Autogramm Porsche Cayenne Turbo Auf Kuschelkurs

Der Cayenne ist der meistgehasste Porsche. Von Fans, weil er die Ideale des 911ers verraten hat - von Feinden, weil er die Spitze der SUV-Unvernunft ist. Beide Fraktionen wird die neue Variante besänftigen.


Der erste Eindruck: Nicht mehr so protzig und prollig wie das Vorgängermodell.

Das sagt der Hersteller: Porsche feiert die neuen Cayenne-Generation als Evolution eines Erfolgsmodells. In den beiden bisherigen Generationen haben die Schwaben binnen knapp 15 Jahren rund 800.000 Exemplare verkauft und so den Rahm bei den Luxus-SUV abgeschöpft, ehe Marken wie Audi, Jaguar oder Bentley mitmischten. Dass sie sich dabei vom Kern der Marke entfernt haben, wissen die Leute bei Porsche natürlich: "Mehr Elfer than ever", hat der Vorstand deswegen als Leitmotiv des neuen Cayenne ausgegeben. Also gibt es für den neuen Cayenne wie beim Sportwagen 911 ein etwas stärker konturiertes Design und vor allem ein deutlich verändertes Fahrverhalten.

Dass Porsche durch den Cayenne auch in den Sog des Dieselskandals gezogen wurde, darüber redet man in Zuffenhausen nur ungern. Deshalb gab es bei der Präsentation des neuen Cayennes auch kein offizielles Statement zur Zukunft des Selbstzünders. Doch natürlich, so hört man hinter vorgehaltener Hand, wird es das Dickschiff auch wieder als Diesel geben.

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Autogramm Porsche Cayenne Turbo: Beruhige dich!

Das ist uns aufgefallen: In der Turbovariante, immerhin das vorläufige Top-Modell der Baureihe, benimmt sich der Cayenne, als hätte er Kreide gefressen. Natürlich lässt er im Leerlauf ein V8-Brabbeln hören und selbstredend hat er genügend Dampf, um zu beweisen, dass Masse nicht unbedingt träge sein muss. Doch weder schreckt er die Nachbarn beim Anlassen mit einem lauten Aufbrüllen, noch röhrt er peinlich durch die Innenstadt. Er leistet sich auf der Landstraße auch bei schnellen Tempowechseln keine künstlichen Fehlzündungen und er schüttelt die Insassen trotz der strammen Sportsitze nicht durch, bis ihnen die Knochen schmerzen.

Der Auftritt beinahe dezent und das Fahrverhalten kommod - weshalb sollte man dann einen Turbo kaufen? Die Antwort darauf liefert das kleine Rändelrad am Lenker. Man muss an dem - für ein Auto dieser Preisklasse ziemlich popeligen - Plastikrädchen nur zwei Rasten nach rechts drehen oder den roten Knopf in der Mitte drücken, dann ist der neue Cayenne Turbo wieder ganz der alte: Er brüllt, hängt gierig am Gas und versteift sich so sehr, dass man vorsichtshalber vielleicht doch schon mal einen Termin beim Orthopäden ausmacht.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Porsche Cayenne Turbo - mit unserem 360-Grad-Foto:

Vor allem aber geht er plötzlich so knackig um die Kurven, dass man vor den Porsche-Ingenieuren unweigerlich den Hut zieht. Kein Wiegen und Wogen, kein Nachkorrigieren am Lenkrad und nur ganz selten das Flackern der Traktionskontrolle - das muss man bei einem Trumm von gut zwei Tonnen erst einmal hinkriegen. Es gibt nicht viele SUV, die sich derart engagiert über eine Landstraße treiben lassen. Und auch auf der Autobahn macht dem Cayenne kaum einer was vor.

Dafür haben die Techniker tief in die Trickkiste gegriffen. Erstmals gibt es für den Cayenne, wie beim 911, eine Mischbereifung, die hinten breiter ist als vorne. Es gibt eine Hinterachslenkung, die in engen Kurven den Wendekreis reduziert und auf der Autobahn den Spurwechsel stabilisiert. Und es gibt im Fahrwerk elektrische Stabilisatoren mit 48-Volt-Technik, die genügend Kraft und Tempo haben, um der Fliehkraft ein Schnippchen zu schlagen.

Für den Turbo haben sich die Ingenieure noch etwas mehr ausgedacht als für die anderen Varianten: Als erster SUV überhaupt hat er einen elektrisch ausfahrbaren Dachspoiler. Der stabilisiert den Wagen nicht nur bei flotter Fahrt und drückt bei langsamem Tempo den Verbrauch, sondern er hilft auch beim Bremsen: Wenn er sich bei 250 km/h voll in den Wind stellt, kommt der Cayenne immerhin zwei Meter früher zum Stehen.

Neben dem ungewöhnlich zurückhaltenden Auftritt bietet der Cayenne noch eine zweite Überraschung - das Interieur. Es ist den Schwaben gelungen, eine faszinierende Infotainment-Landschaft ums Lenkrad zu zaubern: Zwei große Displays links und rechts neben dem analogen Drehzahlmesser, der große Touchscreen in der Mittelkonsole und darunter noch ein Black-Panel mit Sensortasten, die leise klicken und so Feedback geben, wenn man sie bedient. Da wirkt der Vorgänger tatsächlich wie von gestern und man kann froh sein, dass links vom Lenkrad noch ein Zündschloss sitzt, selbst wenn da in Zeiten von Keyless-Go natürlich längst eine Schlüsselattrappe drinsteckt.

Das muss man wissen: Der neue Cayenne teilt sich wie das Vorgängermodell die Plattform mit dem Audi Q7 und nun auch mit dem Bentley Bentayga. Aber während die Bodengruppe samt des 48-Volt-Fahrwerk und vieler Assistenzsysteme aus der Konzernfamilie kommen, bedient sich Porsche für Antrieb und Ausstattung im eigenen Haus - beim Panamera. Los geht es zum Jahresende mit zunächst drei Varianten vom 340 PS starken Basismodell für 74.828 Euro über den Cayenne S mit 440 PS für 91.964 Euro bis hin zum 550-PS-Turbo, der mindestens 138.850 Euro kostet. Während Porsche die beiden unteren Leistungsstufen mit einem 2,9 Liter großen V6 bedient, bollert im Turbo ein 4,0 Liter großer V8.

Später wird es sowohl schnellere, als auch sparsamere Modelle geben. Einen Plug-In-Hybrid, der wie beim Panamera in zwei Leistungsstufen angeboten wird und als Turbo S für die Spitze der Modellpalette taugt, und ja, sicher auch wieder einen Diesel.

Das werden wir nicht vergessen: Die zweigeteilte Rückbank, die man separat um 16 Zentimeter verschieben und deren Lehnen man in elf Stufen neigen kann. Wenn der Cayenne jetzt auch noch zum Praktiker wird - woran soll man sich da noch reiben?

Fahrzeugschein
Hersteller: Porsche
Typ: Cayenne Turbo (2017)
Karosserie: SUV
Motor: V8-Turbobenziner-Direkteinspritzer
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 3.996 ccm
Leistung: 550 PS (405 kW)
Drehmoment: 770 Nm
Von 0 auf 100: 3,9 s
Höchstgeschw.: 286 km/h
Verbrauch (ECE): 11,7 Liter
CO2-Ausstoß: 267 g/km
Kofferraum: 770 Liter
umgebaut: 1.710 Liter
Gewicht: 2.175 kg
Maße: 4926 / 1983 / 1673
Preis: 138.850 EUR


insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
dborrmann 31.10.2017
1. 403,3 ppm CO2 in der Atmosphäre
Und dieses Auto stößt 267 gCO2/km aus. Dieses Auto ist einfach dissozial. Man kann sich sicher an der Ingenieurskunst erfreuen. Aber offensichtlich ist dieses Auto eindeutig nicht zeitgemäß. Kuschelkurs ist das nicht.
michelangelo$007 31.10.2017
2. Auto ist nicht gleich Auto
Der Bericht über den Hausfrauenporsche liest sich eigentlich ganz gut. Der 360 Grad Blick passt aber eher zu einem Model der Konkurrenz mit Sternchen, welcher sich sicher auch nur teuer erwerben lässt.
warum_nicht? 31.10.2017
3.
Der Klappenauspuff liesse sich doch sicher mit dem Navi koppeln, um zu verhindern, dass dieser in Ortschaften geöffnet werden kann. Damit wäre schon viel erreicht. Man stelle sich vor, welche Fahrleistungen erreichbar wären, wenn das Auto 1000 kg leichter und der Schwerpunkt 50 cm niedriger läge!
matthias@stuermer.net 31.10.2017
4. Porsche & Mercedes
Es ist schon klasse, wie weit die Konfigurationsmöglichkeiten der Automobilindustrie gehen, speziell im Raum Stuttgart. Ein Porsche Cayenne mit einem Multifunktionslenkrad von Mercedes. Wow.
glaskugelleser 31.10.2017
5. 2m weniger Bremsweg durch den Spoiler?
Hut ab. 2m. Reduktion nur durch die Verwirbelungen des Spoilers. Bei 250 km/h. Wie weit ist denn der Bremsweg? 150m? 200? Bitte den Spoiler umbenennen in "Verwirbler". Sonst würde ,bei voller Funktionsfähigkeit, die Vorderachse entlasten und bei einem Einsatz dessen sogar der Bremsweg verlängern.
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