Autogramm Opel Astra Es ist nicht alles Golf, was glänzt

Peinlich für VW: Der neue Opel Astra hat zwar Schwächen – zeigt aber, wie manches besser funktioniert als im Golf. Da kann sich die Rüsselsheimer Chefingenieurin eine Spitze in Richtung Wolfsburg nicht verkneifen.
Foto: Dani Heyne / Opel

Der erste Eindruck: Angenehm zurückhaltend wirkt der neue Astra – nur wenige kräftige Striche haben die Opel-Designer gesetzt und jedweden Zierrat weggelassen. Beim Testwagen ist sogar das Blitz-Logo vorn schwarz, sodass es kaum zu sehen ist.

Das sagt der Hersteller: »Wir haben den Astra wieder auf Kurs gebracht«, sagt Opel-Chefingenieurin Mariella Vogler und schwärmt von einem Auto, das »durch und durch Opel« sei, zudem rundum modernisiert und technisch aufgerüstet.

Dass Vogler seit 30 Jahren bei Opel arbeitet und in dieser Zeit die Werte der Marke verinnerlicht hat, zeigt sich beim neuen Astra. »Mehr denn je haben wir uns auf die Kernwerte der Marke besonnen«, sagt die Chefingenieurin. Was meint sie damit? Präzise Verarbeitung, ablenkungsfreies Fahren, gute Sicht, bequemes Sitzen. Solche Sachen reißen einen nicht sofort vom Hocker, sollen sich über die Jahre aber auszahlen.

Fotostrecke

Der neue Astra: Mit diesem Auto will Opel VW ärgern

Foto: Dani Heyne / Opel

Diese Rückbesinnung war wichtig. Denn der neue Astra entstand inmitten der neuen Stellantis-Konzernfamilie. Er sucht einen Platz neben Schwestermodellen wie dem Peugeot 308, dem DS4 sowie dem Citroen C4. Einerseits freut sich Vogler über dieses Umfeld, es bietet ein prall gefülltes Technikregal. So kommt der neue Astra zu einem Head-up-Display, einer Sprachsteuerung, einem Plug-in-Hybridantrieb und künftig sogar zu einem Elektroantrieb. Anderseits aber musste Vogler ein paar Extrawürste einfordern, damit das Auto nicht austauschbar wird. »Dafür haben wir kräftig gekämpft«, sagt sie und nennt als Beispiel das eigenwillige Cockpit, das so nur im Astra eingebaut wird.

Aber Vogler hat nicht nur auf die Konzernmarken geschaut, sondern natürlich auch auf den VW Golf. Schließlich gilt der Bestseller aus Wolfsburg als Maß der Dinge in der Kompaktklasse; der Astra war zuletzt abgeschlagen. »Auch daran haben wir gearbeitet«, sagt Vogler, und freut sich auf erste Vergleichstests.

Das ist uns aufgefallen: Opel pflegt die Kunst des Weglassens, das gilt auch im Innenraum. Während die Bildschirmlandschaften bei anderen Modellen stetig größer werden, beschränkt sich der Astra auf zwei zehn Zoll große Displays. Die sind in einem gemeinsamen Rahmen hinter dem Lenkrad vereint, das wirkt edel. »Pure Panel« nennt Opel dieses Cockpit-Arrangement, das durch Purismus ringsum noch stärker zur Geltung kommt. Von der Bedienlandschaft im VW Golf unterscheidet es sich wohltuend. Fahrer des Konkurrenten aus Wolfsburg fingern im Dunkeln mitunter orientierungslos durch die Gegend. Im Astra lassen sich die wichtigsten Tasten gut finden, sie sind sogar beleuchtet. »So leicht hat es uns der Golf noch nie gemacht«, freut sich Chefingenieurin Vogler.

360°-Ansicht

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Opel Astra mit unserem 360-Grad-Foto

Auch die Akustik im Astra hat sich verändert: Beim Fahren herrscht angenehme Ruhe. Das ermöglichen die laminierte Frontscheibe, auf Wunsch eine Schallschutzfolie in den Seitenscheiben, ein besserer cW-Wert und eine steifere Karosserie. Das dürfte sich vor allem bei der Variante mit schnatterndem Dreizylinder unter der Haube auszahlen. Auch im Testwagen mit Plug-in-Hybridantrieb (fährt bis zu 60 Kilometer elektrisch) ist es schön leise.

Kaum zu spüren ist indes die viel beschworene Präzision auf der Straße. Sicher, der Astra fährt zielgenau, federt sauber und hält stabil den Kurs. Aber es braucht schon ein sehr feines Gespür, um die Unterschiede zu den vermeintlich lässiger abgestimmten Konzern-Schwestermodellen aus Frankreich zu bemerken. So etwas ist ohnehin gar nicht so entscheidend in dieser Klasse. Viel mehr bringen die Sitze – sie tragen das Siegel der Aktionsgemeinschaft Gesunder Rücken (AGR), wie Opel betont.

Das muss man wissen: Der neue Astra ist das jüngste Kapitel einer langen Geschichte. Das erste Kompaktmodell präsentierte Opel 1936 mit dem Kadett. Bis heute, mehr als 85 Jahre und elf Generationen später, wurden etliche Millionen dieser Autos gebaut, von der erfolgreichsten Generation (Astra F, 1991 bis 1997) allein mehr als vier Millionen Exemplare.

Die Fortsetzung mit Generation zwölf beginnt in diesem Frühjahr. Die Preise starten bei 22.465 Euro für die Verbrenner und 35.800 Euro für das Plug-in-Hybridmodell. Ein paar Monate später folgt der Kombi namens Sports Tourer, der bis zu 1600 Liter Stauraum bietet, während der Fünftürer von 422 bis 1339 Liter fasst.

Anders als VW und Ford hat Opel bei seinem Kompakten das Motorenprogramm radikal verkleinert und verzichtet auf besonders sparsame Modelle genauso wie auf sportliche Imageträger. Zum Start gibt es das Auto nur mit 1,2-Liter-Benziner mit 110 oder 130 PS, als Diesel mit 1,5 Liter Hubraum und 130 PS oder als Plug-in-Hybrid. Bei dem kombiniert Opel einen 1,6 Liter großen Vierzylinder-Benziner mit einer E-Maschine und einem 12,4 kWh großen Akku. Der Hybridantrieb entwickelt zunächst 180 PS Leistung, später wird eine Version mit 225 PS folgen.

Das werden wir nicht vergessen: Die Liebe zum Detail, die bei VW zuletzt fehlte. Da sind die schmalen Rückleuchten, für die Opel bei der Heckklappe auf Kunststoff umgestellt hat, weil sonst keine derart schmalen Fugen möglich gewesen wären. Oder die beflockten und somit besonders griffigen Innenseiten von Ablagen und Handschuhfach. Und dann wären da noch die Kiemen hinter den Seitenfenstern. Sie erinnern an den seligen Kadett – und damit an Zeiten, als Opel und VW in der Kompaktklasse bei den Absatzzahlen noch auf Augenhöhe waren.

Mehr lesen über Verwandte Artikel