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02. Juli 2012, 09:30 Uhr

Fahrbericht Nissan Leaf

Der Unberechenbare

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Elektroautos müssen nicht winzig klein und unkomfortabel sein. Der Beweis ist der Nissan Leaf. Das Auto überzeugt als geräumiges Stadtmobil und vollwertiger Kompaktwagen. Aber mit der Grundangst vor der Elektromobilität geht er nicht besonders sensibel um.

Wenn Elektroautos die Herzen der Menschen erobern wollen, müssen sie zuerst deren Angst besiegen. Die Angst, die im Vergleich zu einem normalen Auto ohnehin nicht große Reichweite falsch einzuschätzen und dann mit leerem Akku irgendwo zu stranden. Elektroautos müssen das Vertrauen der Fahrer gewinnen. Der Nissan Leaf ist ein tolles Elektroauto. Aber er geht mit dem Vertrauen seiner Fahrer ziemlich schlampig um.

Es geht damit los, dass beim Einschalten eines vollständig geladenen Leaf auf dem Display eine ganz andere Reichweite angezeigt wird, als in der Verkaufsbroschüre angegeben. 175 Kilometer weit soll der Leaf nach Angaben von Nissan mit vollständig geladener Batterie fahren können. Doch warum zeigt der Leaf vor Fahrtantritt nur eine Reichweite von 140 Kilometern an? Wo sind die restlichen 35 Kilometer Saft geblieben?

Leicht verunsichert startet man zur ersten Testfahrt - und erlebt gleich die nächste Irritation. In den ersten Minuten der Fahrt sinkt die angezeigte Reichweite nämlich rapide. Auf einer Strecke von gerade mal zwei Kilometern verbraucht der Leaf, so zumindest ist es auf dem Display abzulesen, Strom für zehn Kilometer. Bang fragt man sich, ob man es bei so einem Stromverbrauch überhaupt nach Hause schafft.

Schwankende Reichweite

Tatsächlich steigt die Reichweite nach ein paar Kilometern wieder. Es kann sogar passieren, dass das Display nach fünf Minuten Fahrt wieder fast die gleiche Reichweite anzeigt wie zu Fahrtbeginn. Das nimmt man zwar einerseits wohlwollend zur Kenntnis - fragt sich aber gleichzeitig, warum der Bordcomputer so unpräzise Ergebnisse ausspuckt.

Die geringere Gesamtreichweite hat zwei Ursachen: Erstens ermittelt der Bordcomputer des Leaf laut Aussagen von Nissan aus allen absolvierten Fahrten eine realistische Gesamtreichweite. Wenn der Fahrer also stets mit Bleifuß unterwegs ist oder auf dem Weg zur Arbeit längere Zeit auf der Autobahn fahren muss, kann es theoretisch sogar sein, dass der Leaf vollgeladen nur eine Reichweite von 100 Kilometern anzeigt.

Zweitens kommt zur Ermittlung des Verbrauchs bei Elektroautos der gleiche Normzyklus zur Anwendung wie für herkömmliche Verbrennerautos. Also ein von realen Nutzungsbedingungen weit entfernter Testlauf im Labor. Deswegen sind die von Nissan angegebenen 175 Kilometer Reichweite im Alltag auch mit defensiver Fahrweise ebenso wenig zu erreichen wie die Verbrauchsangaben aller Hersteller für Benzin- oder Dieselfahrzeuge.

Es gibt für alles eine Erklärung

Dass der Leaf in den ersten Minuten Strom zu konsumieren scheint wie eine ganze Lasterladung Heizlüfter, liegt daran, dass der Energieverbrauch vor allem zu Beginn der Fahrt besonders hoch ist, weil das Thermomanagement die Batterie zunächst auf Betriebstemperatur bringen muss.

Deshalb sinkt die angezeigte Restreichweite am Anfang rapide, pendelt sich dann jedoch auf realistische Werte ein. Auch das ist von konventionellen Aggregaten bekannt: Der Spritverbrauch eines kalten Verbrenners ist etwa wegen höherer Reibungswiderstände meist viel höher als bei einem warmen Motor.

Für beide Phänomene gibt es also nachvollziehbare Erklärungen. Die Frage ist nur: Sind potentielle Interessenten nach einer Testfahrt noch offen für derlei Erläuterungen (falls der Verkäufer sie parat hat)? Oder überwiegt nicht vermutlich das Gefühl, dass diese ganze Elektromobilität eine irgendwie unberechenbare Angelegenheit ist?

Kein Verzichtsmobil

Dabei kann der Leaf im Alltagsbetrieb tatsächlich überzeugen. Der Wagen ist trotz einer bescheidenen Höchstgeschwindigkeit von 145 km/h kein Verzichtsmobil, wie etwa der kleine Zweisitzer Renault Twizy, sondern in Bezug auf Ausstattung und Komfort ein vollwertiger Kompaktwagen, in dem vier Personen bequem Platz finden.

Zudem bleibt noch genügend Raum für die Beladung. Das Gepäckabteil mit einem Volumen von 330 bis 680 Litern geht grundsätzlich in Ordnung, dafür ist die Geometrie des Kofferraums unpraktisch. Zwischen Laderaumboden und Hutablage passt so gerade eben eine Getränkekiste.

Gewöhnungsbedürftig ist allerdings das Design des Leaf. Über Geschmack soll man bekanntlich nicht streiten, aber der Leaf mit seinem schräg abfallenden Heck mit den Aufwürfen über den Hinterrädern und seiner stark heruntergezogenen Front ist für im europäischen Design geschulte Augen schon gewöhnungsbedürftig. Immerhin haben die etwas glupschig wirkenden Scheinwerfergläser eine Funktion - sie leiten die Luft aerodynamisch günstig über die Außenspiegel hinweg.

Im Innenraum gibt es wenig zu meckern, die verwendeten Materialien sind ordentlich, die Gestaltung der Bedienelemente zwar futuristisch angehaucht, aber nicht allzu ausgeflippt. Das Fahrwerk ist straff, aber komfortabel, selbst bei Fahrt über Kopfsteinpflaster klappert nichts, fast wähnt man sich in einem Mercedes alter Tage.

Und so sitzt man im Auto, genießt die Stille beim Fahren, die gummibandartige Beschleunigung und hängt dem Traum vom emissionslosen Fahren nach. Alle Beifahrer, die in den Wagen einsteigen, sind angenehm überrascht und nach wenigen Minuten tiefenentspannt. Sie müssen ja auch nicht die Reichweitenanzeige im Blick behalten.

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