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Mercedes S 400 Hybrid im Test: Stressfrei auf der Straße

Foto: Daimler

Mercedes S 400 Hybrid im Test Das Wohnzimmer in meinem Auto

Mehr Luxus geht kaum: Massagesitze, Ambiente-Licht und Assistenten, die einem fast alles abnehmen - selbst das Lenken. Mercedes hat die S-Klasse zu einem Wellness-Wagen aufgerüstet. Ist das sinnvoll? Der Test.

Jetzt das Lenkrad einfach loslassen, sagt der Bauch. Das Auto suggeriert ohnehin schon die ganze Zeit, dass es den Fahrer nicht mehr braucht. Die S-Klasse - ein verdammter Perfektionist: Vor heranstürmenden Dienstwagenfahrern warnt der Totwinkelassistent. Sobald das Auto die Spur verlässt, ruckelt es sanft im Lenkrad. Kein Wunder, dass die Ingenieure bei Daimler diese Limousine als sicherstes Auto der Welt preisen.

Jetzt das Lenkrad einfach loslassen, sagt der Kopf - und gibt das Kommando: Hände weg! Es funktioniert - dank des adaptiven Tempomaten ("Distronic Plus"), der automatisch Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug hält, bleibt der Wagen auf der Autobahn stur in der Spur. Wer in der Luxusklasse sitzt, wähnt sich der Zukunft plötzlich ganz nah. Autonomes Fahren? Scheint nur noch ein Schrittchen entfernt.

Jetzt das Lenkrad wieder greifen, sagt der Wagen. Rote Hände im Display blinken auf; ein gediegenes Läuten ertönt und nicht so ein nervtötendes Vogel-Piepen. Der Wagen muss das Kommando zurück an den Fahrer geben - so will es die Straßenverkehrsordnung.

Zur totalen Entspannung fehlen nur noch die Liegesitze

Dabei machen die ganzen Extras in der Luxuslimousine eigentlich nur Sinn, wenn der Fahrer sie ungestört genießen kann - ohne Stress auf der Straße. Allein die verschiedenen Massagefunktionen erinnern an die Auswahl in fernöstlichen Wellness-Oasen. Und im "Thai-Tempel" sitzt auch keiner der Kunden verkrampft hinter dem Lenkrad oder hält eine Zeitung in der Hand: Classic Massage, Mobilizing Massage, Active Workout, Hot Relaxing Massage heißen die verschiedenen Programme neudeutsch. Das Ganze für Schulter, Rücken oder den gesamten Oberkörper, dazu farbliches Ambiente-Licht.

Fehlen nur noch die Liegesitze zum perfekten Luxus - in der Langversion sind diese natürlich erhältlich, samt Auflage für die Waden. Eine Crew aus Stellmotörchen, Magnetventilen und Massagezellen im Ledersitz kneten die Passagiere so professionell durch, dass man fast vergisst, wofür das Auto - ach ja, es ist ein Auto! - eigentlich geschaffen wurde: nicht zum Relaxen, sondern zum Reisen.

Aber genau diese Kombination aus Fahren und Verwöhnen will die Fahrzeugindustrie in Zukunft ausbauen. Autobesitzer sollen durch Staus und zähen Verkehr nicht die Lust am eigenen Wagen verlieren. Lieber massieren Hersteller gegen den Frust an. Kein Wunder, dass der Wagen gerade in Asien mit seinen verstopften Mega-Metropolen vornehmlich als Chauffeurswagen eingesetzt wird. Nur in Europa und Nordamerika wollen die Chefs das Lenkrad nur ungern aus der Hand geben. Entspannt euch!

Zum neuen Komfort gehört auch die weiterentwickelte Motorentechnologie. Der Testwagen, ein S 400 Hybrid, fährt mit einer Kombination aus 27-PS-Elektro-Motor und einem Sechszylinder-Benziner mit 306 PS. Gerade im Stau oder beim Aus- und Einparken reicht das scheibenförmige E-Motörchen aus, um die knapp zwei Tonnen schwere Luxuslimousine geräuschlos in Gang zu bringen. Gleichzeitig dient es auch als Anlasser und Lichtmaschine.

Der Elektromotor ist auch so etwas wie ein Sicherheitssystem

Beim Beschleunigen springt der E-Motor dem Sechszylinder bei. Das 27-PS-Aggregat ist dann selbst so etwas wie ein Sicherheitssystem: Durch seine elektrische Unterstützung bewahrt es den Benziner davor, Unmengen an Sprit zu schlucken. Laut Herstellerangabe verbraucht der S 400 Hybrid im Schnitt 6,3 Liter auf hundert Kilometer.

Im realen Fahrbetrieb kommen ein paar Liter mehr zusammen. Wobei der Wagen mit weniger als zehn Litern für seine Klasse schon genügsam ist. Überhaupt erzieht die Luxuslimousine von Daimler zum Entschleunigen. Wer mit diesem Wagen nur gedankenlos rast, verpasst das Beste - die Stille beim Rollen. In der S-Klasse besteht akute Schleichgefahr.

Völlig unverständlich ist deshalb die Wahlmöglichkeit beim Fahrwerk. Klar, von modernen Autos wird erwartet, dass sie alles können: draufgängerisch sein, aber auch sanft, und am besten sollten sie die Spanne dazwischen mit zig verschiedenen Abstufungen beherrschen. Aber warum?

Die S-Klasse sollte Charakterstärke beweisen, sanft sein. Und nur das! Jegliche Sportlichkeit darf outgesourct werden - an Sub-Marken wie AMG zum Beispiel. Es macht doch gar keinen Sinn, wenn das Auto den Fahrer mit straffer Abstimmung quält, um anschließend die Verspannungen dank Hot-Stone-Sitzen aus dem Rücken zu massieren.

Die Harmonie im Zusammenspiel der einzelnen Antriebselemente, also zwischen E-Motor und Benziner, dem serienmäßigen 7-Gang-Automatikgetriebe wird lediglich durch die Bremse getrübt. Egal, wie fest man das Pedal nach unten tritt - irgendwie hat man das Gefühl, den Wagen unsanft zu stoppen.

Jetzt die S-Klasse einfach kaufen, sagt der Bauch. Doch der Kopf schlägt Alarm. Schön, dass auch der Mensch über Frühwarn- und Sicherheitssysteme verfügt. Denn bei einem Startpreis von gut 85.000 Euro würde sonst spätestens der nette Herr von der Bank die Notbremse ziehen.

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