Autogramm Mercedes AMG GT Coupé-Limousine Das Tier für vier

Die Mercedes-Tuningmarke AMG baut Autos für Egoisten. Den GT hat man jetzt als Viertürer zur Familienkutsche gemacht - kann das funktionieren?

Mercedes

Der erste Eindruck: Die Kehrseite des AMG GT für die Familie ist auf Anhieb gelungen: Geschmeidig und wie aus einem Guss fällt das Heck ab. Große Luftauslässe und Auspuff-Endrohre symbolisieren die Kraft, die im Wagen steckt. Obwohl der Viertürer mit 5,05 Metern Länge ein riesiges Auto und für einen Sportwagen viel zu hoch ist, sieht er auch als Ganzes nicht unförmig aus.

Das sagt der Hersteller: Fahrspaß in einer neuen Dimension - so feiert AMG-Chef Tobias Moers den geräumigeren Bruder des GT als Zweitürer. Auch der Viertürer habe seine Wurzeln auf der Rennstrecke, sagen die Schwaben. Aber mehr denn je tauge er auch für den Alltag zwischen Kindergarten und Büro. "Damit lösen wir eines der größten Dilemmata, in das wir unsere AMG-Kunden bislang gestürzt haben", sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche augenzwinkernd. Denn so sportlich man mit einem E 63 oder einem S 65 auch unterwegs sein könne - "wer 100 Prozent AMG wollte, der musste bislang 50 Prozent der Familie zu Hause lassen". Jetzt dagegen gebe es immer noch reichlich Performance und im Fond Platz für zwei, zur Not sogar drei Mitfahrer einschließlich des Gepäcks für einen Wochenendtrip, ergänzt AMG-Chef Moers, der selbst zwei Kinder hat. Der Viertürer ist auch eine weitere Etappe auf dem Weg zur Emanzipation der Tuningmarke von der Mutter Mercedes und zugleich ein Schlag ins Gesicht der Konkurrenz. Denn während die BMW M GmbH seit dem seligen M1 nur noch Serienmodelle tunen darf, ist der GT Viertürer nach den eingestellten SLR und SLS sowie dem GT Zweitürer schon das vierte eigenständige Auto von AMG.

Tom Grünweg

Das ist uns aufgefallen: Gewöhnlich baut AMG Autos für Egoisten. Schließlich sieht sich die Firma vordringlich dem Spaß des Fahrers verpflichtet. Doch beim GT Viertürer beweisen die Verantwortlichen zum ersten Mal Rücksicht und denken an die Hinterbänkler. Nicht umsonst wurden gleich drei verschiedene Sitzkonfigurationen entwickelt. Standard sind zwei tief ausgeschnittene Einzelsitze, alternativ gibt es eine Dreiersitzbank oder eine Business-Bestuhlung mit extrabreiter Mittelkonsole samt Touchscreen fürs Infotainment. Egal auf welcher Sitzart - immer haben Passagiere genügend Bein- und überraschend viel Kopffreiheit sowie einen für Sportwagen ziemlich üppigen Kofferraum mit 461 Liter Volumen. Bei zwei der drei Rückbankvarianten sind die Lehnen umklappbar. Abgesehen von der unangenehm hohen Ladekante wird der Viertürer dann beinahe zum Kombi.

Aber so bequem es im Fond auch zugeht, besonders lockt der Platz hinter dem Lenkrad. Erst recht, wenn der Wagen das Spitzenmodell GT 63S mit dem 639 PS starken Achtzylindermotor ist. Wer dem Lockruf folgt, erlebt ein Auto, mit dem das Koordinatensystem der PS-Welt gehörig gedehnt wird. Denn für einen Luxusliner ist der GT tatsächlich verdammt sportlich und für einen Sportwagen ziemlich luxuriös.

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Autogramm Mercedes AMG GT Viertürer: Jedem sein Türchen

Dafür sorgt unter anderem das halbe Dutzend Fahrprogramme, die sich über einen pfiffigen Displayschalter am Lenkrad oder mittels winziger Displays auf dem Mitteltunnel einstellen lassen. Dann flimmern nicht nur neue Grafiken über den sehr breiten Bildschirm im Cockpit - das Auto spannt mit jedem Fingerdruck die Muskeln ein bisschen mehr an und schärft die Sinne. Aus einem souveränen, in sich ruhenden Komfortauto wird so peu à peu eine Fahrmaschine, die nervös Gasbefehle einfordert, lautstark durch die extraweit geöffneten Auspuffrohre bollert und einfach nur losjagen will.

Was man dabei lange Zeit überhaupt nicht bemerkt, sind Größe und Gewicht des Viertürers. Für ein Auto von mehr als zwei Tonnen und mehr als fünf Metern fühlt er sich jedenfalls ungeheuer handlich und heißblütig an. Kein Wunder, wenn Motorleistung und 900 Nm Drehmoment an allen vier Rädern zerren. Und wenn die Allradlenkung den Wagen dank gegenläufig einschlagender Hinterräder zügig durch die Kurven führt. Das macht extrem viel Spaß auf einer Landstraße oder, wenn's unbedingt sein muss, auch auf einer Rennstrecke. Auf der Autobahn dagegen, wo die Kurven weiter und die Geschwindigkeiten höher sind, lenkt die Hinterachse bei diesem System parallel zu den Vorderrädern, was besonders entspannte Spurwechsel ermöglicht. Und das kann bei einem Spitzentempo von bis zu 315 km/h ja nicht schaden.

Das muss man wissen: Die Produktion des GT Viertürers, der aus Platzgründen nicht bei AMG in Affalterbach, sondern genau wie der Zweitürer im Mercedes-Stammwerk Sindelfingen gebaut wird, hat bereits begonnen, und in diesen Tagen soll die Auslieferung starten. Los geht es - immer mit 9-Gang-Automatik und Allradantrieb - bei 95.260 Euro mit dem GT 43, der mit einem 367 PS starken Reihensechszylindermotor samt 22 PS starkem E-Booster vorfährt. Den gleichen Motor gibt es für 109.183 Euro auch im GT 53 mit 435 plus 22 PS. So richtig ernst wird es aber erst mit den vier Liter großen V8-Triebwerken im GT 63 und im GT 63S - das gilt für die Leistung von 585 oder 639 PS genau wie für den Preis von 150.819 und 167.017 Euro. Zumal es dabei nicht bleibt. Sondern wie bei Mercedes im Allgemeinen und bei AMG im Besonderen gibt es eine lange Liste mit Extras für Protz, Prestige und Performance, mit denen man den Preis spielend über 200.000 Euro treiben kann. Noch ein Wort zum Selbstverständnis von AMG: Egal welchen Motor Käufer bestellen - Fahrer sind damit immer sportlicher unterwegs als in den Limousinen oder Coupés aus der Großserie.

Das werden wir nicht vergessen: Wie schwer man den viertürigen GT in die Mercedes-Palette einsortieren kann. Denn fortan haben nicht nur die Konkurrenzmodelle von Porsche (Panamera), Audi (A7) und Aston Martin (Rapide) eine Sorge mehr, sondern auch für den kürzlich vorgestellten Mercedes CLS wird mit einem weiteren Luxuscoupé aus dem eigenen Haus die Luft dünner.

Fahrzeugschein
Hersteller: AMG
Typ: AMG GT Viertürer
Karosserie: Limousine
Motor: V8-Turbobenziner
Getriebe: Neungang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 3.982 ccm
Leistung: 639 PS (470 kW)
Drehmoment: 900 Nm
Von 0 auf 100: 3,2 s
Höchstgeschw.: 315 km/h
Verbrauch (ECE): 11,3 Liter
CO2-Ausstoß: 257 g/km
Kofferraum: 461 Liter
Gewicht: 2.045 kg
Maße: 5054 / 1871 / 1447
Preis: 167.017 EUR
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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
hermanngaul 28.09.2018
1. endlich mal gute Nachrichten
eins von vielen Dilemmata weniger. Endlich können Väter sportlich und mit der Familie unterwegs sein. Glückliche Zeiten für eine völlig vergessene Randgruppe, welche verzweifelt sich bisher am gordischen Knoten abgearbeitet hat.
eprimus 28.09.2018
2. Mogelpackung
Da Wagen wird nicht aus Platzgründen im Stammwerk gefertigt, sondern weil er in Wirklichkeit auf der E-Klasse statt AMG GT basiert. Das Label ist daher genau genommen Etikettenschwindel, kann man u.a. in der aktuellen AMS nachlesen, lieber Herr Grünweg.
toll_er 28.09.2018
3. Genau
Ja! Solche Tiere brauchen wir auf den Straßen. Machen wir Autobahnen zur Wildnis. Ich freue mich schon drauf.
_Grunzi_ 28.09.2018
4. Klar das ..
Bei so was: ...."die Muskeln ein bisschen mehr an und schärft die Sinne. Aus einem souveränen, in sich ruhenden Komfortauto wird so peu à peu eine Fahrmaschine, die nervös Gasbefehle einfordert, lautstark durch die extraweit geöffneten Auspuffrohre bollert und einfach nur losjagen will." Auch andere Körperteile um mehrer Zentimeter wachsen
pit-m 28.09.2018
5. Solange
Man Autos in dieser Form baut wird das nichts mit dem Klima, :-)
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