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09. März 2016, 00:58 Uhr

Autogramm Mercedes E-Klasse

Zwei Klassen für sich

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Die neue Mercedes E-Klasse ist der beste Beweis, dass autonomes Fahren mehr als ein Hype ist. Das gilt zumindest für Modelle mit Top-Ausstattung - die Basisversion lässt noch arg zu wünschen übrig.

Der erste Eindruck: E = C+S. Das Design der E-Klasse ist ein Mix der Mercedes-Limousinen der Preisklassen darüber (S-Klasse) und darunter (C-Klasse).

Das sagt der Hersteller: Entwicklungsvorstand Thomas Weber nennt die E-Klasse das "intelligenteste Auto der Welt". Er will damit die vielen Assistenzsysteme und den nächsten großen Schritt hin zum autonomen Fahren rühmen. Viel kleiner geht es nicht, wenn die Daimler-Manager über dieses Auto sprechen - schließlich hat das Modell eine lange Historie und gehört zum Kern der Marke Mercedes. Die kommende Baureihe ist bereits die zehnte, über 13 Millionen Exemplare wurden von dem Modell bisher verkauft.

Im Video: So sieht die neue E-Klasse von außen aus

Das ist uns aufgefallen: Die sonst eher nüchterne Büroatmosphäre der E-Klasse weicht zumindest in den gehobenen Modellvarianten dem Ambiente eines luxuriösen Hightech-Office: Die Bildschirme sind riesig, selbst der Schlüssel ist jetzt ein kleines Schmuckstück - obwohl man ihn nun auch daheim lassen und die Schließfunktion stattdessen aufs Handy laden kann.

Die Nadelstreifen der silbernen Einleger in den schwarzen Konsolen muss man mögen - oder abbestellen. Genau wie die 64 mitunter ziemlich grellen Farben der LED-Ambientebeleuchtung. Dem Reiz der zwei riesigen Displays, die hinter dem Lenkrad zu einem Monitor von fast schon cineastischen Ausmaßen verschmelzen, kann man sich dagegen nur schwer entziehen.

Nicht nur das Ambiente ist anders, auch das Fahrgefühl hat sich verändert: Mit dem neuen sogenannten Drivepilot kommt die E-Klasse dem autonomen Fahren so nahe wie sonst allenfalls Tesla. Auf der Autobahn übernimmt das System für mehrere Minuten oder Kilometer de facto die Verantwortung. Offiziell ist der Fahrer noch immer in der Pflicht, zwischendurch muss er zumindest mal die Sensorfelder der beiden Blackberry-Tasten streicheln, um seine Anwesenheit und Aufmerksamkeit zu quittieren. Doch das Auto kann sich zu weiten Teilen selbst lenken und fahren, sei es bloß stur geradeaus oder in Kurven, ob mit oder ohne Fahrbahnmarkierungen, auf freier Strecke oder im dichten Verkehr. Selbst das Überholen erledigt die E-Klasse alleine, wenn man ihr mit dem Antippen des Blinkerhebels die Erlaubnis dafür gibt.

In den Genuss dieser futuristischen Fahrweise kommt jedoch nur, wer genug Geld für diese Extras hinblättern kann und will. Für die knauserigen Kunden und das Heer der Taxifahrer gibt es noch ein analoges und damit recht altbackenes Cockpit. Außerdem hat das "intelligenteste Auto der Welt" in der Basisversion nicht einmal ein Navi.

Dieses Zwei-Klassen-in-einer-E-Klasse-System setzt sich innen fort: Während man vorne mindestens so gut sitzt wie in der S-Klasse, ist der Fond eher nüchtern gehalten. Und wenn während der Fahrt irgendwann die Knie an der Lehne des Vordermanns reiben, dann fragt man sich, wo die sieben Zentimeter mehr Radstand geblieben sind, mit denen Mercedes wirbt. So, wie der Kofferraum faktisch um zehn Liter geschrumpft ist, ist auch der angeblich sogar gewachsene Fond gefühlt ein bisschen kleiner geworden.

Im Video: So funktioniert der Drive Pilot für autonomes Fahren

Das muss man wissen: Die E-Klasse startet am 9. April als Limousine, doch die Modellfamilie erwartet bereits Zuwachs: Im Herbst folgt mit dem T-Modell der Kombi, 2017 stehen Coupé und Cabrio auf dem Plan, dazwischen wird sich auch eine Lücke für eine AMG-Version finden. Und wenn man den Gerüchten glaubt, gibt es zum Winter im Stil des Audi Allroad auch noch einen aufgebockten Geländekombi namens Allterrain.

Die Preise bleiben auf den ersten Blick nahezu konstant und beginnen bei 45.303 Euro. Sie lassen sich aber mit der entsprechenden Ausstattung lässig um den Wert eines Kleinwagens nach oben treiben.

Zwar gibt es mittelfristig bald ein Dutzend Motoren bis hin zum Plug-in-Hybrid mit 30 Kilometern elektrischer Reichweite. Doch los geht es erst einmal nur mit dem 184 PS starken Zweiliter-Benziner im E200 und dem E220d.

Dessen ebenfalls zwei Liter großer Vierzylinder ist in doppelter Hinsicht der mit Abstand wichtigste Motor: Das Aggregat ist zum einen gut ausbalanciert, mit 194 PS bietet es ausreichend Antritt und verbrauchte im Alltagsbetrieb der ersten Testfahrt nach 200 Kilometern Stadtverkehr, Landstraße und Autobahn tatschlich weniger als fünf Liter Diesel.

Zum anderen ist dieses Aggregat der erste Baustein einer neuen Motorenfamilie von Mercedes, die dem Diesel unter anderem mit niedrigen Stickoxidemissionen die Zukunft retten soll. Denn Mercedes-Fahrzeuge sind im Zuge der Abgasaffäre um VW ebenfalls mit verdächtig hohen NOx-Werten im Alltagsbetrieb aufgefallen. Die teils 40-fache Überschreitung der Grenzwerte begründete der Hersteller mit einer Vorrichtung in der Motorsteuerung des Aggregats, die bei Temperaturen unter zehn Grad die Stickoxid-Reinigung zum Schutz des Motors reguliere.

Weil der Selbstzünder aber eine wichtige Rolle bei der Einhaltung von Umweltauflagen spielt (Thomas Weber: "Aus unserer Sicht ist er unverzichtbar, wenn der verkehrsbedingte CO2-Ausstoß weiter sinken soll"), investiert Daimler in den nächsten drei Jahren rund 2,6 Milliarden Euro in seine neue Dieselmotoren-Generation. Ein Teil davon wurde bereits in die Entwicklung des neuen Vierzylinders in der neuen E-Klasse gesteckt.

Das werden wir nicht vergessen: Mit jeder Sekunde ohne Hand am Lenkrad wächst die Faszination für das betreute Fahren. Und mit ihr die Überzeugung, dass es sich bei diesem Thema um mehr als einen Hype handelt.

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