Mercedes SL 500 Der Sonnenkönig

Vor 60 Jahren begann der Mercedes SL seine Karriere als reinrassiger Rennwagen. Heute ist er die wahrscheinlich komfortabelste und luxuriöseste Sonnenbank auf Rädern. Die Neuauflage würde Mercedes gern wieder etwas sportlicher positionieren - warum eigentlich?

Daimler

Carrera Panamericana, Nürburgring, Targa Florio - die ersten Meriten erwarb sich der Mercedes SL auf den berühmtesten Rennstrecken der Welt. Das war 1952. Inzwischen sind 60 Jahre vergangen und das Auto ist bevorzugt immer noch auf berühmten Straßen unterwegs. Nur heißen die jetzt: Pacific Coast Highway, Moyenne Corniche oder Chiantigiana. Die Ortswechsel zeigen: Der ehemalige Supersportler mutierte über sechs Modellgenerationen zum Luxusliner. Der SL-Projektleiter bei Mercedes, Jürgen Weissinger, nennt das Auto "die S-Klasse unter den Roadstern".

Weissingers Aufgabe bei der Entwicklung der neuen SL-Generation war es, diese Eigenschaften zu bewahren, dem Auto zugleich aber etwas von der alten Schärfe zurückzugeben. Zu diesem Zweck wurde der jüngste Spross der SL-Familie erstmal zum Abspecken geschickt - immerhin brachten seine Vorgänger bis zu 2,1 Tonnen auf die Waage. Das neue Modell wurde bis zu 140 Kilogramm leichter, auch weil es - wie schon das Original - komplett aus Aluminium gefertigt wird.

Diese schlanke Statur spürt man bei der ersten Ausfahrt im SL 500 sofort, auch wenn der Wagen immer noch 1,8 Tonnen wiegt. Mit Leichtigkeit schlenzt der 4,7 Liter große V8-Motor den Roadster voran und macht sich dabei nur bei Vollgas akustisch bemerkbar. Wer mehr Spektakel will, solle gefälligst das AMG-Modell kaufen, sagt Weissinger. Der normale SL beweist mit jedem Gasstoß, dass es zwischen Lärm und Leistung keinen Zusammenhang geben muss. Wenn 435 PS und bis zu 700 Nm Drehmoment an der Hinterachse reißen, schnellt der Wagen in 4,6 Sekunden auf Tempo 100 - und das bei vergleichsweise gespenstischer Ruhe.

Der SL ist ein luxuriöser Roadster, kein rasanter Renner - basta

Anders als es bei einigen Vorgängern war, ist der neue SL nicht mehr nur auf der Geraden schnell. Das Auto ist spürbar präziser zu lenken, schneidet locker durch enge Radien und beschleunigt druckvoll aus den Kehren heraus. Dabei entwickelt der neue V8-Motor so viel Punch, dass der Wagen für einen Moment das Heck kommen lässt, ehe die Elektronik eingreift und das Auto blitzartig beruhigt. So fühlt man sich auf engen Landstraßen ähnlich wohl wie auf den breiten Prachtboulevards, auf denen die SL-Klientel gemeinhin zum Schaulaufen unterwegs ist.

Die leichtere Alu-Karosse verbessert nicht nur die Dynamik, sondern sie ist auch ein wesentlicher Grund für den geringeren Verbrauch. Der Leichtbau sorgt im Verbund mit neuen Motoren, einer Start-Stopp-Funktion und der optimierten Siebengang-Automatik für eine Verbrauchssenkung um bis zu 29 Prozent - und das obwohl die Leistung aller Varianten gestiegen ist. Der Spagat zwischen Rasanz und Vernunft lässt sich also doch hinkriegen.

Überzogen wirkt allerdings die von den Mercedes-Verantwortlichen Mantra-gleich wiederholte Betonung der Dynamik des Autos. Den SL nach 60 Jahren wieder zum Sportwagen zu stempeln, ist genauso albern und unnötig, wie etwa die B-Klasse als jung und peppig verkaufen zu wollen. Zumal das Durchschnittsalter der Kunden bei keiner anderen Mercedes-Baureihe so hoch sein dürfte wie beim Roadster. Vor allem aber ist das Sportlichkeitsgerede überflüssig. Denn wem der SL selbst als AMG-Modell mit acht oder später auch zwölf Zylindern immer noch zu zahm ist, für den gibt es ohne großen Preissprung schließlich auch noch den SLS.

Wer das Verdeck bedienen möchte, muss dazu anhalten

Wenn Projektleiter Weissinger von der S-Klasse unter den Roadstern spricht, meint er nicht nur die Technik, sondern auch das Ambiente, das im SL traditionell viel opulenter angerichtet ist als in einem Porsche 911 oder einem BMW 6er. Extras wie der Nackenföhn oder der Massagesitz sind selbstverständlich, ebenso das Staufach für Flaschen und der Getränkehalter. Die Liste der aufpreispflichtigen Komfort- und Assistenzsysteme ist beim SL so lang wie bei keinem anderen Auto dieser Art.

Ein paar Neuheiten hat der SL vorerst exklusiv. Etwa den perforierten Scheibenwischer, der das Glas putzt, fast ohne dass man Spritzwasser zu sehen bekommt; oder der Kofferraumdeckel, der auf Fußbewegungen reagiert und sich so öffnet und auch wieder schließt. Und die Tieftöner des Soundsystems nutzen die Hohlräume der Karosse als Resonanzkörper, so dass man von den Bässen geradezu umflutet wird.

Nette Spielereien eben, für die man teilweise unverschämt tief in die Tasche greifen muss. Immerhin kostet schon der 306 PS starke SL 350 mit dem 3,5 Liter großen V6-Motor fast 100.000 Euro, und für den V8 rufen die Schwaben beinahe 120.000 Euro auf.

Doch trotz dieser hohen Summen bleibt ein peinliches Problem dieser Fahrzeuggattung weiter ungelöst: Das Verdeck lässt sich nach wie vor nur im Stand bedienen. Denn beim automatischen Öffnen oder Schließen des Daches klappt auch der Kofferraumdeckel kurz nach oben, und dann ist für ein paar Sekunden das Kennzeichen nicht zu sehen. Bei einem fahrenden Auto darf diese Anonymität qua Gesetz nicht sein. Also müssen SL-Fahrer anhalten, um das Verdeck zu bedienen. Eine gute Gelegenheit für Porsche 911 Cabrios oder Audi TTs zum Überholen, denn bei denen funktioniert das Dach auch während der Fahrt.

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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
theodorheuss 12.03.2012
1. What a beauty!!!
Zitat von sysopDaimlerVor 60 Jahren begann der Mercedes SL seine Karriere als reinrassiger Rennwagen. Heute ist er die wahrscheinlich komfortabelste und luxuriöseste Sonnenbank auf Rädern. Die Neuauflage würde Mercedes gern wieder etwas sportlicher positionieren - warum eigentlich? http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,818377,00.html
Manchmal möchte ich dann doch mal reich sein, ich kanns nicht verleugnen.
CMH 12.03.2012
2. Nichts für mich
Zum Glück gibt es noch viele andere Cabrios, die ausser einem schönen Design auch noch Fahrdynamik und Spass bieten. Wie sagt mein 72jähriger Vater doch immer so schön: "Mercedes kann ich immer noch fahren, wenn ich mal alt bin."
ergoprox 12.03.2012
3.
Hässlich. Wer hat das Design abgezeichnet? Schon der 2te Fauxpas nach dem SLK, der auch Kartoffelnase und Hüftspeck in unsäglicher Weise kombiniert. Was ist am SL eigentlich "Super Leicht"? Das der "Sportlichkeits"-Wahn bei Mercedes just in dem Moment ankommt (neue A-Klasse, SLK, SL), nachdem nach jahrzehntelangem Straffheitswahn endlich Audi+BMW kapiert haben, dass die Kunden einen Dreck auf diese Pseudosportlichkeit geben, ist schon erstaunlich. Mercedes ist eindeutig auf dem absteigenden Ast. 10Jahre hinterher.
derflieger 12.03.2012
4. -
Zitat von sysopDaimlerVor 60 Jahren begann der Mercedes SL seine Karriere als reinrassiger Rennwagen. Heute ist er die wahrscheinlich komfortabelste und luxuriöseste Sonnenbank auf Rädern. Die Neuauflage würde Mercedes gern wieder etwas sportlicher positionieren - warum eigentlich? http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,818377,00.html
Na, ich bin mir sicher, ein RR Phantom Drophead ist noch um Längen komfortabler. Wie dem auch sei, der neue SL haut mich nicht vom Hocker. Ein aufgeblasener SLK, so what? Dasselbe brutale aktuelle Markengesicht mit vorspringender "Nase" und riesigen brachial gezeichneten Öffnungen. Dieses Auto bringt Mercedes zumindest stilistisch keinen Millimeter weiter.
ökos teuer 12.03.2012
5. --
Zitat von theodorheussManchmal möchte ich dann doch mal reich sein, ich kanns nicht verleugnen.
Ja, aber dann richtig reich damit es für etwas vernünftiges wie einen DBS Volante oder Virage oder Vantage S Roadster reicht. Ich bezweifle übrigens, das der SL sportlicher als ein Phantom Drophead Coupé ist.
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