Mercedes SL 55 AMG Der Boller-Wagen

Reichtum hat auch schlechte Seiten. Etwa wenn echte Entscheidungen anstehen. Investiert man sein Geld lieber in einen vornehmen SL 600 oder in einen unbändigen SL 55 AMG? Gleich stark sind beide und gleich teuer auch. Und trotzdem zwei grundverschiedene Mercedes-Modelle.

Gewiss, es gibt schwerwiegendere Probleme. Doch wer viel Geld für ein Auto ausgeben und stilvoll in den beginnenden Frühling fahren möchte, der steht bei Mercedes derzeit vor einer heiklen Wahl. Denn vom 11. März an locken die Schwaben die Vielbesserverdiener mit einem überarbeiteten SL an die Sonne - und rollen dabei neben zwei neuen V6- und V8-Motoren auch wieder zwei ausgesprochene Leistungsträger in die Pole Position: den feudalen Zwölfzylinder-Sportwagen SL 600 und den brachialen Achtzylinder aus der hauseigenen Tuningschmiede AMG.

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Mercedes SL 55 AMG: Brachialer Achtzylinder

Auf dem Papier sind beide Fahrzeuge mit 517 PS (380 kW) gleich stark, und in der Preisliste liegen sie nicht einmal 100 Euro auseinander. Doch spricht Mercedes mit beiden Autos innerhalb einer feinen Nische zwei völlig unterschiedliche Zielgruppen an. Thomas Rappel aus dem Produktmanagement von AMG erläutert dies so: "Der V12 ist der ultimative Luxus und dennoch eher ein Modell für die eher introvertierten Kunden, während der AMG mit seiner sportlichen Art und seinem auffallenden Wesen eher von expressiven, extrovertierten Menschen gekauft wird."

Während die Autos auf den ersten Blick nur in Nuancen unterschiedlich sind, erkennt man bei genauerem Hinsehen, dass es hier um so etwas wie den Unterschied zwischen Smoking und Rennanzug oder zwischen Kaviar und Energieriegel geht. Der SL 55 AMG ist das bizarrere Auto. Doch ist ein Zulassungsanteil von beinahe 20 Prozent ein gutes Argument für den vornehmen Kraftmeier. Und die Rolle des stärksten oder teuersten Modells innerhalb der Baureihe fällt keinem von beiden zu. Denn wer es ganz stark und sehr teuer mag, der legt noch einmal gut 70.000 Euro drauf und bestellt den SL 65 AMG, den Zwölfzylinder-Hammer schlechthin.

Hersteller:Mercedes
Typ:SL 55 AMG
Karosserie:Cabrio/Roadster
Motor:Achtzylinder-Benziner-Kompressor
Hubraum:5.439 ccm
Leistung PS:517 PS
Leistung kW:380 kW
Drehmoment:720 Nm
Von 0 auf 100:4,5 Sek.
Höchstgeschw.:300 km/h
Verbrauch (ECE):13,5 Liter
CO2-Ausstoß:320 g/km
Kraftstoff:Super Plus
Kofferraum:235 Liter
umgebaut:339 Liter
Preis:133.980 €

Für dieses Mal fällt die Wahl des Testers aber auf den neuen, "kleinen" AMG, auch weil dessen Tage in der heutigen Form gezählt scheinen. Nicht umsonst feiern jetzt beim Genfer Salon gleich vier Mercedes-Modelle mit einem neuen V8 von AMG aus Affalterbach Premiere, die ganz ohne Turbolader oder Kompressor auf weit mehr als 500 PS kommen. Weil dieser Hochdrehzahl-Motor im SL noch ein wenig auf sich warten lassen wird, haben die Schwaben jetzt noch mal Hand an den Kompressor gelegt. Seine Leistung steigt dadurch um 17 auf 517 PS und das maximale Drehmoment klettert um 20 auf 720 Newtonmeter.

In der Praxis ist dieser Zugewinn kaum spürbar, doch die Lust an der Leistung erfasst einen schon nach wenigen Kilometern. Könnte man sich doch mit einem Kickdown in 4,5 Sekunden auf Tempo 100 katapultieren lassen und wenig später sogar die 250-km/h-Marke überschreiten. Schließlich gibt es für den SL 55 AMG auch ein "Performance Package" und damit eine Freigabe für bis zu 300 km/h.

Fast noch schöner als die gefühlte Beschleunigung des SL 55 AMG ist seine Geräuschkulisse. Rollt der Roadster über den Boulevard, blubbert der V8, als könnte ihn nichts und niemand aus der Ruhe bringen. Doch wehe, der Fuß streichelt auch nur leicht das Gaspedal. Dann schwillt das Blubbern zu einem Bollern an, bevor der Motor giftig faucht und der Kompressor sein kreischendes Lied singt. Spätestens jetzt ist es endgültig an der Zeit, das Radio auszuschalten und sich von einem Orchester mit acht Zylindern und vier Endrohren beschallen zu lassen. Dass man dabei nicht aus der Ruhe kommt, ist ein Verdienst des strammen Fahrwerks, der direkten Lenkung und der nochmals verstärkten Bremsanlage. Allzu lange wird ein Vollgastest ohnehin nicht dauern. Denn bei mehr als 20 Litern Praxisverbrauch reicht selbst ein 80-Liter-Tank nicht ewig.

Das ist ein Problem, mit dem sich sparsamere SL-Fahrer künftig nicht mehr ganz so intensiv auseinander setzen müssen. Denn auch wenn man es kaum sieht, hat Mercedes die Baureihe R 230 viereinhalb Jahre nach ihrer Premiere gründlich aufpoliert. "Alle Aggregate sind neu oder überarbeitet und bieten nun mehr Leistung und mehr Drehmoment bei gleichem oder deutlich reduziertem Verbrauch", preist Produktmanager Jan Hellmich die Vorzüge des gesichtslosen Facelifts.

Besonders deutlich wird der Fortschritt bei den neuen V-Motoren im SL 350 und im SL 500, die nun beide mit der siebenstufigen Automatik gekoppelt werden. So steigt beim Sechszylinder die Leistung um gut zehn Prozent auf 272 PS (200 kW), während der Verbrauch um einen glatten Liter zurückgeht. Und der Achtzylinder legt mit jetzt 388 PS (285 kW) und 530 Newtonmeter gar um 26 Prozent zu, die am Normverbrauch quasi spurlos vorübergehen. Dennoch darf die Lobrede nicht darüber hinwegtäuschen, dass sowohl der V6 als auch der V8 mit einem Normverbrauch von 10,3 und 12,2 Litern immer noch ziemlich durstig sind.

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