Fotostrecke

Neuer Mercedes-Camper: Refugium auf Reisen

Foto: Daimler

Fahrbericht Mercedes Marco Polo Fehlt nur noch der Roomservice

Das Segment der kompakten Camper wird vom VW California dominiert. Nun kontert Mercedes mit dem neuen Marco Polo. Der ist so schick ausgestattet, dass ihm das zum Verhängnis werden könnte.

Mit Campern ist das so eine Sache. Viele von ihnen propagieren Freiheit, Natur und Abenteuerlust, fahren am Ende aber doch Mikrowellen und Satellitenschüsseln durch die Gegend. Heutige Wohnmobile sind mitunter fast kleinere Reihenhäuser - mitsamt ihrem Inhalt.

Für diejenigen, die es wirklich ernst meinen mit ihrem Drang nach draußen, und denen Komfort wie Spülmaschinen und Nasszellen an Bord ziemlich schnuppe ist, halten drei deutsche Automobilhersteller Reisemobile der Kompaktklasse bereit. Ford ist mit dem Nugget am Start, Volkswagen mit dem California und Mercedes mit dem Marco Polo.

Alle Fahrzeuge eint, dass sie absolut alltagstauglich sind: Auf die Anschaffung eines zweiten Autos kann man getrost verzichten. Mit ihren einklappbaren Hubdächern passen sie in jede Tiefgarage, ihre Maße überschreiten kaum die eines größeren Kombi. Und doch bieten sie vier Schlafplätze und eine kleine Küche. Surfer und junge Familien lieben diese Autos gleichermaßen.

Rollentausch für VW und Mercedes

Platzhirsch in diesem Segment ist seit Jahren der VW California auf Basis des Transporters, bis 1987 firmierte er unter dem Namen Joker. So sehr sich die Wettbewerber auch mühten, sie reichten weder an dessen Beliebtheitswerte heran noch an dessen Verkaufszahlen. Und das, obwohl der California unverschämt teuer ist.

Die Entwickler in Stuttgart wurmt dieser Erfolg der Wolfsburger schon lange - halten sie ihren Marco Polo doch für mindestens ebenbürtig und scheren sie sich nicht um die eindrucksvolle Historie und das Hippie-Image des "Bulli", der schon in den Fünfzigerjahren von Westfalia in Rheda-Wiedenbrück zum Campingmobil umgebaut wurde.

Mercedes Marco Polo: Edles Reisemobil soll California-Käufer betören

Mercedes Marco Polo: Edles Reisemobil soll California-Käufer betören

Foto: Daimler

Seit 2002 erledigen die westfälischen Ausstatter vergleichbare Umbauten auch für den Konkurrenten Mercedes. Und mit der neuesten Generation des Marco Polo könnte es den Schwaben erstmals gelingen, Volkswagen ernsthaft unter Druck zu setzen.

Der neue Camping-Ausbau kommt in Präzision und Praktikabilität dem des California erstaunlich nahe, wenngleich auch mit Einschränkungen. Man könnte es auch anders formulieren: Mercedes hat sich vom Vorbild deutlich inspirieren lassen.

So schlägt sich der Camper-Benz in den einzelnen Disziplinen:

Schlafen: Die Zweier-Sitzbank im regulären Marco Polo lässt sich mit einem Handgriff nach vorn ziehen, sodass die Lehnen als Bettverlängerung elektrisch umgeklappt werden können. Umständlich ist, dass aus den Führungsschienen zuerst Gummilippen entfernt werden müssen, damit sich die Sitzbank nach vorn bewegen lässt. Sie sollen dem Schutz vor Schmutz in den Rinnen dienen. Auch die Kopfstützen muss man erst aus der Verankerung lösen und an der Rückseite der Lehne wieder einstecken.

Es sind zwei Arbeitsschritte, die keiner braucht. Bei VW schützt eine fest installierte, in der Mitte mit einem Schlitz versehene Gummilippe die Schienen, die sich teilt, wenn die Bank nach vorne gleitet. Und die Kopfstützen klappen beim Umlegen einfach weg.

Praktisch dagegen ist die zweigeteilte Sitzbank, deren Sitzflanken zur Stabilisierung der Passagiere während der Fahrt aufgepumpt werden. In Liegeposition entzieht der Kompressor die Luft wieder - schon hat man eine ebene Liegefläche.

Aufstelldach: Komfortbett mit Platz für zwei Personen

Aufstelldach: Komfortbett mit Platz für zwei Personen

Foto: Daimler

Unter dem (gegen Aufpreis) elektrisch aufstellbaren Hubdach liegt eine Kaltschaum-Matratze auf einem Punkt-Lattenrost. So eine Luxusliege haben die meisten Menschen noch nicht mal zu Hause. Eine atmungsaktive und wasserabweisende Mehrschicht-Plane schützt vor Niederschlag und Kälte. Die helle Segel-Optik sieht zwar edel aus, dürfte aber nach einigen Reisen schnell unansehnlich werden.

Verdunkelt wird der Marco Polo mit integrierten Rollos. Vor die Frontscheibe aber muss man erst langwierig einen Vorhang knöpfen, um sich vor Blicken von außen zu schützen. Warum nicht auch dort Rollos links und rechts in den A-Säulen integriert sind, bleibt ein Geheimnis.

Geht doch: So eine Rollo-Lösung wäre auch bei der Frontscheibe clever gewesen

Geht doch: So eine Rollo-Lösung wäre auch bei der Frontscheibe clever gewesen

Foto: Daimler

Kochen: Die Küche ist in Fahrtrichtung links eingebaut. Ein 40-Liter-Kühlfach, das man von oben befüllt, gehört genauso dazu wie ein verschiebbarer Klapptisch, der direkt an der Küchenzeile eingehängt ist. Soweit weist der Benz erstaunliche Parallelen zum California auf.

Anders als VW setzt Mercedes aber auf hochwertige Materialien. Die zweifarbigen Schrankoberflächen (inklusive kleinem Apothekerschrank) sind kratzfest, Schubladen ziehen sich selbst ein, und Aluminium-Applikationen sind auch wirklich aus Aluminium - und nicht aus silber-lackiertem Plastik.

Das Kochfeld lagert auf schwarzem Rauchglas, eine Edelstahl-Spüle ist bündig integriert. Ein fancy Detail soll wohl eine indirekte Bodenbeleuchtung sein, die eher an Bar als an Bus erinnert. Dagegen fehlt ein Basic, nämlich der Cupholder für Fahrer und Beifahrer.

Stauraum: Stauraum ist bei dieser Camper-Größe traditionell rar. Ein kleiner Kleiderschrank, in den man auch Jacken hängen kann, ist sowohl vom Innenraum als auch von der Heckklappe zugänglich. Unter dem Dach hängt hinten ein ausklappbarer Kasten, unter dem Hintersitz lässt sich eine Schublade aus Kunststoff ausziehen.

Den größten Stauraum aber haben sich die Stuttgarter selbst verbaut. Die Campingstühle lagern in einer Tasche im Heck unter dem Bett statt wie bei VW im Hohlraum der Heckklappe. Somit kriegt man hinten weder eine Wasserkiste noch Reisegepäck untergebracht.

Manfred Fischer, Entwickler des Marco Polo, hat auch eine Erklärung parat: Man habe die Option der separat zu öffnenden Heckscheibe anbieten wollen, die dafür eigens weiter nach unten gezogen wurde. Campingstühle im Hohlraum der Heckklappe hätten das unmöglich gemacht.

Fahren: Auf Basis der V-Klasse bietet Mercedes fünf Dieselmotoren zwischen 1,6 Liter Hubraum und 88 PS sowie 2,1 Liter Hubraum und 190 PS. Es sind Vorderrad-, Hinterrad- und für Berg- oder Wüstenliebhaber auch Allradantrieb im Angebot. Der Marco Polo fährt sich wie ein Pkw - ruhig, geschmeidig und in der größeren BlueTec-Motorisierung auch kraftvoll. Würde man es nicht besser wissen, könnte man sich in einer S-Klasse wähnen - allein die edle Anmutung des Armaturenbrettes gibt dazu Anlass.

Edel: Das Interieur im Marco Polo ist hochwertig, einfacher geht es im Activity zu

Edel: Das Interieur im Marco Polo ist hochwertig, einfacher geht es im Activity zu

Foto: Daimler

Seitenwind-Assistent und ein Warnpaket, das vor Übermüdung schützen soll, sind serienmäßig. Dazu gibt es allerlei Extras wie 360-Grad-Kamera, Park-Assistent, Abstandswahrungs-Assistent oder optische und akustische Warnungen vor Objekten im toten Winkel - alles freilich mit Extrakosten verbunden.

Ordert man all diese Features und dazu vielleicht noch elektrische Heckklappe, elektrische Schiebetür oder geteiltes Heckfenster, landet man allerdings schnell bei 70.000 bis 80.000 Euro Anschaffungspreis.

Fazit: Der neue Marco Polo ist eine Kampfansage an Volkswagen. Optik, Aufteilung und Verarbeitung können durchaus mithalten - in dem ein oder anderen Detail übertrumpft Mercedes den California sogar. Gleichwohl kann man sich Image nicht kaufen. Der Marco Polo wirkt so edel, dass man in ihm eher den Investmentbanker mit Freundin zum Kurztrip nach Cannes vermutet als eine vierköpfige Familie mit Dreckschuhen und Roller am Strand von Norderney.

Zwar bietet Mercedes mit dem "Activity" jetzt auch ein Einstiegsmodell ohne Küche an, dass mit einem Kampfpreis von 38.000 Euro geringfügig günstiger ist als das Einstiegsmodell von VW, der California "Beach".

Doch der Kern der Baureihe sind die luxuriösen Marco-Polo-Versionen. Und so gern Mercedes vermeintliche Alleinstellungsmerkmale - Qualität und Anmut - betont, so sehr könnte es bei diesem Camper Bürde sein. Wenn man drinsitzt, sagt man sich: Fehlt nur noch der Roomservice.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.