Studie FLA aus Zuffenhausen Ein Porsche für die Ewigkeit

Die Automobilgeschichte ist voll von irren Studien, die begeisterten und doch verschwanden. SPIEGEL ONLINE zeigt diesmal: einen Porsche von 1973, der alle anderen Autos seiner Generation überleben sollte.

Porsche

Von Jürgen Pander


Damit hatte keiner gerechnet: Ein Ökomobil von Porsche, ein Auto für das gute Gewissen. Und doch zeigte Porsche auf der IAA 1973 in Frankfurt am Main genau so einen Wagen. Offiziell nannten die Zuffenhausener den zweitürigen Fünfsitzer im Kompaktwagenformat "Forschungsprojekt Langzeit-Auto" oder kurz FLA. Die Studie war so konzipiert, dass sie doppelt so lange nutzbar sein sollte wie ein Standardauto zu dieser Zeit - also mindestens 20 Jahre; die Technik war auf eine Laufleistung von mindestens 300.000 Kilometer ausgelegt. Ein Vernunftmobil vom Sportwagenhersteller - was war da los?

In den frühen Siebzigerjahren erlebte die Automobil-Skepsis einen ersten Höhepunkt. Die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland erreichte 1970 mit 21.332 Opfern einen traurigen Höchststand. Die Massenmotorisierung hatte Fahrt aufgenommen - und mit ihr die Kritik an den negativen Folgen. 1971 wurde gar die IAA kurzfristig abgesagt - "aufgrund der ungünstigen Wirtschaftsentwicklung in der Automobilindustrie", wie es heute auf der Website der Messe heißt. Und 1972 veröffentlichte der Club of Rome die vielbeachtete Studie "Die Grenzen des Wachstums" über den Raubbau an unserem Planeten. Das düstere Szenario beeindruckte offenbar auch einige Ingenieure in Zuffenhausen.

Ein Auto als Protest gegen die Wegwerfmentalität

"Sie bewegte nämlich die Erkenntnis, dass die Menschheit auf allen Gebieten einen Raubbau betreibt und über dem augenblicklichen Erfolg oder der augenblicklichen Annehmlichkeit die Zukunft völlig aus den Augen verliert", schrieb Ferry Porsche über diese Zeit in seiner 1978 erschienenen Autobiografie "Porsche. Ein Traum wird wahr". Die Idee, ein Auto zu konstruieren, das der Rohstoffvergeudung und der Wegwerfmentalität etwas entgegensetzt, lag also nahe.

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Schönes Ding: Porsche-Studie LFA: Rohstoff-Rettungs-Wagen

Und da stand es nun auf der IAA 1973: Mit einem luftgekühlten 2,5-Liter-Vierzylindermotor mit 75 PS Leistung (Maximaldrehzahl 4000 U/Min.), einem Drei-Gang-Automatik-Getriebe, extra große Lagern, beidseitig feuerverzinkten Karosserieblechen gegen Korrosion, kratzfesten Glasscheiben, silberbeschichteten Elektronikkontakten sowie einer wartungsfreien Batterie. Darüber hinaus legten die Porsche-Entwickler Wert darauf, dass die eingesetzten Materialien später zum größten Teil hätten wiederverwertet werden können, und dass sich Reparaturen so unaufwendig wie möglich erledigen ließen.

Feldforschung in der Warteschlange beim TÜV-Stuttgart

Vieles an dem Fahrzeug deutete darauf hin, dass sich die Ingenieure gründlich mit der Haltbarkeits- und Nachhaltigkeits-Thematik beschäftigt hatten - so der mit zwei Handgriffen austauschbare Kabelstrang des Fahrzeugs. Tatsächlich durften damals die Porsche-Leute - mit Erlaubnis des TÜV Stuttgart - tagelang Autos in der Warteschlange für die Hauptuntersuchung vorab unter die Lupe nehmen, um typische Schwachpunkte bei Fahrzeugen zu identifizieren. Auch diese Erkenntnisse flossen in die Konstruktion des Langzeitautos ein.

Bei der Vorstellung des FLA räumte Porsche ein, dass der Preis eines solchen Fahrzeugs etwa 30 Prozent höher sein würde als der eines vergleichbaren Pkw herkömmlicher Bauart. Allerdings würde sich die Nutzungsdauer um 100 Prozent verlängern. Ferry Porsche schrieb dazu 1978 im Rückblick: "Vielleicht werden wir bald die Erfahrung machen, dass der Preis nicht zu hoch ist, wenn wir dadurch verantwortlich mit unseren Rohstoffen umgehen können."

Bei Mercedes hielt man den Vorstoß für "ganz und gar illusorisch"

Das jedoch blieb Wunschdenken. Kaum war die Studie FLA vorgestellt, hagelte es Kritik. Wer wolle schon zwanzig Jahre lang das gleiche Auto fahren, wenn es doch jedes Jahr neue Fortschritte in der Automobiltechnik gebe, unkten etliche Journalisten. Mercedes-Manager bewerteten den Porsche-Denkanstoß als "ganz und gar illusorisch". Mit "rostbeständigen Alukarosserien ist man schon bei Panhard Pleite gegangen", hieß es bei VW lapidar mit Blick auf einen französischen Hersteller, der in den Sechzigerjahren scheiterte.

Ganz entmutigen ließ sich Porsche jedoch nicht. Drei Jahre später nämlich fand eine Idee des LFA den Weg in die Serienfertigung: Die Karosserie des Porsche 911 wurde ab 1976 aus beidseitig feuerverzinkten Blechen hergestellt - und es gab sechs Jahre Garantie gegen Durchrosten. Und das Langzeitauto erfreut sich noch heute bester technischer Gesundheit. Es gehört zur Fahrzeugsammlung des Porsche-Museums in Zuffenhausen.

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