Mercedes-Benz SLR McLaren Das Superauto quietscht

Vier Jahre lang tüftelten Mercedes und Formel-1-Partner McLaren an dem Supersportwagen SLR. Doch noch immer sind nicht alle technischen Probleme gelöst. Am Kap der Guten Hoffnung röhren die ersten 626 PS starken Testwagen mit bis zu 334 km/h über die Straßen - begleitet von einem unschönen Quietschen.
Von Frank Wald

Die Touristenattraktionen am Kap der Guten Hoffnung sind wilde Paviane, watschelnde Pinguine - und für ein paar Wochen auch Mercedes' neuer Supersportwagen SLR McLaren. Im Süden Afrikas steht der "Gran Turismo des 21. Jahrhundert" zur Probefahrt bereit. "Das Auto ist fast fertig", sagt Mercedes-Chef Jürgen Hubbert. Was schwer zu glauben ist angesichts der silber funkelnden Riege der Flügeltürer, die vor dem Veranstaltungshotel aufgefahren ist.

Doch was Mister Mercedes meint, ist schon nach den ersten Kilometern zu hören. Die Hochleistungs-Keramikbremsen, sie quietschen - schon oder gerade bei geringem Tempo in der Stadt. "Daran arbeiten wir noch", verspricht Hubbert. Ebenso wollen die Schwaben nach den ersten Praxisübungen auf öffentlichen Straßen über den Einbau einer elektronischen Einparkhilfe nachdenken.

Denn der Wagen ist mit seiner langen Bugspitze im Formel-1-Design, der flügelförmigen Seitenlinie mit der weit nach hinten gesetzten Fahrgastzelle und dem bulligen Heckabschluss von außen zwar ein rassiger Anblick. Der Aus- und Überblick hingegen ist beschränkt. Nach vorn erstreckt sich die nicht enden wollende Motorhaube, deren nach unten gebogene Nase nicht zu sehen ist. Und am anderen Ende ragt ein wuchtiges Heck auf, dessen Wölbungen weder durch das schmale Rückfenster noch durch die Seitenspiegel abschätzbar sind. Wäre doch zu peinlich, ein 435.000 Euro teures Auto vor einem voll besetzten Café an den Pfeiler zu setzen.

Für Begeisterung werden dort hingegen die nach oben aufschwingenden Türen sorgen. Der Einstieg darunter gelingt zwar nicht ohne Verrenkung, vom Ausstieg über die hohen Seitenkästen gar nicht zu reden. Doch im Anforderungsprofil des SLR McLaren stand auch irgendwo mal was von sportlichem Purismus.

Im Innenraum ist davon allerdings nicht viel zu sehen. Der ist luxuriös gestaltet und mit feinem Leder bezogen. Die tief liegenden Carbon-Sitzschalen können elektrisch verstellt und sogar mit entsprechender Aufpolsterung dem individuellen Körperprofil angepasst werden. In den Händen hält der Fahrer ein großes Multifunktionslenkrad mit Bedienung für das Bose-Soundsystem, Telefon und Navigationssystem. Und auch die serienmäßige Klimaanlage oder der Tempomat sind für einen puristischen Sportwagen eher ungewöhnliche Ausstattungsdetails.

Ein reinrassiger Rennwagen soll der SLR McLaren aber auch nicht sein. Vor dem klassischen Racing-Typen kommen in Hubberts Käuferanalyse nämlich die "Collectors" (Sammler) und vor allem die "Comfort Sportsmen". Ein Typus, der gern schnelle Autos fährt, aber dabei nicht ins Schwitzen kommen will. Und das wird ihm bei der präzise schaltenden Fünfgang-Automatik garantiert nicht passieren.

Langeweile kommt deshalb trotzdem nicht auf. Ganz im Gegenteil. Der Fahrer hat die Wahl zwischen drei Getriebegangarten, die er bequem am Drehknopf in der Mittelkonsole steuern kann. In der Stufe Comfort werden die Gangwechsel weiter rausgezogen als in S wie Sportmodus. In der Mittelstellung manuell lassen sich die Fahrstufen auch von Hand per Schalthebel oder Drucktasten an der Lenkradrückseite einlegen.

Die Renntechnik steckt beim SLR McLaren im Verborgenen. Und dafür war Mercedes' Formel-1-Partner zuständig. Die Briten sind Spezialisten in der Herstellung der Kohlefaser-Karosserien, wie sie in den Rennwagen von Schumi, Kimi und Co. verwendet werden. Sie ist gegenüber Stahl oder Aluminium bedeutend leichter, außerdem sehr steif und crashsicher. Der große Nachteil des exotischen Werkstoffs: Die Produktion ist aufwendig und sehr teuer. Zwei Modelle täglich sollen bei McLaren im englischen Woking in Handarbeit montiert werden.

Das Herzstück dazu wird aus dem schwäbischen Affalterbach von Mercedes Edeltuner AMG angeliefert. Der nach EU4 genormte 5,5-Liter-V8-Motor mit Kompressoraufladung leistet 626 PS und wirft beeindruckende 780 Newtonmeter Drehmoment auf die Kurbelwelle. Mit einem Druck auf den dezent rötlich leuchtenden Kopf des Schalthebel, wofür wie beim Feuerknopf eines Kampfjets erst eine kleine Klappe gelüpft werden muss, erwacht das Hochleistungstriebwerk. Mit drohendem Grollen katapultiert es den Wagen in 3,8 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h, das auf dem Weg zur 200er-Marke nach 10,6 Sekunden in ein kehliges Kreischen übergeht. Am Steuer erzeugt die katapultartige Beschleunigung Bauchkribbeln. Allerdings ohne dass dabei Schweißperlen auf die Stirn treten. Der Wagen liegt auch bei höherem Tempo satt und sicher auf der Straße. Ein Verdienst der ausgewogenen Gewichtsverteilung und der ausgefeilten Aerodynamik nach Formel-1-Prinzip.

Hersteller:Mercedes
Typ:SLR McLaren V8
Karosserie:Sportwagen/Coupé
Motor:V8-Benziner
Hubraum:5.439 ccm
Leistung PS:626 PS
Leistung kW:460 kW
Drehmoment:780 Nm
Von 0 auf 100:3,8 Sek.
Höchstgeschw.:334 km/h
Verbrauch (ECE):14,5 Liter
CO2-Ausstoß:344 g/km
Kraftstoff:Super
Kofferraum:272 Liter
Preis:435.000 €

Ein grimmig unterm Heck hervorlugender Sechskanal-Diffusor sowie ein nahezu glatter Unterboden heften den SLR bei höheren Geschwindigkeiten auf den Asphalt. Zusätzlichen Abtrieb erzeugt ein versteckter Spoiler im Kofferraumdeckel, der ab 95 km/h automatisch ausfährt und sich bei Vollbremsungen als Luftbremse steil in den Wind stellt. Das sportwagentypisch straff abgestimmte Fahrwerk und die präzise Lenkung vermitteln ein ausgezeichnetes Handling. Der Wagen rollt hart ab, was jedoch der Langstreckenstauglichkeit nicht abträglich ist. Auch nach mehreren hundert Kilometern steigt man ohne körperliches Zwicken oder Ermüdungserscheinungen aus dem Auto. Und mit einem für einen Supersportwagen moderaten Durchschnittsverbrauch von 14,8 Liter, beinahe exakt so viel wie von Mercedes angegeben.

Der Lebenszyklus des SLR McLaren ist zunächst auf sieben Jahre angelegt, wobei jährlich 500 Exemplare ausgeliefert werden sollen. Jedoch - wer sich heute einen SLR bestellt, muss laut Hubbert bereits zwei bis drei Jahre warten. Das heißt also, dass bereits weit über tausend Autos verkauft sind. Nach Südafrika allerdings noch nicht. Trotz großer Absatzerwartungen in Linksverkehr-Ländern wie Großbritannien, Japan oder eben Südafrika wird es den SLR McLaren nur als Linkslenker-Version geben.

In ein paar Tagen gehört die Aufmerksamkeit also wieder den Pavianen und Pinguinen.

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