Autogramm Opel Karl Macht es einfach

Opel will wieder groß sein und setzt dabei auf einen neuen Kleinen: den Karl. Das Modell soll die praktischere und billigere Alternative zum Adam sein. Nur an Auswahl mangelt es - selbst beim Motor.

Opel

Der erste Eindruck: Karl, schnell meine Tropfen! Wer den Opel Karl zum ersten Mal sieht, der braucht schnell was fürs Herz. Und zwar, um den Puls ein wenig auf Trab zu bringen. Denn eine gebogene Chromspange an der Frontpartie und ein paar Sicken an den Flanken sind alles, was das Auto optisch zu bieten hat. Ja, es ist ein günstiger Wagen, aber muss er deshalb derart bieder aussehen?

Das sagt der Hersteller: Jürgen Keller, Vertriebsdirektor bei Opel, spricht von der großen Offensive der kleinen Autos. Bis zum Jahr 2020, prophezeit Keller, werde das Segment der Kleinstwagen in Deutschland von zuletzt 227.000 Neuzulassungen auf rund 270.000 Neuzulassungen wachsen. Opel möchte von diesem Kuchen ein gutes Stück abbekommen. "Deshalb bringen wir neben dem Allrounder Corsa und dem Individualisierungschampion Adam jetzt als smartes Einstiegsmodell den Karl an den Start", sagt Keller.

Das Auto ist für alle jene gedacht, die Wert legen auf ein funktionales, praktisches, einfaches und vor allem billiges Auto. Viele dieser Kunden könnten durch den Karl neu zu Opel geholt werden, so Keller. Was der Vertriebsdirektor nicht sagt, ist, dass ein Gros dieser Leute bis vor Kurzem bei einer anderen Konzernmarke kaufte; denn im Grunde ist der Opel Karl auch ein Versuch, die Kunden der aus Europa abgezogenen Marke Chevrolet weiter an den GM-Konzern zu binden.

Das ist uns aufgefallen: Schön ist das Auto nicht, aber praktisch! Denn in diesem 3,68-Meter-Wägelchen sitzt man nicht nur in der ersten Reihe ganz ordentlich, sondern auch im Fond. Schulter- und Kniefreiheit sind für ein so kleines Auto sehr ordentlich. Da es den Karl nur als Fünftürer gibt, müssen sich die Karl-Hinterbänkler beim Ein- und Aussteigen auch nicht verrenken - im Gegensatz zum peppiger positionierten Adam, den es nur als Dreitürer gibt.

Ein bisschen Auswahl haben Karl-Kunden aber doch - zum Beispiel unter zehn Lackfarben, von denen immerhin vier fröhlich-intensiv geraten sind. Im Innenraum hingegen herrschen Grautöne vor, was das viele Hartplastik auch nicht hübscher macht. Man muss schon lange klopfen und kneten, bis man zumindest an der Ellbogenauflage eine unterschäumte Oberfläche findet.

Besonders stolz ist man bei Opel auf zwei Details, die besonders das schlichte Niveau im Kleinstwagensegment deutlich machen, weil sie bei den ganz kleinen Autos eben nicht selbstverständlich sind: nämlich dass es eine Klappe fürs Handschuhfach gibt und dass sich die Fondfenster öffnen lassen. Auch die beiden Drehschalter für die Klimareglung stechen hervor. Sie sehen so gut aus und fühlen sich so gut an, dass man sie auch im Insignia einbauen könnte.

Die Ausstattung wiederum ist sinnvoll und lässt sich so ergänzen, dass einem nichts wirklich Wichtiges fehlt. Wer in der kurzen Preisliste die wenigen verfügbaren Ausstattungspakete und Extras ankreuzt, erhält beispielsweise Sitz- und Lenkradheizung, einen Tempomat und einen Spurführungsassistenten sowie obendrein ein gutes Infotainment-System, das Apple Car-Play und Android Auto beherrscht. Und das ist nur der Anfang. Später soll der Karl auch den Telematikdienst OnStar bekommen und wird dann nach den Worten von Opel-Chef Karl-Thomas Neumann zum "bestvernetzten Fahrzeug in dieser Klasse".

Das muss man wissen: Opel spricht zwar von einer Kleinwagen-Familie, tatsächlich jedoch ist der Karl ein Kuckuckskind. Während sich Corsa und Adam einige Komponenten teilen, nutzt der Karl eine GM-Konzernarchitektur aus Korea, auf der die Schwestermarke Chevrolet parallel den neuen Spark entwickelt hat. Beide, Karl und Spark, werden auch in Korea gebaut.

Nur so gelang es offenbar, den Einstiegspreis auf 9500 Euro zu drücken. Damit liegt der Karl gut 2000 Euro unter dem Adam. Das Basismodell des Karl ist allerdings ein recht spartanisches Auto. Selbst wenn man alle Extras dazu bestellte, triebe man den Preis kaum auf 14.000 Euro.

Unter der Haube steckt bei allen Karl-Exemplaren identische Technik; ein aus Corsa und Co. stammender, abgerüsteter Dreizylinder-Benziner mit einem Liter Hubraum. Die Maschine leistet 75 PS und entwickelt maximal 96 Nm Drehmoment. Zum Raser wird man damit nicht. Einmal in Fahrt macht der Karl aber einen durchaus erwachsenen, souveränen Eindruck. Daran wirken auch das gute Fahrwerk und die bequemen Sitze mit.

Das werden wir nicht vergessen: Hartplastik im Cockpit und auf den Konsolen, unverkleidete Gurtschlösser und ein Lenkrad, das sich nur in der Höhe, nicht jedoch in Längsrichtung verstellen lässt - solche Dinge kann man dem kleinen Preisbrecher nachsehen. Aber etwas aufwendigere Lüfter mit wirkungsvolleren Schließmechanismen hätten es schon sein dürfen. Denn so viel Wind, wie da aus den Düsen strömt, muss Opel um den Karl nun auch nicht machen.

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insgesamt 56 Beiträge
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Kamillo 05.06.2015
1.
Das Auto hat eigentlich nur einen Fehler, und den sieht man auf dem Foto mit der Rückbank. Kleinere Kinder (im Kindersitz) können nicht aus dem Fenster schauen. Nerverei und ständige "Wann sind wir endlich da?" Fragen sind da vorprogrammiert. Kinder werden dieses Auto nicht mögen.
mr.white84 05.06.2015
2.
Ich bin ja wirklich kein Fan der Marke aber ich bin froh dass man sich (endlich) darauf besinnt was man kann: Autos fuer "normale" Leute bauen und nicht zwanghaft auf Premium zu machen um dann doch gegen Audi-Bmw-Mercedes den kuerzeren zu ziehen, siehe Insignia...
lapo123 05.06.2015
3. Ob schön oder nicht...
... der opel ist mal satte 2.000 euro günstiger als ein vw up mit 75 ps und vier türen, der auch keine lenkradlängsverstellung hat und weder echte kopfstützen, zu öffnede scheiben der hinteren türen noch fensterheber auf jeder seite. zudem gibt es im opel wenigstens ein vernünftiges armaturenbrett und keine billiglösung mit lackiertem "blech".
ctwalt 05.06.2015
4. Gelungen
schlicht, unauffällig, günstig. SO gehts!
spon-1288018170278 05.06.2015
5. Exakt was man von so einem Auto erwartet
Das Design ist eben pragmatisch und praktisch. Die Kunden in dem Segment werden auch eher andere Faktoren im Blick haben. Kritisch sehe ich nur die Auswahl der Motoren aber Opel wollte in dem Punkt nur konsequent sein.
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