Mercedes SL 280 Heiße Luft im Nacken

Mercedes hat seinen SL aufgehübscht. Zudem bekommt die neue Version allerlei raffinierten technischen Schnickschnack - darunter ein Warmluftgebläse in der Nackenstütze, damit sich nordeuropäische Cabriofans nicht erkälten. SPIEGEL Online fuhr den SL 280 mit V6-Motor Probe.


Käufer wie die des Mercedes SL kann sich ein Autohersteller nur wünschen. Sie sind extrem treu. Sie lassen sich vom CO2-Ausstoß nicht den Spaß verderben. "Und sonderlich preissensibel sind sie auch nicht", sagt Burkhard Osthaus, der bei den Schwaben das Produktmarketing für die großen Baureihen leitet. Dennoch gibt es Kunden, die ihre Entscheidungen nicht allein aus dem Bauch heraus fällen. Deshalb wird mit der Modellpflege des großen Roadsters die Latte etwas tiefer gelegt.

Wenn die jüngste Ausgabe des Sportwagen-Klassikers Anfang April auf den Markt kommt, gibt es nicht nur eine neue Frontpartie mit der auffälligen Chromspange des Originals, neuen Scheinwerfern, zwei Powerdomes auf der Motorhaube und Kiemen an der Flanke, sondern auch ein neues Basismodell: Da der bislang kleinste SL 350 in Preis und Leistung deutlich angezogen hat, beginnt die Palette künftig mit einem SL 280, der den Grundpreis unter die Marke von 80.000 Euro drückt. Osthaus: "Und ein Verbrauch von 9,4 Litern ist heute in dieser Liga auch kein schlechtes Argument."

Obwohl der Motor vergleichsweise bescheidene 231 PS und 300 Nm mobilisiert, macht die Maschine im SL bei der ersten Testfahrt in Kalifornien eine überwiegend gute Figur. Auf dem Sunset Boulevard gibt der SL 280 den gemütlichen Cruiser, der mit einem Sprintwert von respektablen 7,8 Sekunden an der Ampel trotzdem den starken Max markieren kann. Während die siebenstufige Automatik kaum merklich die Gänge wechselt und der 3-Liter-V6 fast so schön säuselt wie ein Achtzylinder, schwebt man auf Wolke sieben durch den kalifornischen Frühling.

Nur wenn man die Küstenstraße verlässt und in die Berge startet, hat der Sechszylinder Mühe mit dem knapp zwei Tonnen schweren Luxusliner. Zwar spürt man in den engen Serpentinen die Vorzüge der neuen Direktlenkung, die den Wagen präziser um die Ecken bringt. Doch muss man den Roadster schon mit hohen Drehzahlen bei Laune halten, wenn der Spaß nicht auf der Strecke bleiben soll. Allerdings: Im Mutterland des Tempolimits reicht das Beschleunigungsvermögen selbst am steilsten Hang locker aus.

Dass Mercedes den neuen SL ausgerechnet in Los Angeles vorstellt, hat einen Grund. "Mindestens zur Hälfte hat diese Baureihe amerikanische Wurzeln" sagt Baureihen-Chef Hans Multhaupt mit Blick in die Geschichte des Klassikers. Schon der Flügeltürer feierte seine Weltpremiere 1954 auf einer US-Autoshow. Und dass es den Wagen drei Jahre später als Roadster gab, ging auf das Verlangen der Kunden an der US-Westküste zurück, sagt der Entwickler. Auch heute sind es vor allem die Amerikaner, die für hohen Absatzzahlen sorgen. "Jeder zweite SL wird in die USA verkauft, jeder vierte davon im Großraum Los Angeles."

In den USA beginnt die SL-Welt erst bei 388 PS

Mit dem SL 280 werden sich die Amerikaner allerdings nicht begnügen, und auch den SL 350 mit dem neuen Motor, dessen Leistung um 16 Prozent auf 316 PS stieg, während der Verbrauch um 0,4 Liter zurück ging, bekommen sie nicht. In den USA beginnt die SL-Welt mit dem 388 PS starken Achtzylinder im SL 500 und den 517 PS im V12-Modell SL 600. Richtig interessant wird es in den Hollywood Hills erst, wenn Firmentuner AMG vorfährt. Da allerdings müssen sich die Reichen und Berühmten an eine neue Nomenklatur gewöhnen. Denn neben dem nur fein polierten SL 65 AMG mit 612 PS gibt es künftig den von AMG entwickelten Hochdrehzahl-V8, der das Kürzel 63 trägt und mit 525 PS punktet.

Obwohl beide Autos nominal eng beieinander liegen, sind die Unterschiede gewaltig, sagt AMG-Chef Volker Mornhinweg. Auf der einen Seite der Zwölfzylinder als komfortabler Cruiser mit schier unbeschränkten Vorwärtsdrang und auf der anderen Seite der aggressive Leistungssportler mit Biss. Diesen Unterscheid unterstreicht Mercedes auch mit einem neuen Sportgetriebe, das die Vorteile von Doppelkupplung und Wandlerautomat vereinen soll.

Für den SL gibt es nun ein Nackengebläse

Aber die Entwickler haben nicht nur die sportliche Seite des SL geschärft. Auch seine Stellung als Komfort-König wollten sie festigen. Zu den üblichen Maßnahmen der Modellpflege wie dem neuen Lenkrad, den frisch gezeichneten Tachoskalen, den geänderten Zierteilen in der Mittelkonsole sowie dem Update für die Unterhaltungselektronik gibt es jetzt endlich auch im SL den Airscarf, der den Kopf auf Knopfdruck in eine warme Wolke hüllt. "Da waren wir im Zugzwang", muss Multhaupt eingestehen. Da zwei Drittel aller SLK-Kunden die Nackenheizung bestellen, wollten die Schwaben die Vielzahler nicht länger frieren lassen.

Doch ließ sich das Warmluftgebläse für den SL nicht einfach aus dem SLK importieren. Weil der SL sogenannte Integralsitze mit eingebauten Gurten und aufwändiger Crashstruktur hat, musste die Technik komplett in die Kopfstütze integriert werden. Das Ding wucherte entsprechend und sieht für Spötter jetzt aus wie der Kopf des außerirdischen Kinohelden E.T. Den meisten Amerikanern wird der Airscarf wahrscheinlich egal sein, weil es in Southern California nur selten kalt ist. Im Rest der Welt ist der Heizlüfter am Hinterkopf jedoch ein wichtigstes Verkaufsargument. Denn mit ihm beginnt die Roadster-Saison ein paar Wochen früher.

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