Porsche Carrera, Baujahr 1990 Verliebt in einen Boxer

Zündschloss links, Motorsound von hinten, nur fünf Instrumente im Cockpit: Kein Zweifel, das ist ein 911er. Die Targa-Version aus dem Baujahr 1990 fährt sich so handlich, dass man süchtig nach diesem Porsche wird. So ist es zumindest SPIEGEL-ONLINE-Leser Marc Wallraff widerfahren.


Das Durchschnittsalter der rund 46 Millionen Pkw in Deutschland liegt bei knapp acht Jahren, einige Autos sind noch deutlich älter. SPIEGEL ONLINE testet mit Hilfe der Leser, wo die Stärken und Schwächen des Altmetalls liegen. Diesmal berichtet Marc Wallraff aus München über seinen Porsche 911 (964) Carrera 4 Targa aus dem Baujahr 1990.

Marc Wallraff:
Die Liebe zu diesem Fahrzeug begann für mich im Jahr 1989. Porsche brachte damals den Carrera 4 auf den Markt: ein grundsätzlich neu entwickeltes Auto, wobei allerdings die klassische Elfer-Form der vergangenen 30 Jahre beibehalten wurde. Neu waren die dicken Stoßfänger (typisch Ende der Achtziger), der ab 80 km/h ausfahrende Heckspoiler (sehr cool) und der neue 3,6 Liter Boxer-Motor mit 250 PS.

Ich war damals 16 Jahre alt und fing an, mich über das Autoquartett hinaus für Autos zu interessieren. Auch ohne Fahrerfahrung fand ich die Kombination aus Sportwagen und Allradantrieb einleuchtend, die seit dem legendären 959er bei Porsche Einzug gehalten hatte. Die klassische Form und der unvergleichbare Sound des luftgekühlten Boxers sorgten bei mir in den folgenden 15 Jahren immer wieder für Halsverrenkungen und das träumerische Gedankenspiel "irgendwann kaufst du dir mal genau den..."

Und plötzlich stand er vor mir, der eine unter Tausenden. Ein Carrera 4 Targa. Die Targas hatten mich immer schon fasziniert. Die gebogene Heckscheibe, der schwarze Bügel, das kunstlederbezogene Faltdach, passend für den Kofferraum vorne - ein Fahrzeugkonzept der siebziger und achtziger Jahre, das mit den klappbaren Metalldächern nun vollständig vom Markt zu verschwinden droht. Mit zwei Metern Körpergröße kann ich im Targa auch wesentlich entspannter sitzen als im Coupé.

Halb blau, halb türkis - typisch neunziger Jahre eben

Der Wagen wurde zuvor 15 Jahre lang (!) von einer Dame gefahren, die mich im Vorgespräch mit unglaublichem Fachwissen und beeindruckenden Rundenzeiten auf dem Ring in eben jenem Targa begeistern konnte. Aus der lückenlosen Wartungshistorie (immer ein Muss bei allen Elfern) konnte ich erkennen, dass die gute Frau zusätzlich zum Neuwagenpreis von 142.086,58 Mark im Jahr 1990 in den folgenden 15 Jahren weitere rund 134.000 Mark (alleine 14.000 Mark für eine komplette Motorrevision) in die Wartung investiert hatte. Das zerstörte bei mir natürlich den Mythos der ewigen Haltbarkeit der Elfer, gab mir aber die Versicherung, dass dem Wagen alle erdenkliche Pflege zugekommen war und alle Kinderkrankheiten entsorgt waren.

Rost war bei diesem Wagen dank Vollverzinkung kein Thema, der Zustand innen wie außen war tadellos. So störten mich auch die bereits gefahrenen 249.000 Kilometer nicht. Viel Vertrauen in die Zuffenhausener Ingenieure, nachgewiesene Pflege und professionelle erste Hand waren mir wichtiger als eventuell falsche Zahlen auf der Tachouhr. Als ich beim Kauf dann noch zwei Quadratmeter echtes Porscheleder zum Nachsatteln der Sitze von der Vorbesitzerin geschenkt bekam, wusste ich: alles richtig gemacht.

Da stand er nun in "Türkisblau Perlcolor (Glasurit)", einer von Porsche nur zur Automesse IAA benutzten Ausstellungsfarbe. Halb blau, halb türkis eindeutig als Neunziger-Jahre-Farbe zu identifizieren. In der Kombination mit dem beigen Leder aber meiner Meinung nach todschick und ein erfrischender Hingucker im heutigen Einheitsbrei aus Phantomschwarz und Polarsilber der aktuellen Dienstwagenflotten.

Der Motor hat unglaublich Biss

Der Elfer begeistert als kompromissloser Sportwagen, auch wenn der 964er im Vergleich zu den Reihen der Siebziger und Achtziger schon ein wenig zahmer geworden ist. Dazu versüßen moderne Errungenschaften wie Servolenkung und Klimaanlage all denen das Fahren, die nicht ganz vom harten Schlag sind und nach einer längeren Tour mit Begleitung ohne nasses Hemd aussteigen wollen. Die Kupplung lässt sich ohne Vorbereitung in der Fitnessbude bedienen. Allerdings läuft man beim Umsteigen in heutige Autos immer Gefahr, das Lenkrad abzureißen und die Kupplung mit voller Wucht auf das Blech zu treten.

Unverkennbar Elfer: Zündschloss links, Motorsound immer präsent von hinten, das legendäre Cockpit mit den fünf Instrumenten. Er fährt sich so handlich wie ein Kart, Kurvenräubern wird zur Sucht, allerdings wissen die Bandscheiben auch ganz genau, wann man über den Haltebalken an der Ampel gefahren ist.

Der Motor hat unglaublich Biss, bekommt ab 4000 Umdrehungen die zweite Luft und dreht ohne Schranke in den roten Bereich. Auf der Autobahn ist man rasend schnell unterwegs und hat das Gefühl, der kleine Frosch schlüpft ganz lässig unter dem Gegenwind hindurch. Wer mutig ist, dreht in den roten Bereich und lässt alle anderen auch weit über die eingetragenen 260 km/h hinter sich abfallen wie die Fliegen. Am liebsten die hochgezüchteten Sportwagen und Edelkombis, die dann doch von der Abriegelung bei 250 km/h die elektronische Handbremse gezogen bekommen. Schade Jungs...

Die Rushhour ist nicht sein Revier

Da man heute mit dem Kleinen immer noch so schnell unterwegs ist, mag man gar nicht daran denken, wie das vor 15 Jahren gewesen sein muss - bei leereren Autobahnen und ohne Konkurrenz mit S, M oder AMG am Heckdeckel. Heute ist sein Einsatz eher die Sonntagsfahrt um den Starnberger See, die Alpenüberquerung über die Timmelsjoch Hochalpenstraße oder sonstige Lustfahrten ausschließlich bei Sonne, versteht sich.

Eigentlich hat der Wagen kaum Schattenseiten: nicht viel Platz (woher auch?), 16 Liter Superbenzin in der Stadt (die Rushhour ist nun wirklich nicht sein Revier), bei schneller Fahrt sehr laut (Faltdach). Nun gut. Wäre da nicht diese ständige Insolvenzangst. Die Versicherungen plündern im Januar hemmungslos das Konto, und die Wartung (alle 20.000 Kilometer) im Porschezentrum ist unbezahlbar. Beim freien Porschemeister, der sich auf Luftgekühlte spezialisiert hat (eh der bessere Rat), kommt dann der erhoffte Satz: "Alles klar! Wirklich gut in Schuss, Ihr Wagen. Nichts Besonderes, nur die 280.000er Inspektion!"

Was für ein wundervoller Satz. Bezahlt habe ich trotzdem 1500 Euro.

Was soll's. Ich bin halt verliebt. Und das seit 16 Jahren!



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
logomito 12.12.2006
1. Gute und schlechte...
Einmal im Leben sollte man schon einen 911er besitzen, das hilft ungemein eine vernünftige Einstellung zu Autos zu bekommen. Ich hatte mir vor 15 Jahren nach unzähligen anderen Traumwagen einen gebrauchten 911 gekauft und der Spass hatte mich dann im ersten Jahr mindestens 8.000 DM an Reparaturen gekostet. Ein normaler Zündunterbrecher hat z.B. 100 DM gekostet, weil italienisches Exklusivprodukt, ein 15 DM Boschunterbrecher lies sich leider nicht einbauen. Kleinere Wartungsarbeiten im Porschecenter kamen auch mal schnell auf 1000 Mark, ohne nennenswerte Reparaturen auf der Rechnung zu finden. Da wird man ganz herrlich verarscht und sowas merkt man sich natürlich. Nach 16 Monaten hatte ich mehr als genug und war endgültig von meinem Autotick geheilt. Habe mir dann für 600 DM von einem Rentner einen Jetta Automatik gekauft und den nach 2 reparaturlosen Jahren wider für 500 DM verkauft. War das genial! Der 911 hat bei mir also einen erstaunlichen Heilungsprozess ausgelöst, ein herzliches Dankeschön dafür nach Zuffenhausen. P.S.: Der Fahrspass im 911er war übrigens einzigartig, ich kann mich da an Überholmanöver erinnern, die hätte ich mit keinem anderen Auto gewagt. Der brutale Durchzug und der Sound ab 4000 Umdrehungen....sowas vergisst mann nie.
weltraumkuh 12.12.2006
2.
geiles Auto und schöner Artikel! Habe selber einen 1990er Carrer - in schwarz mit roten Ledersitzen und als Cabrio.
jaguaros 12.12.2006
3. Kundendienst im Prag
Inspektion und Reparaturen sollst du bei uns im Prag machen lassen. Dann bleibt dein Bankkonto im Schuss. Ich sammle Jaguars V12 und das geht nur in Osteuropa. In Deutschland werde ich bankrott. Es kommen viele Deutsche nach Prag um die Reparaturen hier machen zu lassen den drueben ist es schon unbezahlbar.
KFL, 13.12.2006
4.
[QUOTE=logomito]Einmal im Leben sollte man schon einen 911er besitzen, das hilft ungemein eine vernünftige Einstellung zu Autos zu bekommen. .....ein 15 DM Boschunterbrecher lies sich leider nicht einbauen. Kleinere Wartungsarbeiten im Porschecenter kamen auch mal schnell auf 1000 Mark, ohne nennenswerte Reparaturen auf der Rechnung zu finden. Da wird man ganz herrlich verarscht und sowas merkt man sich natürlich. Der 911 hat bei mir also einen erstaunlichen Heilungsprozess ausgelöst, ein herzliches Dankeschön dafür nach Zuffenhausen. /QUOTE] Ganz genauso ist es. Kenne ich! Was ich noch erwähnen muß: In dem Jetta (bei mir wars ein Passat)kann man wenigstens die Freundin vernaschen. Und das ist ein Sound. Unvergleichlich. Viele Grüße aus der Erinnerung nach Hameln.
GretaMolander, 13.12.2006
5.
Schönes Auto und schöne Geschichte, aber wo bitte gab es vor 15 Jahren noch leere Autobahnen? Vielleicht vor 50 Jahren...
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