Mini E Psst, die Zukunft rollt heran!

Jetzt steht auch BMW unter Strom. In einem groß angelegten Projekt bringt der Konzern 500 Elektro-Mini auf die Straße. Das Gros der Testflotte wird durch Los Angeles surren, wo SPIEGEL ONLINE bereits hinterm Steuer saß. Und auch in Berlin fährt der Mini bald elektrisch.

Aus Los Angeles berichtet


Wer auf dem vornehmen Wilshire Boulevard in Los Angeles unterwegs ist, kennt den lauten Auftritt. Hier lassen Ferrari-Fahrer allen Klimasorgen zum Trotz ihre Zwölfzylinder röhren, an jeder zweiten Ampel brüllt ein Lamborghini oder bollert eine Corvette, und vor den Hotelportalen blubbern unter den Hauben großer Geländewagen und feudaler Limousinen fette Achtzylinder. Die Zukunft aber kommt flüsterleise. Denn unter die PS-Giganten der Hollywood-Schickeria mischt sich künftig auch eine Flotte bunt beklebter Mini, mit denen BMW den Elektroantrieb in Kundenhand erproben will.

Rund 500 Exemplare haben die Bayern dafür umgerüstet, von denen die meisten in Los Angeles zum Einsatz kommen werden; auch in anderen Städten, etwa in Berlin, soll der Elektro-Kleinwagen getestet werden. SPIEGEL ONLINE war mit einem der Flitzer bereits zwischen Rodeo Drive, Bel Air und Hollywood unterwegs.

Zumindest auf den ersten Metern kann es der Saubermann bei der Testfahrt sogar mit den potenten Bolliden in der Traumfabrik aufnehmen. Schließlich stehen die 220 Nm des 204 PS starken Elektromotors unmittelbar zur Verfügung. Nur begleitet von einem dezenten Surren und dem Zischen der Kühlung für die Lithium-Ionen-Akkus, schießt der Mini E davon wie ein Drag-Racer auf der Viertelmeile.

Obwohl sich der Prototyp mit einem Mehrgewicht von 300 Kilogramm abschleppt und die Traktionskontrolle Mühe hat mit dem hecklastigen Fronttriebler, lässt er beim Anfahren fast alle anderen stehen. Erst jenseits von 30, 40 km/h wird es etwas gemächlicher, so dass der Mini E für den Sprint auf Tempo 100 dann doch 8,5 Sekunden braucht. Die Höchstgeschwindigkeit ist vorsorglich auf 152 km/h limitiert.

Ungewöhnlich wie das Beschleunigen mit dem Elektro-Mini ist auch das Verzögern. Sobald man den Fuß vom Pedal lupft, springt die Poweranzeige im Kombiinstrument um, der Elektroantrieb wird zum Generator und arbeitet wie eine Motorbremse – im Leerlauf dahin rollen geht also nicht. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber sehr effizient. Denn so gewinnt der Mini E reichlich Energie zurück, die in mehr als 5000 zusammengeschalteten Lithium-Ionen-Zellen gespeichert wird.

Mit den 35 Kilowattstunden des Pakets aus konventionellen Laptop-Akkus kommt der Mini bis zu 250 Kilometer weit. Danach allerdings muss er für ein paar Stunden an die Steckdose. Für die heimische Garage jedoch gibt es eine so genannte Wallbox, die wie eine Art Elektroturbo die Stromstärke erhöht und die Akkus in gut zwei Stunden füllt.

Der Elektro-Mini fährt klasse, bietet aber kaum Platz

Das Interesse am Elektro-Mini ist im grünen Kalifornien groß. Obwohl BMW eine monatliche Leasingrate von 850 Dollar verlangt und der Stromer damit doppelt so teuer ist wie der konventionelle Mini, haben sich in den USA bereits mehr als 10.000 Interessenten registrieren lassen, berichtet Mini-Sprecher Cypselus von Frankenberg. Offiziell ist zwar noch nichts bestätigt, doch hinter den Kulissen ist von einer Versuchsflotte von 50 Autos die Rede, die in Berlin in Kooperation mit einem Stromversorger auf die Straße kommen soll.

Die Fahrleistungen sind beeindruckend, die Ruhe im Auto ist ein Segen und im Stadtverkehr geht die Reichweite von bis zu 250 Kilometern in Ordnung. Doch sonderlich alltagstauglich sind die Mini E noch nicht. Wo sonst die Rückbank platziert ist, sitzen nun die riesigen Akkupacks; vom Kofferraum bleibt nur noch ein schmaler Spalt für zwei Aktentaschen, und die Federung ist angesichts der großen Last so hart, dass Orthopäden frohlocken sollten. Da gebe es noch Verbesserungspotential, sagt auch Projektleiter Uli Kranz. "Aber uns ging es jetzt vor allem darum, die Antriebstechnik so schnell wie möglich in Kundenhand zu bringen und Erfahrungen zu sammeln".

Neues Mobilitätskonzept mit völlig neuem i-Car

Bei einem nur moderat angepassten Elektroauto wird es in Zukunft nicht bleiben. Denn dieser Mini ist nur der erste Schritt zum ominösen i-Car, mit dem BMW vornehmlich urbane Mobilitätsanforderungen der Zukunft lösen will. Das Projekt genießt intern höchste Priorität, die Mitarbeiter haben alle Freiheiten und suchen, nach der Beschreibung des verantwortlichen Vorstands Friedrich Eichiner, wie ein wendiges Schnellboot im Umfeld des großen Tankers BMW nach einem neuen Fahrzeugkonzept. Irgendwann zwischen 2010 und 2015 sollen die daraus entstehenden Vehikel die Zentren von Millionen-Metropolen wie Tokio, New York, Berlin, London oder Los Angeles erobern.

Das i-Car, das es wohl als Zwei- und Viersitzer geben wird und das laut Eichiner neben dem Elektroantrieb auch einen "hoch effizienten Verbrennungsmotor mit einem CO2-Ausstoß von deutlich unter 100 Gramm" bekommen soll, muss nicht notgedrungen ein BMW oder Mini sein. Sondern ähnlich wie der Smart bei Mercedes könnte der Hoffnungsträger auch unter einer neuen Marke lanciert werden – zum Beispiel als Wiedergeburt der Isetta. Doch dazu will Eichiner noch nichts sagen: "Jetzt testen wir erstmal den Antrieb. Alle anderen Entscheidungen fallen im nächsten Jahr."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.