Autogramm Mercedes GLB Schamlos

Vans und Kombis sind zwar praktisch, viele Kunden aber finden sie inzwischen uncool. Mercedes kreuzt deshalb die B- und die G-Klasse. Das Ergebnis ist der GLB - ein kompakter SUV, für den man sich kaum schämen muss.

Daimler

Von Thomas Geiger


Der erste Eindruck: Für einen Ableger der A-Klasse sieht der neue Mercedes GLB verdammt groß aus, und für einen Verwandten der G-Klasse ziemlich mickrig. So wird der jüngste Kompakt-Neuzugang der Schwaben zu einem Scheinriesen.

Das sagt der Hersteller: Glaubt man Mercedes-Vertriebschefin Britta Seeger, dann muss der GLB fast automatisch ein Bestseller werden. "Mittlerweile ist jeder dritte Mercedes-Benz ein SUV, jeder vierte ein Kompaktwagen. Ein kompaktes SUV wie der GLB vereint also alle Erfolgsfaktoren unserer beiden volumenstärksten Segmente." Dass sie damit ziemlich richtig liegt, beweist das kleinere Modell GLA, das in der letzten Generation zum Bestseller unter den Mercedes-Kompakten wurde. Genau darin liegt aber womöglich auch ein Problem des GLB: Er wird nicht nur Kunden von Konkurrenten gewinnen, sondern auch GLA und B-Klasse kannibalisieren.

Das ist uns aufgefallen: Obwohl trendgemäß verpackt, ist er innen genauso variabel wie ein Van. Die dritte Sitzreihe lässt sich im Wagenboden versenken und die zweite nicht nur in der Neigung verstellen, sondern auch um bis zu 14 Zentimeter verschieben. Je nach Konfiguration schluckt der GLB deshalb ohne Murren eine halbe Fußballmannschaft oder auch mal eine Waschmaschine. Und selbst wenn Erwachsene sich den Weg in die dritte Reihe gut überlegen sollten, wirkt der GLB viel geräumiger als der GLC, und die Sitze ganz hinten stehen selbst denen im noch größeren GLE in kaum etwas nach.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Motor im GLB - anders als im GLC und noch größeren Modellen - quer und nicht längs eingebaut ist. Da bleibt mehr Platz für die Insassen. Außerdem braucht der Allradantrieb bei den Kompaktautos weniger Bauraum als das "4Matic"-Allradsystem für die Heckantriebsplattformen.

Kleiner und trotzdem geräumiger, sparsamer im Verbrauch und obendrein rund 10.000 Euro günstiger - warum sollte man künftig noch einen GLC kaufen? Weil der größere Bruder insgesamt ein wenig mehr auf Komfort ausgerichtet ist. Das Fahrwerk ist souveräner, die Automatik seidiger als das Doppelkupplungsgetriebe des GLB. Ob man aber deshalb mehr Geld für im Grunde weniger Auto bezahlen will, bleibt jedem selbst überlassen.

Das muss man wissen: Der Mercedes GLB geht noch in diesem Jahr an den Start und kostet mindestens 37.747 Euro. Es gibt ihn mit der gleichen Ausstattung und den gleichen Antrieben wie A-Klasse und Co. - also mit dem sogenannten Widescreen-Cockpit inklusive des Infotainmentsystems MBUX sowie digitalen Spielereien wie den vorkonfigurierten Wellnessprogrammen. Unter den Assistenzsystemen sind auch eine aktive Unterstützung bei der Spurführung und der Abstandsregelung.

Die Motorenpalette umfasst zunächst je drei Diesel und Benziner. Die Selbstzünder haben alle zwei Liter Hubraum und entwickeln 116, 150 oder 190 PS. Die Benziner reichen von einem 1,3-Liter mit 163 PS über einen 2-Liter-Motor mit 224 PS bis hin zum GLB 35, für den AMG den 2,0-Liter-Motor auf 306 PS getunt hat. Die Verbrauchswerte liegen einerseits deutlich unter denen von ausgewachsenen SUV-Modellen, doch will Mercedes dem GLB bald ganz den Kraftstoff-Hahn zudrehen: In gut einem Jahr soll das rein elektrische Modell EQB vorfahren.

Das werden wir nicht vergessen. Das gute Gefühl, das sich am Steuer einstellt. Je länger man mit dem GLB unterwegs ist, desto eher glaubt man den Mercedes-Planern, die in dem kompakten SUV den kommenden Bestseller der Marke sehen. Denn der GLB überzeugt nicht nur mit Variabilität und inneren Werten. Sondern vor allem ist er so geschickt zwischen den Welten platziert, dass sich in diesem Auto niemand schämen muss: Nicht so spießig wie ein Van, und für ein SUV viel zu vernünftig.

Fahrzeugschein
Hersteller: Mercedes
Typ: GLB 220d 4Matic
Karosserie: SUV
Motor: Vierzylinder-Diesel
Getriebe: Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Allrad
Hubraum: 1.950 ccm
Leistung: 190 PS (140 kW)
Drehmoment: 400 Nm
Von 0 auf 100: 7,6 s
Höchstgeschw.: 217 km/h
Verbrauch (ECE): 5,3 Liter
CO2-Ausstoß: 138 g/km
Kofferraum: 570 Liter
umgebaut: 1.805 Liter
Gewicht: 1.735 kg
Maße: 4634 / 1834 / 1659
Preis: 44.601 EUR


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eunegin 27.11.2019
1. Aufrüstung im Straßenkampf
Und die Aufrüstung auf unseren Straßen geht munter weiter. Da man es mit den Kontrahenten ins Verhältnis setzen muss, wird dieses Auto nun schon als vernünftig bezeichnet. Klar, schaut man dagegen Teslas neuen E-Kampfpanzer an, stimmt das wohl. Auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit reiht sich ein PS-Klotz an den anderen, meist jeweils mit einer Person besetzt. Nun ja. Zukunftsweisend ist anders. Vielleicht sollte die deutsche Autoindustrie einmal wieder ein paar Schritte vorausdenken anstatt an alten Trends herumzubasteln.
quark4@mailinator.com 27.11.2019
2.
Ich lese immer "schämen". Sorry, aber was is das denn für eine Verkaufsmasche ? Als müßten sich Käufer normaler Autos für irgendwas schämen, wenn sie diese benötigen. Was die Kiste angeht - mir unklar, warum Mercedes (und so einige andere) es nicht mehr schafft, das Wagenheck vom Design her durchgängig an die vorderen 3/4 anzuschließen. Die Linien kommen komplett durcheinander und es sieht nur noch häßlich aus. Wieso glauben die Designer, da müsse irgendwie eine Stufe rein ? Wieso müssen die hinteren Fenster so klein und nach anderen Regeln geformt sein, als im vorderen Teil ? Naja und diese Touch-Cockpits habe ich eh gefressen. Wenn der Beifahrer auch nur den Sender wechseln will, muß er um die Ecke rum und der Fahrer kann mit der Hand nicht mehr blind Knöpfe finden - außer wenn diese am Lenkrad sind, was doppelt dumm ist, weil man sie nicht einspart, sondern nur dem Beifahrer entzieht. Sorry, nicht meine Vorstellung von brauchbarer Arbeitsteilung. Ich hatte schon tolle Szenen in einer schweizer Stadt, weil der Fahrer sich immer wieder verfuhr, während er versuchte, das Navi zu programmieren, was ich als Beifahrer gern gemacht hätte, aber der Input war halt fahrerzentrisch. Ansonsten wohl ein brauchbares Auto.
mazzmazz 27.11.2019
3. Crossover
Diese Nische besetzte der Chevrolet Orlando. Auch von Toyota und Ford gibt es so etwas in den USA schon lange in "groß". Der neue Hyundai Santa Fe ist auch tiefer und geräumiger. Der Ford Kuga ist ebenso ein Crossover. VW geht mit dem Tiguan Allspace einen ähnlichen Weg, das Modell ist nur marginal "mehr SUV" als der GLB. Ich denke das ist es auch, was die Kunden eigentlich wollen. Einen Geländewagen braucht man in Europa nicht. Ein Van ist zu spießig. Die meisten bisherigen SUVs waren noch zu nahe am Geländewagen. Zudem bringen die billigen Frontantriebsplattformen mit DKG ordentlich Marge. Allrad ist eher selten. Wenn vorhanden, dann eher einfach und trotzdem mit Billig-DKG und 3-/4-Zylindern. Aber die Leute kaufen es. Also ist das wohl der richtige Weg, Für Familien, aktive Paare, ältere Leute mit platzfordernden Hobbies. Opa fährt keine Limousine mehr und auch keine B-Klasse, sondern Crossover. Die DINKs und Alten haben das Geld. Die Familien nehmen dann eben, was es gibt. Mama würde nach wie vor am Liebsten Zafira fahren. Aber Papa und der Markt ließen die Vans sterben. Wir haben auch den Kuga, obwohl der S-Max für Familien eigentlich alles besser kann. Papa war in diesem Fall allerdings nicht schuld.
fuchsi 27.11.2019
4. Vernünftig?
Ein neues Auto, das immer noch Öl, Benzin, Diesel verbraucht und neben CO2, Nox auch noch andere Abgase produziert, braucht heute niemand mehr zu entwickeln, weil es technisch längst bessere Antriebslösungen gibt. Welche Zukunft hat denn noch ein SUV Modell, wenn es in absehbarer Zeit keine Verbrenner mehr geben wird?
2cv 27.11.2019
5. Mercedes verzettelt sich.
Die Modell- und Typenvielfalt ist mittlerweile so unübersichtlich geworden, dass viele typische Mercedes-Käufer (ich rede nicht über Flottengeschäft) kaum noch durchblicken. Nahezu jeder Buchstabe des Alphabets ist belegt, und allein die SUVs von G GLA GLB GLC GLE GLK bis zur ersten M Klasse kann keiner mehr gebrauchtwagentechnisch einordnen. Einfaches Beispiel gefällig? Fragen Sie mal Ihren Mercedes-GW-Händler wann welches Modell gebaut wurde... oder welche Navi Software eingespielt werden muss. Selbst die MB Website kann es nicht einwandfrei ermitteln.
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