem Mitteltunnel - lässt sich unter anderem auch ein komfortables Set-up für die Langstrecke einstellen. Allerdings ist es mit der von AMG proklamierten Alltagstauglichkeit nicht weit her: Die Sicht aus dem Auto ist ziemlich schlecht, und Assistenzsysteme wie ein Head-up-Display oder ein Abstandstempomat fehlen. Außerdem verrenkt man sich leicht beim Griff zum zu weit hinten platzierten Schaltknauf und sucht ewig nach den Schaltern für Warnblinker oder Sitzheizung, die am Dachhimmel untergebracht sind. Und was nutzen 350 Liter Kofferraumvolumen, wenn sich die riesige Klappe am Wagen nur über den Funkschlüssel öffnen lässt?

Das muss man wissen: Streng genommen ist der AMG GT der Nachfolger des Mercedes SLS und übernimmt dessen Aluminium-Konstruktion ebenso wie die Transaxle-Bauweise mit dem Motor vorn und dem Getriebe hinten. Doch der 1,5 Tonnen schwere GT ist nicht nur etwas kompakter und gezielter auf Sportlichkeit getrimmt, sondern kostet auch weniger als der SLS. Selbst der GT-S, mit dem die Baureihe im April startet, ist 50.000 Euro billiger und wird ab 134.351 Euro angeboten. Im Sommer wird dann der normale GT folgen, zum Grundpreis von 115.430 Euro.

Komplett neu im Vergleich zum SLS ist der Motor des AMG GT. Statt 6,2 Liter Hubraum müssen nun 4,0 Liter reichen, und während das alte Triebwerk noch ansaugen und deshalb hemmungslos saufen durfte, sorgen bei der neuen Maschine zwei Turbolader für zusätzlichen Druck in den Brennkammern. Leistung satt ist dennoch vorhanden. Der Motor des GT-S entwickelt 510 PS und 650 Nm Drehmoment, bei einer Geschwindigkeit von 310 km/h wird der Vortrieb abgeregelt. Beim GT sind es 462 PS, 600 Nm und ein Spitzentempo von 304 km/h. Der Motor ist explosiv und gierig, und der Begrenzer legt ihn erst bei 7200 Touren an die Kette, doch ganz so vital wie der alte Sauger klingt er nicht. Erst wenn man die Schallklappen im Auspuff öffnet, wird aus dem Aggregat eine große PS-Philharmonie.

Wer AMG kennt, den wird die umfangreiche GT-Familienplanung nicht wundern. Eine Rennversion ist daher ebenso nur noch eine Frage der Zeit wie eine extrascharfe Black Series. Ein GT Roadster sei jedoch vorläufig noch kein Thema, sagt Entwicklungschef Hermann. So richtig glauben kann man ihm das aber nicht.

Das werden wir nicht vergessen: Porsche-Chef Matthias Müller tut es süffisant als Kompliment ab, dass sich Mercedes-AMG nun an einem 911er-Konkurrenten versucht. Sportwagenfans jedoch sehen das offenbar ein bisschen anders. Wo der GT bei der ersten Testfahrt auch auftauchte, bekam das Auto spontanen Szenenapplaus. Taxifahrer, Streifenpolizisten, Studenten im Prius und gesetzte Herren in dunklen Limousinen - sie alle zückten das Smartphone für einen Schnappschuss des Fegers. Und selbst einige Porsche-Fahrer reckten den Daumen nach oben.

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