Autogramm Porsche 918 Achtung, Starkstrom!

Was passiert, wenn man das Plug-in-Hybrid-Konzept bis an die Grenzen ausreizt? Es entsteht ein Auto wie der neue Porsche 918. Die angegebenen drei Liter Verbrauch sind natürlich ein Wert aus dem Märchenland, aber die vereinte Kraft der drei Antriebsherzen sorgt für Fahrleistungen ohnegleichen.

Porsche

Der erste Eindruck: Zisch und weg! Schon die ersten Meter mit dem neuen Porsche 918 Spyder - so heißt das Auto mit vollem Namen, denn die beiden Karbon-Dachschalen lassen sich herausnehmen - sind beinahe bewusstseinserweiternd. Und da läuft der 4,5 Liter große V8-Motor im Heck noch gar nicht. Im E-Betrieb fühlt sich der Wagen an wie ein Raumschiff mit Hyperloop-Antrieb.

Das sagt der Hersteller: Entwicklungschef Wolfgang Hatz nennt das Auto ein technologisches Wunderwerk, mit dem das Unmögliche möglich werde. Der Zweisitzer jagt um die Nordschleife des Nürburgrings in einer Fabelzeit von 6:57 Minuten, und zugleich verbraucht der 887 PS starke Wagen nach der hoffnungslos unrealistischen, aber leider gültigen Norm exakt 3,0 Liter auf 100 Kilometer.

"Wir haben die Möglichkeiten des Plug-in-Hybrids bis an die Grenzen des Machbaren ausgereizt", sagt Hatz mit Blick auf den Kombi-Antrieb aus zwei E-Maschinen, einem V8-Benziner und einem 6,8 kWh großen Akku mit Steckdosenanschluss. Projektleiter Frank-Steffen Walliser sagt, der 918 Spyder sei "kein grünes Feigenblatt". Das Auto garantiere weniger Verbrauch, sowie mehr Leistung und mehr Fahrspaß. Vollgaslegende und Porsche-Testfahrer Walter Röhrl formuliert es so: "Wenn die Akkus leer sind, hast du ein Gefühl, als ob du plötzlich stehen bleibst."

Das ist uns aufgefallen: Schon rein elektrisch ein Renner, wird der Porsche mit der vereinten Kraft der drei Motoren zu einer Rakete. Allerdings braucht man nicht den Mut eines Evel Knievel, um diese Rakete zu reiten. So lange man die Finger vom Map-Schalter lässt, der auf dem Lenkrad sitzt und dem Auto mit jedem Dreh noch mehr Schärfe gibt, kann man selbst den 918 so einfach bewegen wie einen Boxster.

Wie stark das Paket tatsächlich ist, zeigt ein kleines Detail, auf das Projektleiter Walliser besonders stolz ist: Weil der 918 im Race-Mode immer mit maximaler Leistung fährt und überschüssige Energie für mögliche Sprints umgehend in den Akku pumpt, hat man selbst nach einer scharfen Runde auf der Nordschleife mehr Strom in den Zellen als beim Start. "Man muss schon wie ein Walter Röhrl fahren, um diese Reserve auszureizen." Immer Gas geben, nie bremsen.

Nach ein paar Runden auf einer abgesperrten Strecke fühlt man sich wie betrunken. Die Wahrnehmung reduziert sich auf Drehzahlmesser, Tacho, Lenk- und Bremspunkte. Dabei gäbe es in diesem Auto noch so viel anderes zu entdecken, das mit dem Fahren an sich gar nichts zu tun hat.

Die Drehwalzen am Sportlenkrad zum Beispiel, mit denen man die Menüs des Bordcomputers bedient. Die drei wundervollen Rundinstrumente, die wie futuristische Kaminuhren nahezu losgelöst hinter dem Lenkrad stehen. Und als absolutes Highlight natürlich die aufsteigende Mittelkonsole, die im 918 ganz schlicht und schlank aufragt und auf der es nur noch drei Drehregler gibt. Den Rest erledigt man auf einem leicht gebogenen, nahtlos eingepassten Touchscreen, der genauso funktioniert wie bei einem Smartphone.

Das muss man wissen: Das Fahrgefühl verdankt der 918 einem in dieser Ausprägung einzigartigen Antrieb. Im Kohlefaser-Chassis stecken vorn eine E-Maschine mit 129 PS und 210 Nm Drehmoment, hinten eine mit 156 PS und 375 Nm Drehmoment und dazwischen ein ohne große Modifikationen aus dem Rennsport übernommener V8-Motor, der sich nicht mit Tinnef wie einem Turbo abgibt. Stattdessen orgelt er bis 8700 Touren, entwickelt so aus 4,5 Liter Hubraum 608 PS.

Der V8 sei der Saugmotor mit der aktuell höchsten Literleistung der Welt, betont Walliser. Dazu kommt ein Lithium-Ionen-Akku, für den der Projektleiter auch noch einen Superlativ findet: den der größten Energiedichte im automobilen Einsatz. Geladen wird der Stromspeicher in knapp vier Stunden an der Haushaltssteckdose, in zweieinviertel Stunden am Schnelllader oder in 25 Minuten an einer Gleichstromsäule, die Porsche für 20.000 Euro anbietet. Oder man wechselt in den Race-Mode und nutzt den Leistungsüberschuss des Verbrenners. Ein Kilometer mit konstant 100 - schon hat der Akku wieder drei bis vier Prozent mehr Saft.

Ein voller Akku reicht für bis zu 30 Kilometer Fahrt und drückt nach den abstrusen EU-Verbrauchsformeln den Normverbrauch auf jene 3,0 Liter. Bewegt man das Auto so, wie es gedacht ist, sollte man besser mit dem Zehnfachen kalkulieren. Wenn alle drei Motoren an einem Strang ziehen, endet es in Raserei: Von 0 auf 100 in 2,6 Sekunden, nach 7,7 Sekunden Tempo 200, in 19,9 Sekunden 300 km/h und danach weiter bis 345 km/h. 345!

Schwindelerregend wie das Datenblatt ist auch die Preisliste. Schon der Grundtarif von 768.026 Euro macht den 918 Spyder zu dem mit weitem Abstand teuersten Auto aus deutscher Produktion. Und da geht es erst los. Zu bestellen sind beispielsweise der in neun Schichten aufgetragene Liquid-Metall-Lack (47.600 Euro), Authentic-Leder (23.800 Euro), ein maßgeschneidertes Kofferset (17.731 Euro), ein in Wagenfarbe lackierter Zündschlüssel (952 Euro) oder die Kohlefaser-Fußmatte für den Beifahrer (1190 Euro).

Die teuerste Option ist das sogenannte Weissach-Paket - jeder vierte Kunde bucht es. Dann wird der 918 mit Rädern aus Magnesium, mit Schrauben aus Titan sowie Radlagern aus Keramik ausgestattet. Das bringt einen Gewichtsvorteil von 41 Kilogramm - und treibt den Preis um 71.400 Euro in die Höhe. Die Kunden schreckt das offenbar nicht: Mehr als die Hälfte der auf 918 Exemplare limitierten Kleinserie sei bereits verkauft, sagt Walliser.

Das werden wir nicht vergessen: Die Geräuschkulisse des 918. Schon das elektrische Anfahren ist ein kleines Spektakel, und das ist nur das Vorspiel für ein Inferno, das mit dem Start des V8-Motors losbricht. Laut, dreckig und bei kaum einem halben Meter Auspuffrohr knapp hinter den Ohren nahezu ungedämpft, brüllt die Maschine alles nieder, was an Hubkolben sonst so durch die Gegend stampft. Selbst ein 911er bei Vollgas klingt im Vergleich wie ein Spielzeugauto. An ein akustisches Warnsignal für arglose Fußgänger mussten die Entwickler nicht einen Gedanken verschwenden.

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