Autogramm Porsche Boxster Spyder Alles muss raus

Es gibt Porsche-Fans, die bedauern die Verweichlichung ihrer Marke. Für sie haben die Zuffenhausener den neuen Boxster Spyder gebaut: Keine Klimaanlage, kein Radio und ein fummeliges Verdeck. Hurra!

Porsche

Der erste Eindruck: James Dean ist tot, aber sein Auto lebt. Naja, das ist vielleicht ein etwas zu gewagter Vergleich. Aber ein klitzekleines bisschen von jenem legendären "Little Bastard" Porsche 550 Spyder, in dem der Hollywoodstar 1955 tödlich verunglückte, steckt schon im Boxster Spyder.

Das sagt der Hersteller: Für Porsche-Projektleiter Stefan Weckbach ist der Boxster Spyder "die Rückbesinnung auf den Ursprung des Roadsters". Die mittlerweile vierte Boxster-Variante ist laut Weckbach ein offenes, zweisitziges Fahrzeug, das in perfekter Art und Weise Performance, Purismus und Design miteinander verbinde. Und außerdem ist der Spyder der bisher stärkste, schnellste und schärfste Boxster-Typ.

Das ist uns aufgefallen: Bevor man mit dem Spyder durch das gute Wetter stechen kann, muss man mühsam das Verdeck öffnen. Der Heckdeckel und der Schnapphaken am Fensterrahmen springen noch per Knopfdruck auf, danach ist Zupacken angesagt. Im Stoff auf den Finnen muss nach der Entriegelung nach zwei Dornen gesucht werden, die dann anschließend in passende Löcher hinter dem Fensterausschnitt gesteckt werden. Dann aus dem Textildach ein Sandwich falten, dieses ablegen, den Heckdeckel vorsichtig schließen und zum Schluss die kleinen Plastikohren wieder über die Mechanik hinter den Türen klappen. Gefühlt dauert das eine Viertelstunde, dann endlich steht das Auto ohne Dach da.

Gegenüber dem Vorgängermodell, bei dem man noch 15 Handgriffe brauchte und den man mit geschlossenem Verdeck nicht schneller als 200 Stundenkilometer fahren durfte, feiert Steffen König, der den Aufbau der Karosserie verantwortet, das neue Finnenverdeck als deutlich vereinfachte Lösung. Doch im Grunde ist die Friemelei eine Zumutung.

Aber sie passt zum Konzept. Denn Porsche predigt mit diesem Auto lautstark den Purismus. Nichts soll von der reinen Lehre des Fahrens ablenken und nichts das Vergnügen trüben. Deshalb gibt es statt eines Doppelkupplungsgetriebes eine knochentrockene Handschaltung, deren Schaltstummel noch einmal gekürzt wurde. Das Räderwerk ist eigentlich überflüssig. Denn wenn man den zweiten Gang bis weit über 6000 Touren dreht, fegt man mit 120 bis 130 Sachen dahin und hat damit sozusagen die beste Automatik der Welt.

Man sitzt in dünnen Karbonschalen hinter einem geschrumpften Lenkrad, es gibt keine Klimaanlage und kein Radio und genau wie im Cayman GT4 Schlaufen anstelle der Türgriffe. Da kann man das Navigationssystem gleich noch mit abbestellen. Erstens taugt es ohnehin nichts und zweitens ist bei diesem Auto doch allein der Weg das Ziel.

Der Verzicht wiederum wird mit einem Vergnügen belohnt, das kein anderer Boxster bietet und das man auch im teuren 911er kaum mehr findet. So leicht und intuitiv, so messerscharf und präzise und dabei so hemmungslos ungehobelt, kurz: so pur war Porsche-Fahren schon lange nicht mehr.

Man könnte sich jetzt einreden, dass das tatsächlich an den 30 Kilo liegt, die der Spyder leichter wurde. Das Auto wiegt 1315 Kilo, so wenig wie noch kein Boxster zuvor. Und vielleicht machen sich zumindest die zehn Kilo Gewichtsersparnis beim Dach tatsächlich bemerkbar, weil dadurch der Schwerpunkt weiter nach unten wandert. Doch der Rest ist nur Show und allenfalls für die Psyche gut - ohne Einfluss auf die Physik. Aber es wirkt.

Zumal direkt hinter den Sitzen ja eine Spaßgarantie sitzt. Denn für den Spyder haben die Schwaben den Sechszylinder-Boxermotor um 0,4 auf 3,8 Liter Hubraum aufgebohrt, um nun 375 PS und bis zu 420 Nm Drehmoment aus dem Boxer zu kitzeln. Das ist ein Unterschied zu GTS und Co., den man tatsächlich spüren kann. Und man kann ihn hören. So unflätig, wie dieser Motor im Sportmodus mit geöffneten Klappen im Auspuff schlürft, schreit und bollert, krakeelen wenige andere Triebwerke. Selbst der als akustisch obszön gescholtene Jaguar F-Type wird im Vergleich zum Leisetreter, wenn beim Schalten die künstlich induzierten Fehlzündungen knallen wie ein Silvester-Feuerwerk.

Das muss man wissen: Das neue Verdeck, eine neue Frontschürze, die Höcker auf dem neuen Heckdeckel, das strammere Fahrwerk, die sportlichen Karbonschalensitze und der Motor aus dem 911 S - dieses Paket lässt sich Porsche teuer bezahlen. Mit 79.945 Euro kostet der Boxster Spyder knapp 9000 Euro mehr als der Boxster S.

Die Kunden scheint das allerdings nicht zu stören. Wer zur Markteinführung in den kommenden Tagen ein Auto haben wollte, der musste schon sehr früh bestellen. Und wer jetzt noch einen will, der sollte sich beeilen, sagt Karosseriebauer König. Zwar sei das Auto offiziell nicht limitiert, könne aber auch nicht grenzenlos produziert werden. "Und deshalb wird der Spyder schon so langsam knapp", sagt König.

Das werden wir nicht vergessen: Die gebrochenen Fingernägel nach der Fummelei mit dem Verdeck - und dass man die dann fast wie Trophäen trägt. Die Marke mag inzwischen zu großen Teilen verweichlicht sein - dieses Auto ist es sicher nicht.

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insgesamt 168 Beiträge
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debahn 04.07.2015
1. herrlich
wie praktisch jedes deutsche Auto hier immer in den Himmel gelobt wird. Zustände wie bei Auto Motor und Sport, da gewinnt auch IMMER das deutsche Auto. Schreibt doch mal was über die dollen VW und Audi-Getriebe und wie da die Kundschaft verarscht wird... Zum Porsche: sicher ist der Boxster eine geile Karre, auch der hier, aber was den Designer geritten hat, diesen extrem hässlichen "Spoiler" auch noch in die Heckleuchten auslaufen zu lassen, wäre interessant zu wissen.
DerBlicker 04.07.2015
2. das ergibt doch keinen Sinn
Wegen 10 kg das elektrische Verdeck rausnehmen, das ist absurd. Die 10 kg mehr kommen ja eher von vielen Fahrern, die ein wenig Übergewicht haben. Porsche hätte lieber die vollen PS aus dem 911 nehmen sollen, dann hätten sie das Verdeck locker drin lassen können, das PDK fehlt auch zum sportlich schnellen Fahren. Ein reines Poserauto.
von_scheifer 04.07.2015
3. Ein Spyder muss unter 1.000 kg wiegen.
Nur so kann man die Leichtigkeit des Seins geniessen. Der Porsche 550 Spyder wog 550 kg leer. Wen soll denn dieser Fettwanst mit 1.315 kg begeistern? Vorallendingen bei diesem Preis. Der Audi TTS Roadster ist sogar noch schwerer. Können die alle nicht mehr leichte, kleine Wagen bauen, wie es der 356 mal einer war? Bessere Motorräder. Und das zu Zeiten, wo man mit Titan, Carbon und Aluminiummotoren das Gewicht ordentlich reduzieren kann. Aber man kann ja auch kein Flughafen mehr bauen in diesem Land. Oder eine Oper.
stratokasper 04.07.2015
4.
Zu groß und zu schwer. Porsche sollte einen Spider mit 4 Zylinder Boxer bringen, der etwa 1100 kg wiegen sollte und handliche Abmaße besitz. Die Höcker auf dem dadurch hoch wirkenden Heck, sehen furchtbar aus.
Dieter Sonnenschein 04.07.2015
5. So gaaaanz langsam...
...schafft Porsche es in Richtung Lotus-Niveau. Natürlich nicht vom Gewicht und vom Leistungsgewicht her aber ansonsten ist das Ergebnis schon gar nicht mal so schlecht. Der Grundgedanke ist stimmig.
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