Nissan Leaf Alltagstauglicher Stromer für die Massen

Angekündigt wurden Elektroautos schon von vielen Unternehmen. Jetzt aber macht Nissan ernst und scheint das Rennen zu gewinnen. Das Modell Leaf soll der erste Großserien-Elektrowagen werden. Ein Jahr vor dem Start fuhr SPIEGEL ONLINE jetzt einen Prototypen.

Aus Yokohama berichtet


Die Zukunft fährt in vertrauter Form vor. Das Auto, das Nissan-Entwickler Toshimi Abo auf einem streng abgeschirmten Testgelände in Yokohama präsentiert, scheint nichts weiter als eine auffällig beklebte Version des Kompaktwagens Tiida zu sein. "Lassen Sie sich von der Karosserie nicht täuschen", sagt Abo, "darunter steckt die Technik des neuen Leaf." Dieses Kompaktauto wiederum, das in dieser Woche auf der Motorshow in Tokio vorgestellt wird, ist ein Elektroauto. Nissan feiert das Modell Leaf als erstes maßgeschneidertes Elektroauto für die Großserie; 2010 Jahr soll die Produktion anlaufen. "In den ersten beiden Jahren sollen jeweils 50.000 bis 60.000 Exemplare gebaut werden, danach deutlich mehr", sagt Abo. Ab Herbst 2010 soll der Wagen in Japan und den USA verkauft werden, später weltweit.

Die Vorbereitungen zum Leaf-Launch laufen auf Hochtouren. Während Abo noch Testrunden dreht, wird bereits das Nissan-Werk in Oppama eingerichtet und die Batterieproduktion hochgefahren. Gemeinsam mit dem Elektronik-Konzern NEC will Nissan Lithium-Ionen-Zellen in Eigenregie bauen. Um auf die nötigen Stückzahlen zu kommen, sind auch Fabriken in Portugal, Großbritannien und den USA geplant.

Ähnlich wie der Toyota Prius oder der Honda Insight erhält der Leaf ein eigenständiges Design und unterscheidet sich deutlich von Fahrzeugen mit konventionellem Antrieb. Im Windkanal auf minimale Luftwiderstände getrimmt, trägt er eine lange Frontpartie, die nur von einem winzigen Kühlergrill durchbrochen ist, eine glatt geschliffene Karosserie und ein eigenwilliges Heck. Neu ist auch die Plattform, die den Anforderungen des E-Mobils Rechnung trägt. Bei der ging es den Ingenieuren nicht um die Positionierung von Motor, Getriebe oder Tank, sondern vornehmlich nach einem Platz für die Lithium-Ionen-Akkus. 48 Module, die aus je vier Zellen von der Größe eines dicken DIN-A-5-Notizblocks bestehen, liegen jetzt unter den Sitzen und der Rückbank, ohne den Innenraum zu beeinträchtigen.

Anders als Elektro-Sportwagen wie der Tesla Roadster oder Stadtstromer wie der Smart ED ist der 4,45 Meter lange Leaf als alltagstauglicher Erstwagen gedacht. Gewährleisten sollen das der Radstand von 2,70 Meter, fünf Sitzplätze sowie ein ordentlicher Kofferraum; dazu kommt eine Reichweite von 160 Kilometern. Das klinge zwar bescheiden, sei aber für die meisten Menschen mehr als genug, sagt Entwickler Abo. "Mehr als 80 Prozent aller Autofahrer weltweit sind täglich weniger als 100 Kilometer unterwegs."

Spektakulär flott und unauffällig leise zugleich

Das Fahrerlebnis ist, wie bei jedem Elektroauto, spektakulär und unauffällig zugleich. Flüsterleise und rasantem Spurt startet der Prototyp auf die Testrunde. Weil das maximale Drehmoment von 280 Nm beim Elektromotor auf Anhieb abgerufen werden kann, reichen umgerechnet 109 PS für einen schnellen Antritt. Jenseits von 50 km/h wird der Leaf träger, so dass man zum Überholen etwas mehr Geduld braucht und sich mit Rücksicht auf die Reichweite zudem mit einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 140 km/h begnügen muss. Die allerdings erreicht der Wagen mit einem Geräuschniveau, das man sonst allenfalls von Luxuslimousinen kennt.

Sind die Akkus leer, muss der Leaf an die Steckdose. In Japan, wo die Leitungen nur 110 Volt führen, dauert das Laden 16 Stunden; in Europa wäre es in der halben Zeit zu schaffen. Um dies abzukürzen, entwickelt Nissan eine elektrische Druckbetankung: Ein Schnellladesystem mit Hochspannung füllt den Akku binnen 30 Minuten zu immerhin 80 Prozent. "Im Klartext heißt das: 10 Minuten Tanken, 50 Kilometer fahren", rechnet Abo vor. Rund um Yokohama soll das erste Netz solcher Schnelllade-Stationen entstehen. 23 solcher Anlagen existieren bereits, dazu kommen 160 normale Ladeanlagen.

Eingriff in die Bordelektronik per Mobiltelefon

Neben der Antriebstechnik entwickelt Nissan für den Leaf eine neue Elektronik, die dem Fahrer den Wechsel von Sprit auf Strom erleichtern soll. So berücksichtigt zum Beispiel das Navigationssystem immer die Restreichweite und zeigt automatisch alle Ladestationen am Wegesrand an. Außerdem lässt sich der Bordcomputer auch per Mobiltelefon steuern. So kann man die Ladezeit zum Beispiel so programmieren, dass stets billiger Nachtstrom gezapft wird; und morgens meldet das Auto, dass alle Akkus voll sind und man starten könne. Vorher sollte man - ebenfalls via Mobiltelefon - noch die Klimaanlage aktivieren, rät Entwickler Abo. "Dann ist der Wagen nicht nur wohltemperiert, sondern es geht auch keine Akkuleistung verloren, wenn zum Aufheizen noch Strom aus der Steckdose genutzt wird."

Die Pläne sind ambitioniert. Doch die Technik laufe und die Produktion stehe, heißt es bei Nissan. Und dann schnurrt der Technologieträger im alten Gewand wieder los auf die Teststrecke. Gespart wird bei diesem Auto übrigens auch im Kleinen: Um den Stromvorrat zu schonen, werden die Fenster wieder von Hand gekurbelt.



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