Mercedes GLE 250d 4matic Wolke sieben

Autos waren mal gedacht zur unabhängigen Bewegung von A nach B. Das ist lange her. Der neue Mercedes-SUV GLE zum Beispiel bietet mehr elektronisches Spektakel als ein Flugzeug-Cockpit. Fahren wird zu Nebensache.

PANDER

Von Jürgen Pander


Erster Knopfdruck: Blaulicht. Zweiter Knopfdruck: Rotlicht. Dritter Knopfdruck: Jetzt schimmert es goldfarben aus den beiden Höhlen in der Mittelkonsole. "Besinnen Sie sich auf das, was wirklich zählt", heißt es auf der Mercedes-Benz-Webseite über das rundum erneuerte SUV-Modell GLE. In das bin ich gerade eingestiegen, wollte eigentlich gleich losfahren und habe mich dann am Getränkehalter festgefummelt. Blaulicht, Rotlicht, Goldlicht. Das ist es offenbar, was in einem Auto heute "wirklich zählt".

Dabei handelt es sich um den temperierten Getränkehalter, und je nach dem, ob die dort abgestellten Gebinde gekühlt, gewärmt oder eben nicht klimatisiert werden sollen, wird er blau, rot oder gelb beleuchtet. 249,90 Euro Aufpreis kostet der Spaß, der im GLE erstmals angeboten wird.

In dem Bauteil steckt ein Peltier-Element, das je nach Stromrichtung kühlt oder heizt. Wobei ersteres zum Ziel hat, "ein bereits gekühltes Getränk im Auto unter 10 Grad Celsius zu halten", wie Mercedes-Sprecher Christian Anosowitsch erklärt. Wird die Temperaturtaste zweimal gedrückt, um etwa den Tankstellenkaffee warm zu halten, heizt sich der Getränkehalter auf maximal 59 Grad Celsius auf. "Das wird mit einem Temperatursensor kontrolliert, denn es soll sich ja niemand am Getränkehalter die Finger verbrennen", sagt Mercedes-Mann Anosowitsch.

Der Hightech-Becherhalter in Video

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Der Hightech-Getränkehalter, normalerweise nimmt man das Bauteil in einem Auto kaum noch wahr, steht beispielhaft für den gesamten Auftritt des meistverkauften SUV-Modells von Mercedes. Aus dem Möchtegern-Haudegen, der 1997 als M-Klasse debütierte und durch den Auftritt im Film "Jurassic Park 2" schlagartig bekannt wurde, ist inzwischen ein Luxusliner geworden, dessen einziger Unterschied zu einer Staatskarosse die noch größere Abgehobenheit ist (Bodenfreiheit bis zu 28,5 Zentimeter).

Bescheidener Motor, überbordene Ausstattung

Ansonsten ist alles drin und dran. Unser Testauto hatten wir zwar mit der kleinsten Motorisierung geordert, dem 2,2-Liter-Vierzylinder-Diesel mit 204 PS, doch außerhalb des Motorraums glich der Wagen einer Wundertüte, gefüllt mit dem Dollsten, was der 52-seitige Preiskatalog hergibt. Lederausstattung für 2150 Euro zum Beispiel, Panorama-Schiebedach (1770 Euro), Spiegel mit Markenlogo-Projektion (570 Euro), Bang & Olufsen-Musikanlage (4150 Euro), Park-Paket mit 360°-Kamera (1390 Euro) sowie dem Fond-Entertainment-System mit DVD-Spieler und zwei Bildschirmen an der Rückseite der Kopfstützen (1950 Euro).

Letztere Option hat nun auch meine beiden Töchter, sonst eher desinteressiert, wenn es um Autos geht, zu glühenden Fans "des blauen Autos" gemacht. Niemals sonst waren sie während einer Zwei-Stunden-Fahrt so schweigsam wie in diesem Fall, mit kabellosen Kopfhörern auf den Ohren und einem Zeichentrickfilm auf Augenhöhe.

Man sitzt in diesem Auto wie in einem Restaurant, in dem der Weinkellner schon neben einem steht, noch ehe das soeben geleerte Glas die Tischdecke wieder berührt. Ein Fingerstreich über das Touchpad, ein Antippen des Wählhebels des Neungang-Automatikgetriebes, ein kleiner Dreh am Aluknopf - so gut wie alle Wünsche lassen sich buchstäblich im Handumdrehen erfüllen. Es gibt, könnte man sagen, nur noch Selbstverständlichkeiten.

Vierzylinder-Diesel und Luxus-Anspruch passen zusammen

Dass das Ding auch fährt, kann man bei dem ganzen Budenzauber schon mal vergessen. Obwohl ein Vierzylinder-Diesel bei der GLE-Stammkundschaft vermutlich Naserümpfen auslöst - dieser Motor passt perfekt in den Wagen. Wer mit so einem Trumm, Leergewicht 2,15 Tonnen, Zeit gewinnen will, hat was Grundsätzliches nicht verstanden: Es geht im GLE darum, die Zeit, die man nun mal im Auto hocken muss, so gut es geht zu genießen.

Am besten gelingt das, wenn man unter den fünf Fahrmodi "Komfort" auswählt und den Drehknopf danach nicht mehr beachtet. Die Steuergeräte von Fahrwerk, Getriebe, Motor und was sonst noch alles miteinander vernetzt ist, um Behaglichkeit zu gewährleisten, kümmern sich um den Rest. Lenken, Schaltvorgänge, Gasannahme - das eigentliche Fahren geschieht im GLE so nebenher, wie man im Kino Popcorn isst.

Möchte man das? Ist das schon die Vorstufe zum autonomen Fahren, das uns dereinst beglücken soll? Es wirkt jedenfalls so. Und nein, man möchte das eigentlich nicht. Denn was man früher mal Fahrspaß nannte, kennt der GLE gar nicht mehr. Der Wagen ist vielmehr Spielshow, Kinomobil oder Vergnügungsdampfer, je nach persönlicher Vorliebe.

Harnstoff-Nachfüllen leicht gemacht

Nur beim Tanken holt einen die Realität wieder ein. Das liegt nicht einmal am Verbrauch, denn wir bewegten das Auto gut bepackt mit 7,3 Liter im Durchschnitt, was nicht groß wundert angesichts dieses SUV-Kalibers. Doch direkt neben dem Diesel-Einfüllstutzen sitzt auch der für die Harnstofflösung Ad-Blue. Die soll dafür sorgen, dass die Stickoxide im Abgasstrom weitgehend eliminiert werden. Denn natürlich verströmt auch diese Highend-Unterhaltungsgranate im Betrieb giftige Substanzen.

28 Liter fasst also der zusätzliche Tank mit der blauen Kappe. Laut Mercedes "reicht das im Normalfall für ein Serviceintervall von 25.000 Kilometern"; das Nachfüllen wird also in der Werkstatt erledigt. Falls es nicht reichen sollte, etwa weil der Fahrer den Wagen immer wieder über die Autobahn prügelt, warnt das System bereits mehrere hundert Kilometer optisch und akustisch vor dem Ende des Ad-Blue-Vorrats.

Wer diese Signale hartnäckig ignoriert, kann den GLE 250d, wenn der Ad-Blue-Tank dann wirklich vollständig leer ist, nicht mehr starten. "Allein rechtlich wäre das nicht in Ordnung, denn die Schadstoffreinigung bedeutet ja einen Steuervorteil", heißt es bei Mercedes. Und wo das Ad-Blue fehlt, kann auch nichts mehr gereinigt werden. So weit wird es wohl kein GLE-Fahrer je kommen lassen. Und falls doch: Der Wagen bietet ja auch im Stand reichlich Zerstreuung.

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insgesamt 120 Beiträge
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honkoloco 04.04.2016
1. Sorry, aber...
Der Informationsgehalt des "Tests" geht gegen 0. das Datenblatt und die Zubehörliste kann ich auch selbst nachlesen. Sind Sie den Wagen wirklich gefahren?
mansiehtnurmitdemherzengu 04.04.2016
2. Früher hiessen solche Beiträge mal Fahrbericht
Da hier aber mehr übers Bedienen der Elektronik als über das Bewegen der Karrosse geschrieben wird, nehme ich an, dass letzteres nicht zu den Stärken des Fahrzeugs zählt. Beeindruckend ist die Aufpreisgestaltung, auch dem wohlmeinendsten Käufer der Marke muss klar sein, dass er bei etlichen Positionen über den Tisch gezogen wird. Da fehlt nicht mehr viel und es wird auch noch die Luft in den Reifen in Rechnung gestellt.
bunterepublik 04.04.2016
3. Proll
Ich weiß nicht, aber wenn ich solche Gimmicks will, kauf ich nen 10 Jahre alten Honda Civic..... Im Ernst, was die Möchtegern- Premium-Anbieter derzeit an Innenausstattung bieten, ist vollkommen sinnbefreit...Das wird in nicht mal 5 Jahren so modern sein, wie heute ein Telex oder Bildschirmtext. Echte Ergonomie würde bedeuten, so wenig Ablenkung wie möglich für den Fahrer, und was sehen wir? Las Vegas bei Nacht.....
rathat 04.04.2016
4. Magische 10 Grad Celsius
Die bei Mercedes haben echt Humor: da schaltet sich bei unter 10 Grad Celsius die Abgasreinigung per Harnstoffeinspritzung praktisch aus, und dann baut man einen Getränkehalter (wohlgemerkt offen - proletenhafter geht es nicht) in das Fahrzeug ein, was vorgekühlte Getränke genau bis unter diese Schwelle halten kann. Eine gelungene Reminiszenz. Aber es zeigt nunmal leider auch, wo scheinbar auch die Kunden ihre Prioritäten setzen: Hauptsache es blinkt, blitzt und funkelt im Innenraum, da wird die Umwelt schnell zur Nebensache.
dr. kaos 04.04.2016
5. Jurassic Park?
War das nicht ein GL dort und keine M-Klasse?
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