Fahrbericht Nissan Navara Liebe ist ein Laster

Pick-up-Trucks sind eine uramerikanische Fahrzeuggattung, bei uns sind die Pritschenwagen nicht verbreitet. Nach einer Ausfahrt mit dem Nissan Navara stellt sich die Frage: Warum nicht?

SPIEGEL ONLINE

Von


Es gibt ganz typische Kleine-Jungs-Traumjobs. Baggerfahrer, Lokführer, Lkw-Fahrer. Je älter die kleinen Jungs werden, desto mehr rücken die Schattenseiten dieser Wunschberufe ins Bewusstsein.

Vor allem beim Lkw-Fahrer: Endloses einsames Hocken "auf dem Bock", permanenter Zeitdruck - an so was denkt man beim Rangieren im Kinderzimmer natürlich nicht. Genau hier liegt der Charme des Nissan Navara NV 300. Hinter seinem Steuer fühlt man sich wie in einem Lkw. Nur ohne die Nachteile.

Es geht schon beim Erstkontakt los: In diesen Trumm von einem Pick-up steigt man nicht ein, man erklimmt ihn. Auf der Beifahrerseite gibt es deswegen innen an der A-Säule einen praktischen Griff, an dem man sich hochhieven kann, als Fahrer muss man sich am Lenkrad emporziehen. Dann thront man da, schaut auf die deutlich konturierte Motorhaube und wünscht sich eine Kette am Dach, um eine Brummi-Fanfare trompeten zu lassen.

Stattdessen wird der Startknopf gedrückt und der 190-PS-Diesel zum Leben erweckt. Das Aggregat nagelt deutlich vernehmbar los und wird auf den ersten Metern noch vom Elektrolüfter begleitet. Der faucht parallel zur Motordrehzahl mit, was dem ganzen Klang etwas turbinenhaft Großes verleiht und den Brummi-Eindruck noch mal verschärft. Alsbald schaltet sich der Lüfter ab. Das Brummi-Gefühl aber bleibt.

Eine Zweckmaschine, die sich auch aus dem Schlammloch wühlt

Das liegt natürlich ganz besonders an der Sitzposition. Der Navara ist so hoch, dass man auf die meisten SUV herabschaut wie auf flache Sportwagen. Aber es sind auch viele andere, kleine Details, die sich zu diesem Gesamtgefühl addieren. Die Lenkkraft zum Beispiel, die man aufbringen muss, um den Koloss zu dirigieren. Sie ist nicht unangenehm hoch und erfordert doch mehr Einsatz als gewohnt. Der lange Schaltknauf, mit dem man die Gänge gefühlt eher herbeirührt, als sie präzise einzulegen. Der Lederbalg um den Schaltknauf von der Größe eines Kinderkleides.

Eine von insgesamt drei Steckdosen thront auf dem Armaturenbrett
SPIEGEL ONLINE

Eine von insgesamt drei Steckdosen thront auf dem Armaturenbrett

Der Wagen macht keinen Hehl daraus, ein Arbeitstier zu sein. Er sagt dies zum Beispiel mit seinen drei Zwölf-Volt-Zigarettenanzünder-Steckdosen, die sich auf kleinstem Raum im Cockpit verteilen: Eine sitzt mittig auf dem Armaturenbrett, eine in der Mittelkonsole unterhalb des Navi-Bildschirms und eine versteckt im Fach der Armlehne. Jeder Handwerker weiß: Ausreichend und klug verteilte Steckdosen sind das A und O.

Der Navara verrät seine Bestimmung aber auch durch die klaren Signale, die die Fahrbahn über den starren Leiterrahmen durch die Karosserie schickt. Das hier ist kein weichgespülter Vorstadt-SUV mit Wohlfühlfahrwerk, sondern eine Zweckmaschine, die sich zur Not auch aus eigener Kraft und mithilfe des zuschaltbaren Allradantriebs aus dem Schlammloch wühlt.

Freude am Fahren kann so einfach sein

Das erstaunliche dabei: Trotz all dieser eher rustikalen Qualitäten ist der Navara fast uneingeschränkt alltags- und familientauglich. Und das nicht deswegen, weil die Kleinen auf der Rückbank des Double-Cabs, also der Doppelkabine, sich ebenfalls lautstark über das Lkw-Feeling freuen. Das Fahrgefühl mag eher steif und bockig sein, ist aber trotzdem komfortabel genug, um nicht zu stören. Der Platz in der Doppelkabine ist mehr als ausreichend, ausladende, isofixierte Kindersitze finden problemlos Platz auf der Rückbank. Und zwar ohne, dass die Insassen auf den Vordersitzen ihre Kniescheiben am Armaturenbrett blau schlagen.

Der Nissan Navara Double Cab im Video

Christoph Stockburger

Das Entertainmentsystem ist auf der Höhe der Zeit, Telefon und MP-3-Player über Bluetooth im Nu gekoppelt und flüssig und eingängig steuerbar. Der Bildschirm des Bordcomputers sitzt zwischen zwei klassischen Analog-Rundinstrumenten und erfreut mit ansehnlichen Grafiken. Ansonsten verzichtet der Navara auf unnötigen Klimbim, die Extraliste ist überschaubar und vergegenwärtigt einem, wie eigentlich der Rest des Autos auch, dass man zur Freude am Fahren kein bis ins letzte Feature hochgerüstetes High-Tech-Fuhrwerk braucht.

Angesichts der Abmessungen des Autos ist das Kamerasystem als Einparkhilfe ein sinnvolles Extra. Denn mit Hilfe der 360-Grad Draufsicht, der Kamera in der Heckklappe und dank des erstaunlich geringen Wendekreises kann man den Wagen dann auch in erstaunlich kleine Parklücken zirkeln. ´

Ein Knopfdruck zu viel

Einziges Manko: Sobald man den Rückwärtsgang auskuppelt und den ersten Gang einlegt, springt die Ansicht auf dem Bildschirm wieder in den Normalmodus. Das ist deshalb ärgerlich, weil man wegen des hohen Bugs nur eine Ahnung davon hat, wo die Front zu Ende ist. Und es ist umso ärgerlicher, als es durchaus eine Frontkamera gibt, die beim Rangieren nach vorn helfen kann. Aber man muss sie jedes Mal händisch über einen Schalter aktivieren - hier wäre eine automatische Umschaltung sinnvoller.

Wobei der Navara im Revier kleiner Parkplätze, also in Großstädten, und als reines Familienmobil eigentlich fehl am Platze ist. Hier wirkt die proletarische Seele des Autos schnell prollig, das eigentlich angenehm schnörkellose Wesen des Autos tritt in den Hintergrund. Stattdessen scheint der Wagen ob seiner schieren Größe automatisch wie eine Ego-Verlängerung.

Es gilt für den Navarra dann das gleiche wie für den Rest der versammelten SUV-Flotte: Es ist schlicht unsinnig, ein Auto mit dem Platzangebot eines Kombi aber deutlich höherer Masse und Stirnfläche zu bewegen. Zumal der Navara kein Kostverächter ist: Auch bei überwiegend behutsamer Fahrweise genehmigte sich der Wagen mit der 190 PS-Dieselmaschine bei uns im Test im Schnitt 9,5 Liter - und ist damit weit von den Herstellerangaben von 7,4 Litern innerorts entfernt.

Ein cleveres Verzurrsystem

Der 190-PS-Diesel ist aber - in den meisten Fällen - eh überdimensioniert. Nur wenn man regelmäßig die 3,5 Tonnen Anhängelast ausnutzt und die Zuladung von einer Tonne ausreizt, ist diese Leistung für den Wagen angebracht. Ansonsten langt der 160-PS-Diesel allemal. Na klar, das große Triebwerk drückt den Wagen mit seinem Drehmoment erstaunlich behände nach vorn, und Spaß macht das auch: So muss es sich anfühlen, auf einem Elefanten zu reiten, der gerade einen Wutanfall hat. Aber wirklich vernünftig und von dauerhafter Freude ist das nicht.

Immer herein damit: Der Navara kann einiges verdauen, äh, verstauen
SPIEGEL ONLINE

Immer herein damit: Der Navara kann einiges verdauen, äh, verstauen

Der Wagen hat ganz andere Qualitäten. Wer das Auto seiner Bestimmung gemäß nutzt - also als familientauglichen Lastesel - wird sich über das clevere Verzurrsystem auf der Ladefläche freuen. An der Rückseite der Kabine und an den beiden Seiten sind Aluminiumschienen angebracht, in denen sich Verzurrösen für Spanngurte beliebig positionieren lassen. Wer die Ladefläche dauerhaft in Anspruch nimmt, sollte auf jeden Fall aus der Zubehörliste die Kunststoffabdeckungen für die Ladekanten und die Ladeklappe wählen. Die sind ab Werk nämlich lackiert, was zwar schicker aussieht, aber auch nur kurz: Unschöne Kratzer sind hier garantiert.

Wenn man dann vorsichtig loszuckelt, die Ladeklappe zur Vergrößerung der Fläche heruntergelassen, die Fracht hinter der Kabine gut verzurrt, dann fühlt man sich noch mehr als Lkw-Fahrer als ohnehin schon. Nach zwei Wochen mit dem Wagen wünscht man sich als Städter fast, unverhofft einen Resthof irgendwo auf dem Land zu erben. Nur, damit man sich guten Gewissens diesen Hobby-Laster anschaffen kann.



insgesamt 76 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
stefanbodensee 13.05.2016
1. Guter Wagen, aber ..
das nächste Mal vor dem Fototermin wenigstens mal etwas durchsaugen und mit feuchtem Lappen wischen, die Karre ist definitiv arg verdreckt innendrin. Wirkt auf den Bildern nicht wirklich dekorativ ...
frechsprech 13.05.2016
2. Um Himmels Willen
Jetzt braucht jeder noch einen Pritschenwagen oder was? Unsere Städte sind dicht und stinken, wo sollen den nun diese Spielzeuge rumstehen?
paysdoufs 13.05.2016
3.
Ein Trumm von 5,33m Länge und 2t soll in EU "uneingeschränkt alltagstauglich" sein? Wenn der Alltag sich ausschliesslich zwischen Schweinestall und AB-Raststätte abspielt, vielleicht. Ansonsten habe ich da so leichte Zweifel...
stefanmargraf 13.05.2016
4. Oh, ein Nutzfahrzeug, welches genutzt wurde!
Artgerecht, an den Bildern erkennbar. Endlich mal weniger spiessig.
paolaway 13.05.2016
5. Gähn!
Dann doch lieber den Nissan Titan. So eine NOx Schleuder in Städten zu fahren geht gar nicht. Aber hoch lebe der Diesel, gelle ?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.