Günstige Oldtimer - der Mercedes 190 Baby, ich bin ein Benz!

Wenig Geld, aber trotzdem Lust auf einen Oldtimer? Kein Problem - es gibt sie nämlich, die Schnäppchenschlitten. Diesmal: der Mercedes 190, der gleich mehrfach mit Traditionen des Stuttgarter Konzerns brach.

Daimler

Günstige Oldtimer
    Sie haben richtig Lust auf einen Oldtimer, trauen sich aber nicht, einen zu kaufen, weil Altautos in vielen Medien nur noch als Wertanlage thematisiert werden? Keine Angst, man muss nicht erfolgreich an der Börse spekuliert haben, um schönes Blech zu fahren.

    Klar, für Opas abgelegte Karren von Mercedes oder BMW sind inzwischen stolze Summen fällig, und für die meisten alten Porsches werden heute Mondpreise gezahlt. Aber zwischen all den teuren Strahlemännern, die in der Regel kaum noch bewegt werden, gibt es sie noch: die Mauerblümchen, die Exoten, die kaum jemand auf dem Schirm hat - und die entsprechend wenig kosten. Und das nicht nur in der Anschaffung, sondern auch im Unterhalt. Autos, bei denen die Ersatzteilversorgung kein Problem ist und für einen Auspuff nicht ein ganzes Monatsgehalt einkalkuliert werden muss.

Wir haben sie zusammengetragen und stellen sie in einer Serie in regelmäßigen Abständen vor.

Mercedes-Benz 190E

Mercedes-Benz Kompaktklasse-Limousinen, Modelle der Baureihe 201.
Daimler

Mercedes-Benz Kompaktklasse-Limousinen, Modelle der Baureihe 201.



Allgemeines zum Modell: 1982 brachte Daimler-Benz den Mercedes 190 auf den Markt, um dem erfolgreichen 3er-BMW Paroli zu bieten. Die Begeisterung hielt sich anfangs stark in Grenzen: kein Chromschmuck, ein grob abgeschnitten wirkendes Heck. "Wie kann man so ein Auto bauen?", motzten vor allem Mercedes-Stammkunden. Sie waren bis dato nur die barocke Mittelklasse-Baureihe W123 und die S-Klasse W126 gewöhnt.

Der 190er brach gleich mehrfach mit den Traditionen des Stuttgarter Konzerns: Statt wie bisher mit eher rundlichen Formen kam das neue Modell ungewohnt kantig daher, das aerodynamische Design war ohne jede Spielerei und Schnörkel. Die größte Besonderheit stellten aber die kompakten Abmessungen des 190ers (Länge 4,42 Meter, Breite 1,67 Meter) dar, der bald den Spitznamen "Baby-Benz" bekommen sollte. Nach anfänglichen Zweifeln begannen die Kunden schnell, den Wagen zu lieben.

Denn technisch war den Ingenieuren ein großer Wurf gelungen. Neben dem für die Achtzigerjahre vorbildlichen Luftwiderstandswert von nur 0,33 CW trumpfte der 190er mit einem völlig neu konstruierten Fahrwerk auf. Die Dämpferbein-Vorderachse ermöglichte einen optimalen Geradeauslauf. Zusammen mit der aufwendig konstruierten Raumlenker-Hinterachse bestach die vergleichsweise kleine Mittelklasse-Limousine mit einer hervorragenden Straßenlage. Dazu kamen hochfeste Stahlbleche und eine spezielle Unterbodenkonstruktion, die den "Baby-Benz" genauso sicher machte wie eine S-Klasse. Passive Sicherheits-Features wie ABS oder Fahrerairbag waren von Anfang an verfügbar.

190 E mit 16-Ventil-Motor
Daimler

190 E mit 16-Ventil-Motor

Daimler ließ sich den neuen Wurf teuer bezahlen: Selbst für einen Buchhalter-190er mit seiner für heutige Verhältnisse äußerst kargen Ausstattung (selbst der rechte Außenspiegel und eine Servolenkung waren anfangs Sonderausstattung) waren fast 27.000 Mark fällig. Das waren nur knapp 1000 Mark weniger als für das Basismodell des W123. Doch die Qualitäten des 190ers sprachen sich herum, und das Auto wurde zum Verkaufsschlager.

Förderlich war dabei sicherlich auch die große Modellvielfalt: So reichte die Motorenpalette von kleinen und sparsamen Vierzylindern über verschiedene Diesel-Aggregate bis hin zu einem mondänen 2,6-Liter-Sechszylinder, der auch in der S-Klasse verbaut wurde. Highlight waren die 16-Ventil-Motoren 2.3-16 und 2.5-16, die auf Rennen getrimmt waren, denn der Mercedes 190 ging durch seine Einsätze in der DTM auch als Motorsport-Legende ein.

Fotostrecke

15  Bilder
Günstige Oldtimer - Mercedes-Benz 190: Merecedes 190 E - Liebe auf den zweiten Blick

Bis 1993 wurden mehr als 1,8 Millionen Exemplaren vom Mercedes 190 produziert. Dann wurde der Mercedes 190 von der ersten C-Klasse (W202) abgelöst, als dessen Urvater er gilt.

Warum ausgerechnet der? Oldtimer sind oft rare Ware, beim Mercedes 190 kann man dagegen noch aus dem Vollen schöpfen. Wegen seiner Langlebigkeit und robusten Technik prägt der "Baby-Benz" bis heute das Straßenbild, obwohl selbst die jüngsten Exemplare bald ein Vierteljahrhundert alt werden. Die Auswahl reicht vom lahmen, aber für damalige Verhältnisse sehr sparsamen 190 Diesel, den besonders gerne Landwirte fuhren, bis zu den begehrten DTM-Homologationsmodellen EVO I und EVO II - mit fetten Heckspoilern verzierte und heute sündhaft teure Rennmaschinen, die an die Hochzeit der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft erinnern.

Dazwischen liegt die goldene Mitte. "Die Einspritzer-Benziner mit 1,8 oder noch besser 2,0 Liter Hubraum sind heute noch absolut alltagstaugliche Autos, die obendrein noch von jeder Werkstatt repariert werden können, weil sie nicht das Elektronik-Wirrwarr an Bord haben wie moderne Autos", sagt Herbert Schwan, Vorsitzender des 190er-Fan-Clubs W201 e.V. Die 16V-Modelle 2,3-16 und 2,5-16 sind dagegen drehfreudige Geschosse, mit denen sich Daimler damals eine neue Kundschaft eroberte: junge, sportlich ambitionierte Fahrer, die kein chromgeschmücktes Spießer-Auto fahren wollten. Die Anpassung hatte aber auch seine Schattenseiten: Beim Ampelrennen musste sich der 190er fortan mit Volks-Rennern wie dem VW Golf GTI oder Opel Manta messen. "Wie wär's mal mit ein bisschen Heizen?" fragt Klausi im Klassiker "Manta Manta" von 1991 einen Rivalen mit einem getunten Mercedes 190E.

Eher spartanische Ausstattung im Mercedes-Benz Typ 190 E
Daimler

Eher spartanische Ausstattung im Mercedes-Benz Typ 190 E

Verfügbarkeit: Mercedes 190 gibt es noch in Hülle und Fülle. Die großen Autoverkaufsportale im Internet haben jede Woche bundesweit rund 1200 Exemplare im Angebot. Die Bandbreite reicht von besseren Teileträgern bis hin zu topgepflegten Ersthand-Autos aus Opas Garage. Vor allem Modelle mit 1,8er und 2,0-Liter-Motor sind noch weit verbreitet. Die hubraumstärkeren 2,3er und 2,6er sind schon seltener. Noch seltener und begehrter sind die sportlichen 16V-Versionen. Grundsätzlich sollte man auf eine möglichst nachvollziehbare Historie achten, denn beim 190er werden Kilometerstände oft manipuliert und Servicehefte gefälscht. Und Achtung beim Begriff "Vollausstattung": Es gebe KEINEN 190er, bei dem der Erstkäufer jede Sonderausstattung bestellt habe, heißt es in der Kaufberatung, die der W201 e.V. erstellt hat.

Ersatzteilversorgung: Im Vergleich zu anderen Oldtimern ist die Ersatzteillage beim Mercedes 190 sehr gut. Gängige Verschleißteile sind noch problemlos zu bekommen, auch über die Daimler AG. So prall gefüllt, wie der Konzern immer vorgibt, sind die Regale für die Klassiker aber nicht. Bestimmte Innenausstattungsteile wie Türpappen oder Sitzbezüge sind nicht mehr lieferbar. Andere Teile lässt sich Daimler fürstlich bezahlen. So lag der Preis für einen neuen Kotflügel neulich bei mehr als 800 Euro. Glücklicherweise gibt es einen Aftermarket, der mit deutlich günstigeren, aber nicht immer qualitativ gleichwertigen Teilen aushelfen kann. Darüber hinaus empfiehlt sich die Suche nach gebrauchten Teilen über das Internet oder Clubs.

Ersatzteilpreise (beispielhaft):

Satz Bremsscheiben vorne: circa 100 Euro

Satz Bremsbeläge vorne: circa 75 Euro

Lichtmaschine: gebraucht circa 80 Euro

Kotflügel vorn: gebraucht circa 100 Euro

Schwachstellen: Auch wenn der 190er ab Werk mit verzinkten Blechen und üppigem Hohlraumschutz eine gute Rostvorsorge verpasst bekommen hat: "Rostfreie" Baby-Benze, wie sie manchmal in Anzeigen feilgeboten werden, gibt es nicht. So neigen in bester Mercedes-Tradition die vier Wagenheber-Aufnahmen zu Korrosion. Immerhin gibt es preiswerte Reparaturbleche zum Einschweißen. Auch Türunterkanten, Radläufe und der Bereich unter den Seitenbeplankungen (Sacco-Bretter) neigen zum Rostbefall. Die Motoren sind für viele Erdumrundungen gut, vernünftige Pflege und Wartung vorausgesetzt. Ungewöhnliche Geräusche können vom Keilriemen oder einer unrund laufenden Spannrolle kommen. Das Rasseln der Steuerkette lässt sich meist durch den Austausch des Kettenspanners beheben. Vorsichtig sein sollte man bei den sportlichen 16V-Modellen, insbesondere wenn sie getunt sind: Diese Geschosse wurden häufig strapaziert. Dann lieber ein weniger stark motorisiertes, aber gepflegtes Fahrzeug, mit dem man auch in Zukunft noch viel Freude haben kann.

Preis: Schon ab etwa 1500 Euro gibt es fahrbereite Mercedes-Benz 190, viele noch mit gültiger HU-Plakette. Der Wartungsstau ist bei diesen Fahrzeugen aber mitunter erheblich. Auch beim Baby-Benz gilt die Regel: Das teurere Auto ist der bessere Kauf. Gut gepflegte 1,8er oder 2,0er Benziner können 6000 Euro kosten, ein 2,6-Liter-Sechszylinder ist kaum teurer. Deutlich tiefer in die Tasche greifen muss man für die begehrten 16V-Modelle, die es kaum noch unter 10.000 Euro gibt. In unerreichbare Sphären sind die DTM-Ikonen gerückt: EVO I und EVO II kosten teils mehrere Hunderttausend Euro.

Anlaufstellen im Internet:

W201 16V Club W201 e.V.

Weitere, fast schon frech günstige Fuhren finden Sie in den vorangegangenen Folgen der Serie:



insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
trallafitti 28.10.2017
1. Tolles Auto
Meine Eltern haben damals einen weißen 190 E über einen befreundeten Mercedes-Verkäufer konfiguriert. Der hat den Wagen privat gefahren und dann als Jahreswagen an meine Eltern verkauft. Es war unser erstes Auto mit Servolenkung und der rechte Außenspiegel (Sonderausstattung) war höher als der linke, dadurch konnte man beim rückwärts einparken den Bordstein besser sehen. Wenn ich mich recht erinnere hatte der Motor einen Zahnriemen. Als ich mit 18 den Führerschein hatte durfte ich den Wagen auch fahren. Tolles Auto. Wirkt heute immer noch zeitgemäß
was-zum-teufel... 28.10.2017
2. Zahnriemen?
Bestimmt nicht. Ich habe meinen 190 E 1.8 Automatik neulich für 6.000 € verkauft. Erste Hand (ich war der zweite Eigentümer). Nachweisbare 92.000 km. Und im Juni 2020 Oldtimer. Für einen Kaufpreis 2011 von 1.000 € plus 1.500 € Investitionen, konnte ich nicht nein sagen, zumal der 124 E 300 T Diesel nun komplett restauriert wird. 3 Liter Diesel mit Euro 2 werden leider aussterben. Deshalb muss meiner überleben ;-)
f_eu 28.10.2017
3.
Zitat von trallafittiMeine Eltern haben damals einen weißen 190 E über einen befreundeten Mercedes-Verkäufer konfiguriert. Der hat den Wagen privat gefahren und dann als Jahreswagen an meine Eltern verkauft. Es war unser erstes Auto mit Servolenkung und der rechte Außenspiegel (Sonderausstattung) war höher als der linke, dadurch konnte man beim rückwärts einparken den Bordstein besser sehen. Wenn ich mich recht erinnere hatte der Motor einen Zahnriemen. Als ich mit 18 den Führerschein hatte durfte ich den Wagen auch fahren. Tolles Auto. Wirkt heute immer noch zeitgemäß
Ich hatte einen schwarz mit schwarzem Leder, Sitzheizung, Klima, ABS, Airbag und grüne Scheiben als Extras. Um 45T DM habe ich, nachdem ich 6 oder sogar 9 Monate warten mußte, bezahlt. Als ich ihn bestellte sagte der Verkäufer "später so unverkäuflich in der Kombination". Rabatt gab es nicht aber einen Satzfußmatten. Nach 3 Jahren habe ich ihn abgegeben und konnte mir den Käufer quasi aussuchen. Den rechten Spiegel habe ich später ergänzen lassen mit einen Fahrerspiegel des GB Modells. Es war ein sehr schönes Auto und verbrauchte, egal wie man fuhr unter 10 ltr./100. Mein Vetter hatte einen Diesel. den fuhr er mit 5 ltr/100.
infam 28.10.2017
4. unverwüstlich
mit begeisternder Straßenlage. Hatte den 190D den ich mit 450tkm noch in sehr gutem Zustand abgab. Danach den 190E 2.3 der wirklich sportlich zu bewegen war und ebenfalls in bestem Zustand bei 400tkm einen neuen Besitzer erfreute. Ein klasse Wagen, reparaturfreudig, bequem, sicher und ausdauernd !
hegri 28.10.2017
5. Die erste Top-down Kalkulation
beim Daimler. Das hat man vor allem an der Ausstattung gemerkt. Aber sei's drum. Das Ziel, eine PKW-Limousine für deutlich unter 30kDM auf die Räder zu stellen wurde erreicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.