Autogramm Porsche 911 Targa Frisch bebügelt

Wie ein Auto mit Tragegriff sah der 911 Targa früher aus und eroberte mit diesem etwas schrägen Charme die Herzen vieler Porsche-Fans. Jetzt ist der charakteristische Bügel zurück - und offenbart zugleich, wie wenig die Ikone von einst mit dem Neunelfer von heute gemein hat.

Porsche

Der erste Eindruck: Da ist er wieder! Die letzten Targa-Modelle mussten ohne den charakteristischen Bügel auskommen und waren in Wahrheit eigentlich Coupés mit großem Schiebedach. Der neue Targa dagegen sieht zumindest optisch wieder aus wie das Original.

Das sagt der Hersteller: Erhard Mössle, der Projektleiter des Autos, hält den Targa für ebenso 911er-typisch wie den Boxermotor im Heck. Denn seit die Schwaben 1965 erstmals die Mixtur aus Cabrio und Coupé anboten, wurden rund 100.000 Exemplare verkauft. "Das macht über die Laufzeit einen Anteil von etwa 15 Prozent an der Gesamtproduktion", sagt Mössle.

Zuletzt schrumpfte das Kundeninteresse jedoch deutlich, denn aus Komfortgründen war aus den herausnehmbaren Dachhälften der Anfangsjahre im Laufe der Zeit eine Art extragroßes Schiebedach geworden. Das neue Modell soll nun Tradition und Moderne vereinen. Und zwar in Form eines vollautomatischen Targa-Dachs, das im geöffneten Zustand komplett verschwindet.

Das ist uns aufgefallen: Schon geschlossen ist der neue 911 Targa ein Blickfang. Aber sobald man auf die "Dach auf"-Taste am Zündschlüssel drückt, zieht der Elfer noch vor dem Losfahren eine Schau ab. Während sich die gläserne Heckkuppel hebt und nach hinten kippt, öffnen sich zwei Klappen im Targa-Bügel und geben die Kinematik des Stoffverdecks frei. Dessen beide Hälften werden eingefaltet und hinter den Fondsitzen abgelegt, ehe sich die Glaskuppel wieder schließt. 19 Sekunden dauert das Techno-Ballett - man könnte darüber glatt das Einsteigen vergessen.

Wasch mich, aber mach mich nicht nass - etwa in der Art ist der 911 Targa ein Auto für Menschen, die sich nicht entscheiden können. Denn einerseits bietet er Geborgenheit wie das Coupé, dazu etwas Platz auf der Rückbank; andererseits zaust einem auf Knopfdruck der Wind durch die Haare und die Sonne strahlt ins Auto.

Wie immer bei Kompromissen gibt es auch hier ein paar Abstriche. Auch wenn das Textilverdeck mit den eingenähten Magnesium-Platten einen extrem soliden Eindruck macht, isoliert es natürlich nicht ganz so gut wie das feste Dach des Coupés. Und auch wenn bei geöffnetem Verdeck eine gut einen Quadratmeter große Luke entsteht, ist der Targa weniger luftig als das Cabrio. Solange die Seitenscheiben geschlossen sind und der Windabweiser aufgestellt ist, ähnelt das Fahrgefühl dem eines Autos mit extragroßem Schiebedach. Erst wenn man zusätzlich die Fenster öffnet, stürmt es im Wagen und der Fahrtwind bläst den Unterschied zum Cabrio buchstäblich weg.

Apropos Fahrgefühl: Auch der Targa benimmt sich, wie man es von einem Porsche 911 erwartet - nämlich irre schnell und geradezu narrensicher. Nur das Klangerlebnis ist weniger intensiv, denn offenbar schirmt die Glaskuppel überm Heck den Motor so gut ab, dass man vom Boxersound des Sechszylindermotors im offenen Auto weniger mitbekommt als im Cabrio. Weniger Krawall aus den Eingeweiden bedeutet allerdings auch, dass man sich auch bei Tempo 180 noch problemlos mit dem Mitfahrer unterhalten kann.

In gewisser Weise aber ist das Targa-Dach auch Sinnbild für die Entwicklung, die Porsche in den letzten Jahren genommen hat. Anders als mit den Schiebedächern vorangegangener Targas hätten die Zuffenhausener mit dem neuen Modell zu alten Tugenden zurückfinden können: Doch statt das Dach von Hand demontierbar und damit leicht zu gestalten, nehmen die Zuffenhausener ein Mehrgewicht von rund 20 Kilo für den Öffnungsmechanismus in Kauf. Der komfortverwöhnten Klientel von heute ist so viel Arbeit anscheinend nicht mehr zuzumuten.

Das muss man wissen: Bestellungen für den Targa nimmt Porsche seit dem Jahreswechsel entgegen, ausgeliefert wird ab Mai. Erhältlich ist das nach der legendären Targa Florio auf Sizilien benannte Cabrio-Coupé ausschließlich mit Allradantrieb und zwar als Targa 4 mit 3,4 Liter Hubraum und 350 PS oder als Targa 4S mit 3,8 Liter Hubraum und 400 PS. In der schärfsten Version mit Doppelkupplungsautomatik und Sport-Chrono-Paket rennt der Wagen in 4,4 Sekunden von 0 auf Tempo 100 und erreicht ein Spitzentempo von 294 km/h. Der Verbrauch liegt in der Theorie bei 9,2 Litern, lässt sich in der Praxis aber auch mühelos verdoppeln. Die Preise beginnen bei 109.338 Euro für das Standard- und 124.094 Euro für das S-Modell.

Während der Targa unterm Blech ein normaler Carrera 4 ist, hat Porsche den Aufbau weitgehend neu entwickelt. Einige Dinge wurden vom Cabriolet übernommen, doch das Gros der zwei Dutzend beweglichen Teile wurde eigens für diese Modellvariante entwickelt. Die Arbeiten an der Modellvariante begannen bereits vor vier Jahren. Ob das nicht ein bisschen viel Aufwand ist für einen speziellen Typ? Mössle räumt ein, dass der Targa ein besonders aufwendiges Derivat der 911er-Familie sei. Da wundert es nicht, dass der Targa 12.000 Euro mehr kostet als das Coupé und lediglich 1000 Euro billiger ist als das Cabriolet.

Das werden wir nicht vergessen: Während der Fahrt kann man den Kopf für das Verdeck drücken wie man will, doch anders als beim Cabrio bewegt sich die filigrane Dachkonstruktion des Targa keinen Millimeter. Das Verdeck lässt sich nämlich nur im Stand öffnen.

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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
axelkli 31.03.2014
1. optional
Schön, daß der Targa wieder so schick wie der alte aussieht. Die sicherlich beeindruckende Verdeck-Technik finde ich allerdings übertrieben. Was spricht denn dagegen, wenn man das Dachteil manuell rausnimmt und z.b. vorne unter der Klappe verstaut? So spar man Gewicht und es kann weniger kaputtgehen.
fettwebel 31.03.2014
2. Zirkusnummer
Letztemal hab ich das am 6er BMW Cabrio gesehen. Da ist es schon schlimm genug. Plattenbauten sind eben sperriger als Stoffdach. Und Porsche? Warum kein manueller Deckel, und eine negativ gestellte Heckscheibe wie 914? Stattdessen der gewölbte (Heck) Scheibenwanst. Der GT hat sie auch, oder? Hätte keiner mit VW verwechselt. Langweilig. Die Deckel-Konstruktion ist Sperrmüll.
opinio... 31.03.2014
3. kann ich damit einen Schrank transportieren?
Nein. Kann ich damit irgendwo knappe 300 km/h fahren? Selten. wo also kann man das viele Testosteron lassen, dass sich beim Anblick dieses Hinterteils zusätzlich aufbaut? Wo passt diese Karre noch 'rein? Im 2ten Gang schon dicht am Führerscheinentzug. Ist einfach nicht mehr zeitgemäß - schade, aber so ist das, wenn man das Hirn wieder eingeschaltet hat.
Fritz.A.Brause 31.03.2014
4. Dachhälften?
Das Targadach der 911er bis zum 964 hatte zwei feste Längs- und zwei faltbare Querstreben. Zusammengefaltet passte es in einen dafür vorgesehenen Sack und in den Kofferraum. Dachhälften allerdings gab es bei Porsche nicht. Da hätten Sie stattdessen bei Datsun nachfragen müssen ;-)
hans-willi 31.03.2014
5. komisch...
... kein ausfahrbarer Heckspoiler?
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