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Autogramm Mercedes SL: Oh, wie Fön!

Foto: Daimler AG

Autogramm Mercedes SL Der macht es sich zu bequem

Kaum ein Roadster-Modell bietet soviel Komfort wie der Mercedes SL. Zwischen automatischem Aufwärmprogramm und ausgetüftelter Neigetechnik ist aber eine Sache auf der Strecke geblieben: Der Charakter des Autos.

Der erste Eindruck: Leuchtete der Stern nicht mehr hell genug? Mit serienmäßigen LED-Scheinwerfern und einem Diamant-Grill funkelt der rundum überarbeitete Mercedes SL jetzt wie vom Juwelier gepimpt.

Das sagt der Hersteller: Obwohl der SL auf nur 829 Neuzulassungen im vergangenen Jahr in Deutschland kam, sprechen die Schwaben von einer "Ikone der Marke". Das liegt vor allem an mehr als 60 Jahren Tradition: 1954 startete der SL als radikaler Sportwagen. Mittlerweile wurde er gezähmt und befriedigt als ebenso kräftiger wie komfortabler Gleiter mit viel Technik aus S-Klasse & Co. ganz unterschiedliche Erwartungen.

Das ist uns aufgefallen: Im SL bedarf es keines milden Wetters für ein offenes Verdeck, das Auto schafft sich die Cabrio-Temperatuen selbst. Denn Wind und Kälte lassen sich mit ein paar Tastendrücken einfach aussperren: Die Seitenscheiben fahren hoch, das filigrane Schott hinter den Sitzen richtet sich elektrisch auf, und die Nackenheizung arbeitet auf Hochtouren - prompt herrscht im SL ein südliches Binnenklima. Nur wenn es regnet, muss man das faltbare Hardtop tatsächlich dicht machen.

Video: Das Öffnen und Schließen des Verdecks im Zeitraffer

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Aber nicht nur das Wetter lässt sich ausblenden - sondern auch die Zentrifugalkraft. Dafür sorgt das sogenannte ABC-Fahrwerk: dessen Stahlfedern können über elektronisch gesteuerte Hydraulikelemente binnen Sekundenbruchteilen um einige Zentimeter nach oben oder unten bewegt werden. Zieht der SL Kurven zum Beispiel um eine steile Rechtskurve, senkt sich der Wagen auf der linken Seite und hebt sich auf der rechten Seite. Durch diese Neigefunktion ist die Fliehkraft in Kurven weniger spürbar. Das Problem: Bei einem Sportwagen wirkt dieses klinisch bereinigte Fahrgefühl irgendwie deplaziert. Die Geschwindigkeit ist in Kurven nur zu erahnen.

Betrachtet man das ganze positiv, erscheint der Mercedes SL perfekt ausgewogen zwischen Luxus und Sportlichkeit. Im Daimler-Portfolio zwängt er sich somit zwischen die offene Version der S-Klasse und den den GT Roadster. Wahrscheinlich gibt sogar keinen anderen offenen Sportwagen, der diese beiden Ideale so nah zusammenbringt.

Andererseits wirkt der Wagen dadurch aber auch völlig unentschlossen: Wer es in dieser Preisklasse etwas sportlicher mag, greift gleich zum Porsche 911 Cabrio. Und wer auf mehr Komfort Wert legt, kauft sich ein rassiges Coupé.

Die Inkonsequenz des SL lässt sich auch an Details festmachen: Warum beispielsweise das Öffnen oder Schließen des Verdecks im Stillstand begonnen werden muss, ehe man dann auf 40 km/h beschleunigen darf, während die Haube auf- oder zuklappt, erschließt sich nicht. Ebenso wenig wie die Dauer von knapp 30 Sekunden, die diese Prozedur dauert.

Auf der anderen Seite kann selbst das sportlichste Fahrprogramm oder die stärkrste Motorisierung nicht darüber hinweg täuschen, dass der SL für einen echten Sportwagen einfach zu schwer ist. Je ambitionierter der Fahrstil, desto offenkundiger wird das.

Das muss man wissen: Der Verkauf startet am 16. April. Am unteren Ende der Preisliste steht dann der SL 400 für 99.097 Euro. Dessen V6-Motor mit 367 PS ist im Vergleich zum Vorgänger zehn Prozent leistungsfähiger und jetzt mit einer Neungang-Automatik gekoppelt. Das Topmodel ist der von AMG aufgebrezelte SL 65, der mit einem 630 PS starken V12-Motor und einem Grundpreis von 239.934 Euro reichlich abgehoben ist.

Das werden wir nicht vergessen: Welchen aberwitzigen Aufwand Mercedes beim Dach des SL betreibt: Hat sich die Hartschale im Kofferraum versenkt, übernehmen sensorgesteuerte Motoren den simplen Handgriff, mit dem man die Wanne über dem Gepäck schließt. Und wenn man die Dachluke im Hardtop abdunkeln will, braucht man nur auf eine Knopf zu drücken, und das Glas wird automatisch getönt. Das Auto scheint außer fönen wirklich alles dafür zu tun, dass einem in keinem Moment zu heiß wird.