Nissan Tiida Biederwagen für Biedermänner

Solide, kompakt, zweckdienlich: Mit dem Tiida geht Nissan auf Distanz zum Zeitgeist - und beschert Deutschland einen Biederwagen mit dem Charme eines Bausparer-Wohnzimmers. Der ist aber schon heute ein Kassenschlager in Japan und den USA.


Mit dem Modell Qashqai, einem Kompaktauto in SUV-Optik, hat Nissan den Nerv der Zeit getroffen. Mehr als 16.000 Bestellungen sind, seit es auf dem Markt ist, bei Nissan eingegangen. Besonders von Konkurrenzmarken erobert der Wagen angeblich viele Kunden. Doch in der eigenen Klientel gilt der Qashqai vielen als zu modern. "Für viele geht das Design des Qashqai einen Schritt zu weit", sagt Marcus Lüppens, Marketing-Direktor von Nissan in Deutschland.

Mit Adjektiven wie konservativ oder konventionell versucht er, möglichst freundlich jene große, loyale Kundengruppe zu umschreiben, die meist gesetzten Alters und schlichteren Gemüts ist, wenig Experimentierfreude zeigt und früher einmal an der umhäkelten Klorolle auf der Hutablage zu erkennen war.

Ganz neu ist der Tiida nicht: In Osteuropa gibt es den kompakten Wagen bereits seit etwa einem Jahr, in den USA wird er unter dem Namen Versa seit 2005 verkauft und in Japan fährt er schon seit 2002. Dort kommt der Tiida so gut an, dass er es mittlerweile zum meistverkauften Nissan-Typen in der Modellpalette gebracht hat.

Als eines der ersten Modelle aus der Allianz von Nissan und Renault teilt sich der in Mexiko produzierte Tiida eine Plattform mit dem japanischen Note und dem französischen Clio. Allerdings haben die Ingenieure den schlicht gezeichneten Wagen mit den großen Scheinwerferaugen, dem prägnanten Kühlergrill und den wuchtigen Heckleuchten in die Länge gezogen und ihn so in die Kompaktklasse gebracht: Die Fließheck-Variante misst 4,30 Meter, die noch konventionellere Limousine ist aufgrund des Stufenhecks 18 Zentimeter länger.

Viel Platz und auch ausreichend Kofferraum

Bei einem Radstand von 2,60 Metern bietet der Tiida innen viel Platz. Zwar fehlt es bei 1,70 Metern Breite ein wenig an Schulterfreiheit, und zu dritt möchte man hinten nicht unbedingt sitzen. Doch zumindest für Knie und Kopf bietet der Tiida mehr Platz als Golf und Co. Selbst manche Limousine aus der nächsthöheren Klasse ist enger.

Auch der Kofferraum hat ein stattliches Format. Beim Stufenheckmodell fasst er respektable 500 Liter, beim Fließheck sind es mindestens 300. Weil die Rückbank mit einem Handgriff um insgesamt 24 Zentimeter verschoben werden kann, kann der Stauraum zu Lasten der Beinfreiheit auf 425 Liter erweitert werden.

So unaufgeregt wie das Design der Karosserie ist auch der Innenraum des Tiida. "Einsteigen und sich zu Hause fühlen", nennt Lüppens das Leitmotiv für den Kompakten, der mit dem Charme eines Bausparer-Wohnzimmers antritt. Dabei ist die Materialauswahl nicht schlecht, die Verarbeitung augenscheinlich in Ordnung; doch wirkt das Interieur uninspiriert. Dafür allerdings ist das Gestühl bequem wie ein Fernsehsessel, das Ein- und Aussteigen fällt dank der Sitzhöhe angenehm leicht, und wo sonst in dieser Klasse gibt es vorn wie hinten serienmäßige Armlehnen?

Diesel ohne Filter

Überhaupt ist der Tiida ordentlich ausgestattet: Preislich positioniert zwischen den Modellen Note und Qashqai gibt es ihn als Fünftürer ab 15.990 Euro, mit Stufenheck ab 16.290 Euro. Außer sechs Airbags und ESP sind auch elektrische Helfer für Spiegel, Türen und Fenster im Preis enthalten. Und wer für 18.940 Euro die Dieselvariante bestellt, bekommt Klimaanlage, CD-Radio und eine Bluetooth-Freisprecheinrichtung obendrauf. Als Extras gibt es Lederausstattung und Xenon-Scheinwerfer, Navigationssystem, Alufelgen und ein schlüsselloses Zugangssystem.

Das Einstiegsmodell hat einen 110 PS starken 1,6-Liter-Vierzylinder und kann gegen Aufpreis als einzige Variante auch mit Automatikgetriebe bestellt werden. Für 650 Euro zusätzlich montiert Nissan in den beiden gehobenen Ausstattungsvarianten einen 1,8-Liter-Motor mit 126 PS, der bei ersten Testfahrten einen quirligen Eindruck hinterließ. Mit 173 Nm schafft er es in 10,4 Sekunden auf Tempo 100 und läuft maximal 195 km/h, verbraucht dabei aber schon im Mittel stattliche 7,8 Liter.

Wem das zuviel ist, der sollte das angenehm handliche Auto mit dem Dieselmotor bestellen, der aus der Allianz mit Renault stammt. Er schöpft aus 1,5 Litern Hubraum 106 PS, schafft 186 km/h und schluckt 5,2 Liter. Allerdings fehlt ihm der Rußpartikelfilter. Bei einer Verkaufserwartung von hierzulande lediglich gut 6000 Autos war Nissan diese Entwicklung schlicht zu teuer.



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