Testfahrt Piaggio 1 Active Der hat watt

Nach der strombetriebenen Edel-Vespa bringt Piaggio seinen ersten erschwinglichen Elektroroller für städtisches Publikum – ganz schön spät. Aber dafür kann der Flitzer ziemlich viel ziemlich gut.
Im Gegensatz zur überteuerten E-Vespa aus dem gleichen Konzern sind die drei Piaggio-E-Roller beim Preis konkurrenzfähig. Der 1 wird für 2690 Euro angeboten, der 1+ für 3090 Euro. Der 1 Active kostet 3290 Euro

Im Gegensatz zur überteuerten E-Vespa aus dem gleichen Konzern sind die drei Piaggio-E-Roller beim Preis konkurrenzfähig. Der 1 wird für 2690 Euro angeboten, der 1+ für 3090 Euro. Der 1 Active kostet 3290 Euro

Foto: Piaggio

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Der erste Eindruck: Modern und minimalistisch. Das frische Design und die saubere Verarbeitung machen den Stromer aus dem Hause Piaggio sofort zum Sympathieträger.

Das sagt der Hersteller: Streng genommen ist der neue Piaggio 1 Active nicht der erste E-Roller der Piaggio Group, dem italienischen Anführer unter den europäischen Rollerherstellern: Schon seit 2018 hat die Konzerntochter Vespa den E-Scooter Elettrica im Angebot, ein Jahr später folgte die Elettrica 70. Beide Roller sind etwas für Liebhaber mit Lust auf Luxus – nicht zuletzt durch exorbitante Preise jenseits von 6000 Euro.

Jetzt setzt Piaggio auf den Massenmarkt. Für Ansgar Schauerte, den Sprecher von Piaggio Deutschland, ist der neue Piaggio 1 Active gerade beim Blick auf die Verkehrswende der richtige Roller zur richtigen Zeit: »Wenn man den quälenden Stadtverkehr wieder erträglich machen will, haben E-Roller eine wichtige Rolle und ein ziemlich klares Anforderungsprofil.«

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Piaggio 1 Active: Leicht und flott

Foto: Piaggio

Wichtig für den Erfolg ist außer einem akzeptablen Preis, dass es eine möglichst breite Zielgruppe gibt: »Berufstätige, die täglich zur Arbeit pendeln, Menschen, die ihre Einkäufe erledigen, aber auch Nachtschwärmer, die von Klub zu Klub rollern«, zählt Schauerte auf. Diese Kunden brauchen, so Schauerte, keinen bärenstarken Langstrecken- und Tourenroller mit maximaler Ausstattung, sondern ein simples Fortbewegungsmittel mit klimafreundlichem Antrieb.

Der 1 Active ist deshalb, so Schauerte, Piaggios erster und folgerichtiger Beitrag zur »New Urban Mobility«: 60 Kilometer pro Stunde schnell, geeignet auch für zwei Personen, mit einer Reichweite um 60 Kilometer und durch eine Maximalleistung von 3 kW stark genug, um im Verkehr mitzuschwimmen.

Das ist uns aufgefallen: Der 1 Active wirkt, vor allem für Fahrer in herbstlicher Bekleidung und beträchtlicher Körpergröße, sehr reduziert und grazil; die Designer haben darauf gesetzt, Verkleidungsflächen so klein wie möglich zu halten.

Ohnehin ist weniger anscheinend mehr: Selbst ein Zündschloss fehlt. Aktiviert wird der 1 Active per Knopfdruck am Funkschlüssel, einem Dreh am Zündknopf und der Wahl einer der drei Fahrstufen Eco, Sport und Reverse. Ja, tatsächlich hat Piaggio dem leichten Gefährt (inkl. 15 kg schwerer Batterie nur 94 kg Gesamtgewicht) einen elektrischen Rückwärtsgang spendiert; das hilft beim Parken und Rangieren.

Also los, hinter der Knieschürze und dem aufgeräumten Cockpit mit dem Farb-TFT-Display ist genügend Platz, wenn man allein fährt. Die Sitzbank ist allerdings kaum als echter Zwei-, sondern maximal als 1,5-Sitzer ausgelegt, besonders, wenn unter dem Lenker eine Tasche am Haken baumelt. Mit einer zweiten Person an Bord wird es kuschelig.

Der Motor des 1 Active, der im Hinterrad verbaut ist, beschleunigte den Roller während der Testfahrt auf maximal 63 km/h. Der Stromer fällt damit zulassungstechnisch in die 125er-Leichtkraftradklasse, ist im Fahrverhalten aber vergleichbar mit einem 50-Kubik-Verbrenner. Auf der Straße heißt das: Wenn es halbwegs zügig vorangehen soll, immer volle Kanne am Drehregler, der früher mal Gasgriff hieß.

Vollgas bedeutet, dass der 1 Active im Sport-Modus zügig anzieht und in der Stadt auch gut überholt. Im Eco-Modus wird dagegen bei etwas über 30 km/h abgeregelt – in diesen Schleichgang schaltet das Elektro-Mapping von Piaggio auch bei einer Restreichweite von 15 Kilometern. Wenn die Lithium-Batterie mit 2,3 kWh Kapazität leer ist, dauert ein Ladezyklus an einer Haushaltssteckdose rund sechs Stunden. Piaggio hat sich die harsche Kritik an der fest verbauten Batterie der Elektro-Vespen zu Herzen genommen. Beim 1 Active ist die 15 kg schwere Batterie mit zwei Handgriffen zu entnehmen und mobil wie das mitgelieferte Ladegerät.

Fahrtechnisch ist am 1 Active nichts zu beanstanden. Man sitzt relativ hoch, fühlt sich subjektiv sicher. Alle Bedienelemente sind haptisch optimal angeordnet, nichts klappert oder scheppert, auch nicht auf Kopfsteinpflaster. Der Roller kommt zudem mit einem CBS-Bremssystem, beim Bremsen werden also beide 175-mm-Scheiben vorn und hinten angesprochen.

Trotz der kleinen Zehn-Zoll-Räder liegt der 1 Active stoisch wie ein Backstein auf der Straße; die Kombination aus stabiler einarmiger Vorderradführung, klassischer Hinterradschwinge und optimalem Schwerpunkt durch den sehr tief eingebauten Akkublock funktioniert prima. Ein weiterer Vorteil der versenkten Batterie: Der Piaggio ist der erste und einzige E-Scooter dieser Klasse, bei dem ein Jethelm ins Fach unter der Sitzbank passt.

Gespart hat Piaggio beim TFT-Display. Alle relevanten und nötigen Anzeigen wie Reichweite, Geschwindigkeit und Ladestand sind auch in praller Sonne gut lesbar, aber Freunde der elektronischen Spielereien werden enttäuscht sein. Keine »Connectivity«, wenn man die denn brauchen sollte: Piaggio hat zwar eine App mit Navigationsfunktion, aber das Smartphone verbindet sich nicht mit dem 1 Active.

Das tut dem hervorragenden ersten Eindruck aber keinen Abbruch: Mit dem 1, dem Aufbruch des Mutterhauses in die elektrische Fahrbereitschaft, hat Piaggio der Konkurrenz wie etwa dem Niu MQi GT gezeigt, wie es gehen kann.

Das muss man wissen: Piaggio bietet den 1er-Roller in drei verschiedenen Ausführungen an. Neben dem 1 Active werden auch das Basismodell 1 und die Version 1+ gebaut. Der 1 Active hat rote Streifen an der Hinterradschwinge; die zwei anderen Fahrzeuge sind äußerlich nicht zu unterscheiden.

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Elektroroller-Test: Reichweite, Verbrauch, und Preis

Foto: Uwe Rattay/ ADAC

Für den 60 km/h schnellen 1 Active braucht der Fahrer die Führerscheinklasse A1. Die Alternative: Wer mindestens 25 Jahre alt ist und den Autoführerschein seit fünf Jahren hat, kann seine Fahrerlaubnis mit einigen Theorie- und Fahrstunden auf Leichtkrafträder erweitern. Der 1 Active kostet attraktive 3290 Euro: ein Preis, der nicht zuletzt durch die kostengünstige Fertigung in China realisiert wird.

Piaggio 1 (Reichweite 43 km, Preis 2690 Euro) und Piaggio 1+ (Reichweite 68 km, Preis 3090 Euro) sind noch günstiger, aber haben beide nur eine Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h; fürs Fahren reicht deshalb der Autoführerschein.

Zum Einstieg in die E-Mobility bringt Piaggio die große Farbpalette zum Einsatz: Alle drei Modelle des 1ers gibt es in den gediegenen Tönen Grau, Weiß und Schwarz sowie in leuchtendem Orange, Blau oder Grün. Der Preis bleibt jeweils gleich. Zubehör? Bisher hat Piaggio noch nichts angekündigt; Topcase und Gepäckträger hat auch der Handel bisher nicht im Angebot.

Das werden wir nicht vergessen: Der Piaggio 1 ist ein praktisches Stadtmobil, doch eine Sache fehlt – ein kleiner Seitenständer für den kurzen Zwischenhalt. Es ist nur ein Zentralständer verbaut, auf den der Roller mit gewissem Krafteinsatz gestellt werden muss. Da hat der Hersteller am falschen Ende gespart.

Technische Daten Piaggio 1 Active

Hersteller:

Piaggio

Typ:

Piaggio 1 Active

Karosserie:

Motorrad

Motor:

Elektromotor

Getriebe:

Direktübersetzung

max. Leistung:

3,0 kW

Batterie:

2,3 kWh

Höchstgeschwindigkeit:

60 km/h

Gewicht:

94 kg

Preis:

3290 Euro

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