Autogramm Mercedes SL 63 AMG Ziemlich aufgepustet

Mehr Spaß trotz Verzicht - das verspricht Mercedes-Haustuner AMG für seine Version des neuen SL. Herzstück des Roadsters ist ein von zwei Turbos beatmeter V-8-Motor, der mehr leistet, aber weniger verbraucht.

Walter Tillmann

Der erste Eindruck: Sportlich steht er da, der neue Mercedes SL 63. Der kleine Karbonflügel auf dem Heckdeckel wirkt zwar so unpassend wie ein Tattoo unter dem Brioni-Sakko. Sonst haben sich die Designer allerdings mit PS-Protzerei weitgehend zurückgehalten. Lediglich die Doppelklingen im Grill, die großen Lufteinlässe, die Seitenschweller und die Heckschürze mit Diffusor-Einsatz und vier verchromten Endrohren geben die AMG-Version zu erkennen. Ähnlich dezent gibt sich der Innenraum: Sitze mit mehr Seitenhalt und ein Lenkrad mit mehr Grip - das war's im Großen und Ganzen.

Das sagt der Hersteller: Für AMG ist der SL 63 der Beweis, dass sich Vernunft und Vergnügen nicht ausschließen. Denn obwohl der Roadster rund 40 PS zugelegt hat, geht der Verbrauch um 4,2 Liter zurück. Auf dem Prüfstand reichen dem Sportler jetzt 9,9 Liter (auch wenn man solche Werte in der Praxis wohl nicht erwarten darf). Dafür wechselt AMG von einem V8-Sauger trotz des weniger charakteristischen Klangs auf einen Direkteinspritzer mit Doppelturbo und speckt mehr ab als die Großserie. Der Werkstuner setzt nicht nur auf eine Rohkarosse aus Aluminium, sondern verbaut zum ersten Mal im großen Stil auch Teile aus Karbon. Lohn der Mühe: Der Neue wiegt 125 Kilo weniger als der Vorgänger.

Das ist uns aufgefallen: Während der normale SL 500 stets um Contenance bemüht ist und deshalb bisweilen zu brav bleibt, kennt das AMG-Modell keine Zurückhaltung. Das verstellbare Fahrwerk ist knackig und trocken, die Lenkung scharf, die Bremsen bissig und die Automatik wieselflink. Bis zu 900 Nm Drehmoment schleudern den SL in bestenfalls 4,2 Sekunden auf Tempo 100.

Egal, in welcher Situation man in diesem Auto aufs Gas tritt: Immer hat man das Gefühl, da geht noch was. Mindestens genauso imposant ist die Konsequenz, mit der sich der Roadster nach dem scharfen Ritt wieder zurücknehmen kann: Sobald man ins Komfortprogramm wechselt und den Fuß vom Gas nimmt, wird der SL zum Cruiser.

Das muss man wissen: Den SL 63 AMG treibt ein 5,5 Liter großer V8-Motor an, der in der Grundversion auf 537 PS und 800 Nm kommt. Mit dem sogenannten Performance Package steigt die Leistung auf 564 und das Drehmoment klettert auf 900 Nm. Obwohl der Wagen stolze 157.675 Euro kostet und der PS-Nachschlag mit weiteren 14.280 Euro in der Liste steht, ist damit das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht.

Erstens kann man selbst bei diesem Preis noch viel Geld für Extras wie das schlüssellose Zugangssystem und das elektrische Windschott ausgeben, die in dieser Preisregion eigentlich selbstverständlich sein sollten. Und zweitens gibt es ja auch noch den SL 65 mit seinem 630 PS starken Zwölfzylinder. Mit seinen 236.334 Euro stempelt er das V8-Modell fast zum Schnäppchen.

Das werden wir nicht vergessen: Den unglaublichen Klang. Mit feinem Soundtuning haben die AMG-Ingenieure eine PS-Arie komponiert, die den Abschied vom hochdrehenden Sauger leicht und die Musikanlage von Bang & Olufsen überflüssig macht. Mal bollert der Achtzylinder, mal grollt und mal brüllt er. Aber immer klingt er so kraftvoll und kernig, dass man den Fuß gar nicht mehr vom Gas nehmen und am liebsten von einem Tunnel zum nächsten fahren möchte. Wer braucht in einem Roadster schließlich die Sonne, solange der Sound stimmt?



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