Autogramm Nissan Micra Mini trifft Manga

Bisher war der Nissan Micra der Inbegriff des Zweckautos. Die neue Version macht Schluss mit der Beliebigkeit: Mit einem zackigen Design und umfassender Ausstattung wird der Micra zum Geheimtipp bei den Kleinwagen.

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Der erste Eindruck: So wild hat der Nissan Micra noch nie ausgesehen.

Das sagt der Hersteller: "Micramorphose" nennt Laurent Lamotte, der europäische Marketingverantwortliche von Nissan, die Wandlung des Kleinwagens, bei der außer dem Namen nichts beim Alten blieb. Getrieben wurde diese Entwicklung von den europäischen Kunden, deren Bedürfnisse Nissan akribisch analysierte. Der Grund: Bislang war der Micra als Weltauto konzipiert und deshalb mit vielen Kompromissen behaftet. Jetzt soll er vor allem in Europa überzeugen. "Zum ersten Mal haben wir ein Auto, das wirklich europäischen Ansprüchen gerecht wird", sagt Lamotte und sieht den neuen Micra auf Augenhöhe mit Modellen wie Ford Fiesta, Skoda Fabia oder VW Polo.

Das ist uns aufgefallen: Schrill und schillernd außen, seriös innen - das Interieur des Kleinwagens macht einen so ernsthaften und erwachsenen Eindruck, dass es sich auch in der Kompaktklasse gut behaupten könnte. Dabei bedeutet seriös nicht dröge: Zehn Lackfarben gibt es für die Karosserie, drei Farbwelten für das Cockpit und zudem zahlreiche Dekorpakete, sodass mehr als hundert Design-Kombinationen von piefig bis peppig möglich sind.

Gewachsen ist auch das Format. Sieben Zentimeter mehr Radstand, 17 Zentimeter mehr Länge und acht Zentimeter mehr Breite bedeuten spürbar mehr Bewegungsfreiheit für Knie, Schultern und auch mehr Platz im Kofferraum. Aber im Rennen um die Pole Position im Kleinwagensegment sticht der Micra vor allem mit in dieser Preisklasse piekfeinen Materialauswahl, mit vernünftigen Ablagen und der überraschend üppigen Ausstattung.

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Zu der gehören beispielsweise ein aktiver Spurhalteassistent, eine Notbremsfunktion mit Fußgänger-Erkennung sowie eine Kamera, die Verkehrszeichen registriert oder automatisch das Fernlicht aktiviert. Der Clou aber ist der sonst nur in höheren Fahrzeugklassen verfügbare Around-View-Monitor, der den Wagen beim Rangieren aus der Vogelperspektive zeigt. Wo, wenn nicht bei einem kleinen Stadtflitzer auf permanenter Parkplatzsuche, ergibt dieses Extra einen Sinn?

Dass der Micra trotzdem nur ein Kleinwagen ist und die Nissan-Manager irgendwann auch aufs Geld schauen mussten, bemerkt man erst auf den zweiten Blick - zum Beispiel an der billigen Verkleidung des Kofferraums, an der Stufe, die nach dem Umklappen der Rückbank im Laderaum entsteht, oder daran, dass es im Fond keine elektrischen Fensterheber gibt und für den Schminkspiegel auf der Beifahrerseite keine Beleuchtung.

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Autogramm Nissan Micra: Zackig und bunt

Das muss man wissen: Die Fokussierung auf Europa gilt auch für die Fertigung des Micra. Wurde die letzte Generation des Wagens noch in Thailand gebaut, läuft das neue Modell beim Allianzpartner Renault in der Nähe von Paris vom Band, gemeinsam mit dem Clio. Die Micra-Produktion dort begann bereits kurz vor Weihnachten, im März werden die ersten Autos zu den deutschen Händlern rollen.

Die Aufwertung des einstigen Langweilers schlägt sich auch im Preis nieder. Mindestens 12.990 Euro kostet der neue Micra, das sind gut 2500 Euro mehr als beim Vorgängermodell. Dafür gibt es den Wagen mit einem 1-Liter-Saugmotor, der 75 PS leistet. Wichtiger ist allerdings ein 900-Kubik-Dreizylinder-Turbobenziner (Preis ab 15.790 Euro) mit 90 PS Leistung, von dem Nissan einen Verkaufsanteil von rund 70 Prozent erwartet. Nahezu bedeutungslose dürfte der 1,5-Liter-Diesel (ab 16.190 Euro) mit ebenfalls 90 PS sein.

Der kleine Turbobenziner entwickelt 140 Nm Drehmoment und bringt den Micra mit dem für diese Mini-Motoren üblichen Pöttern eher zäh in Fahrt. So frech das Auto aussieht und so gut es abgestimmt ist, es wirkt beim Fahren ein bisschen fad. Und weil man den Motor ständig am Limit hat, sind die 4,4 Liter Durchschnittsverbrauch vom Prüfstand nie zu schaffen. Zwar plant Nissan später im Jahr noch einen weiteren Dreizylinder mit etwas mehr Leistung und einem zeitgemäßen Sechsganggetriebe, doch diese Maschine war bei der Premiere noch nicht verfügbar.

Das werden wir nicht vergessen: Das Bose Personal Sound System mit Lautsprechern in den Kopfstützen. Das spart nicht nur den Platz der Subwoofer im Kofferraum, sondern hüllt den Fahrer in eine Wolke Raumklang wie sonst nur in Oberklasse-Autos. So schlägt der Micra buchstäblich neue Töne an im Konzert der Kleinwagen.

Fahrzeugschein
Hersteller: Nissan
Typ: Micra (2017)
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Dreizylinder-Bezindirekteinspritzer-Turbo
Getriebe: Fünfgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 888 ccm
Leistung: 90 PS (66 kW)
Drehmoment: 140 Nm
Von 0 auf 100: 12,1 s
Höchstgeschw.: 175 km/h
CO2-Ausstoß: 99 g/km
Kofferraum: 300 Liter
umgebaut: 1.004 Liter
Gewicht: 1.053 kg
Maße: 3990 / 1734 / 1455
Preis: 15.790 EUR
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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
vish 23.01.2017
1. Unbeleuchteter Schminkspiegel?
Definitiv ein No-Go.
WillausD 23.01.2017
2. ... micra...
Ich lebe nicht in Deutschland und hier gibt es ziemlich viele Micras. Die sind hier auch ziemlich beliebt, da diese sehr wartungsarm sind. Aber ich mache Taeglich die Erfahrung dass diese Micras nichts mehr als eine Verkehrsbehinderung sind.
johannesbueckler 23.01.2017
3. Unbeleuchteter Beifahrerschminckspiegel
Absolutely a no-go. Wie soll "Mann" denn gleichzeitig fahren, sich naß rasieren im Beifahrerspiegel und die Stockings hochziehen. Und wo bleibt die 240V-Steckdose für den Föhn......
fx33 23.01.2017
4. Grünweg kann nicht fahren
"Und weil man den Motor ständig am Limit hat,"... Nein. Man hat auch einen kleinen Motor nicht ständig am Limit, außer man versucht immer mit maximaler Beschleunigung anzufahren und Geschwindigkietsrekorde zu brechen. Der Micra ist ein Kleinwagen und will wie einer bewegt werden. Das kann man lernen, aber nur, wenn man nicht von den vielen Gratisreisen der Automobilhersteller zu den extravagantesten Orten, um mit dinosauriermäßig veralteten Rennsportalltagslimousinen kostenlos (plus Spesen) bespaßt zu werden, so automotiv angefixt ist, dass der gesunde Alltagsmenschenverstand zu Zündaussetzern neigt. Also: ein Micra ist kein Rennwagen, ein beleuchteter Schminkspiegel in der Beifahrerersonnenblende ist das unnötigste Feature, das ein Auto haben kann, und in den Kofferraum kommen sicher keine Louis-Vitton-Koffersets, die vor lauter Ekel über eine nicht standesgemäße Kofferraumauskleidung ihren Inhalt über die Ladekante auf den schäbigen Asphalt erbrechen, sondern eher Getränkekisten, der Einkauf vom Baumarkt oder der Hund. Herr Grünweg scheint in der Märchenwelt der bunten Hochglanzprospekte der Automobilehersteller der gehobenen Preisklasse zu leben.
krypton8310 23.01.2017
5. 90 ps
Ja, lieber Herr Grünweg, Kleinwagen sind in der Regel langsam. Ich würde so einen Wagen auch dauernd am Limit bewegen. Aber die Klientel, die diese Autos normalerweise fährt, tut das nicht. Das ist im täglichen Verkehr zu beobachten. Und das sollte man als Autojournalist auch entsprechend berücksichtigen.
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