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Piaggio MP3 530 Exclusive: Schwungvoll ums Eck

Foto: David Pell / Piaggio

Testfahrt Piaggio MP3 530 Exclusive Wäre jetzt noch ein Dach drauf, könnte der glatt als Kleinwagen durchgehen

Dreiradroller werden oft belächelt. Doch bei Piaggios erneuertem Topmodell MP3 zeigt sich: Technisch hat die Gattung einen Satz nach vorn gemacht. Das Anhalten kann indes etwas verwirrend sein.

Der erste Eindruck: Kerniger ist er geworden, der MP3 von Piaggio. Schmale LED-Scheinwerfer, kühn geformte Frontmaske: Die neue Generation des meistverkauften Dreiradrollers wirkt nahezu schnittig im Vergleich zum rundgelutschten Vorgänger.

Das sagt der Hersteller: Piaggio erklärt den 2006 gelaunchten MP3 zur »ultimativen Mobilitätslösung« für die Stadt. »Der MP3 verbindet mit seinem patentierten Parallelogramm-Federungs- und Lenksystem die Sicherheit eines Autos mit der Benutzerfreundlichkeit und dem Komfort eines Motorrollers und dem Fahrspaß und der Dynamik eines Motorrads«, sagt Piaggio-Sprecher Fabio Gilardenghi.

In der Tat bieten die beiden Vorderräder durch die verdoppelte Aufstandsfläche viel Sicherheit. Die Neigetechnik der Vorderachse vermittelt ein gutes Gefühl zur Fahrbahn. Das erlaubt veritable Schräglagen. Jetzt legen die Italiener noch eine Schippe drauf: Das neue Topmodell MP3 530 Exclusive verfügt als erster Roller über Assistenzsysteme wie ein Auto. Spurwechselassistent, Toter-Winkel-Warner, Rückfahrkamera und Radarsystem, dazu Tempomat und ein hochauflösendes TFT-Display mit Sieben-Zoll-Diagonale. Mehr bietet in diesem Segment keiner. Wäre jetzt noch ein Dach über dem MP3, könnte er glatt als Kleinwagen durchgehen.

Advanced Rider Assistance System – kurz ARAS – nennt sich das Fahrassistenzpaket, das die Robotiksparte der Piaggio Group ersonnen hat. Die in Boston, USA, beheimatete Tochter Piaggio Fast Forward hat bereits Rollkoffer zum autonomen Fahren gebracht. Die jetzt eingesetzte Imaging-Radar-4D-Technologie arbeitet mit Sensoren unterhalb des Rücklichts. Im Gegensatz zu der aus dem Automobilbereich bekannten Technologie berücksichtigt sie auch den Neigungswinkel bei Kurvenfahrten. »Die Vorteile gegenüber einem herkömmlichen, auf Ultraschallsensoren basierenden Fahrassistenzsystem liegen in einem extrem breiten Sichtfeld und einer zuverlässigen Überwachung bei allen Licht- und Umgebungsbedingungen«, erläutert Gilardenghi.

Das Spurwechselsystem überwacht den Heckbereich mit einer Distanz von bis zu 35 Metern. Nähern sich seitlich Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit, warnt das System den Fahrer oder die Fahrerin mit einem breiten orangefarbenen Pfeil, der plakativ am rechten oder linken Rand des Borddisplays aufblinkt. Gleiches gilt für Fahrzeuge, die sich im toten Winkel des Rückspiegels bewegen. Beides erfolgt wohldosiert und nervt nicht.

Das ist uns aufgefallen: Anders als die meisten Wettbewerber bewegt sich der getestete MP3 530 Exclusive angenehm vibrationsfrei und damit leise durch den Verkehr. Die fein geschliffene und teils neu designte Karosserie verleiht dem neuen MP3 optisch mehr Entschlossenheit. Die neuen Voll-LED-Scheinwerfer mit modernem Tagfahrlicht passen gut zur langen Nase, die sich in Richtung der Vorderräder verjüngt und tief absenkt.

Neue, flachere Sitzbank, neue Felgen, neuer Windschild, neue Proportionen – optisch hat der MP3 jede Menge Ballast abgelegt. Dazu hat das Topmodell im Vergleich zum bisherigen Spitzenmodell MP3 500 immerhin sieben Kilogramm abgespeckt. Auch der jetzt abgelöste Vorgänger hatte bereits einen Rückwärtsgang, was das Rangieren und Parken auf den überfüllten Zweiradparkplätzen europäischer Metropolen deutlich erleichtert. Er musste aber ohne Rückfahrkamera auskommen.

Der neue Einzylindermotor ist eine Weiterentwicklung der bewährten Triebsatzschwinge. Er leistet maximal 44 PS und entwickelt ausreichende 50 Nm Drehmoment. Wie gehabt endet der Vortrieb bei 145 km/h. Den neuen kleinen Schwestermodellen MP3 400 und 400 Sport (35 PS, 38 Nm) geht bei 135 km/h die Luft aus. Piaggio ist damit der einzige Dreiradanbieter, der sich zwei Motorisierungen leistet.

Das sollte man wissen: Gestandene Bikerinnen und Biker halten Dreiradroller für bessere Rollstühle, und sogar die Großroller-Gemeinde belächelt das zweite Vorderrad oft als Stützrad, zumindest in Deutschland. Piaggio kann es egal sein. Mit weltweit mehr als 230.000 verkauften Einheiten in 16 Jahren ist der MP3 ein Bestseller. In Metropolen wie Paris ist er aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken. Wettbewerber wie Peugeot Motocycles und Kymco spielen mit ihren Dreiradmodellen nur eine Nebenrolle. In Deutschland flitz­ten im ersten Halbjahr 2022 fünf Dreiradroller in die Top 25 der meistverkauften Motorroller. Marktführer Piaggio ist mit allen drei aktuellen MP3-Modellen im Ranking vertreten und kommt in Summe auf 785 Exemplare. Yamaha folgt mit dem Tricity 300 (430 Neuzulassungen) auf Rang zwei.

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Größter Vorteil neben der erhöhten Sicherheit durchs zweite Vorderrad: Wer mindestens 21 Jahre alt und im Besitz eines Autoführerscheins (Klasse B) ist, darf sich auf die Dreiradroller schwingen und losdüsen. Dank der breiten vorderen Spur sind weder Motorradführerschein noch B196-Führerscheinerweiterung vonnöten. Das Umsteigen auf drei statt vier Räder dürfte den meisten leicht fallen: Die vorgeschriebene Fußbremse wirkt gleichzeitig auf Vorder- und Hinterrad. Drei-Kanal-ABS und eine abschaltbare Traktionskontrolle versprechen Unterstützung beim Anhalten und Beschleunigen auf schwierigen Untergründen.

Die Unterhaltskosten sind überschaubar: Das Topmodell begnügt sich laut Datenblatt mit vier Litern Superbenzin pro 100 Kilometer, den neuen 400ern reichen 3,8 l/100 km. Bei der Testfahrt im Pariser Dauerregen kam das recht genau hin. Wind- und Beinschild bieten beim Fahren ausreichend Wetterschutz. Kübelt es wie aus Eimern, wird natürlich auch hier jeder Ampelstopp zur Dusche.

Das werden wir nicht vergessen: Die zwei Gesichter des elektronischen Roll-Lock-Systems. Bei laufendem Motor sorgt es per Schieberegler dafür, dass das Fahrwerk von dynamisch auf statisch schaltet. Dadurch kippt der MP3 im Stand nicht um, der Fahrer oder die Fahrerin kann die Füße beim Stopp im Fußraum lassen. Sehr praktisch. Aktivieren lässt sich der Blockier-Mechanismus bereits bei Schrittgeschwindigkeit. Aber Achtung: Stehen die beiden Vorderräder dabei nicht absolut gerade, zweigt der MP3 unvermittelt nach rechts oder links ab. Schrecksekunde garantiert.

Technische Daten Piaggio MP3 530 Exclusive

Hersteller:

Piaggio

Typ:

MP3

Karosserie:

Motorroller (dreirädrig)

Motor:

Einzylinder-Triebsatzschwinge

Hubraum:

530 cm3

Getriebe:

Stufenloser CVT-Riementrieb

Leistung

32,5 kW /44 PS bei 7250 U/min

Drehmoment:

50 Nm bei 5250 U/min

Höchstgeschwindigkeit:

145 km/h

Gewicht:

280 kg

Radstand:

1550 mm

Sitzhöhe:

790 mm

Verbrauch laut WMTC:

4,0 l/100 km

CO2-Emissionen:

93 g/km

Preis:

ab 13.299 Euro

Ralf Bielefeldt ist freier Autor und wurde bei seiner Recherche von Piaggio unterstützt. Die Berichterstattung erfolgt davon unabhängig.

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