Autogramm Porsche Taycan Ohne Sinn und rasant

761 PS, von null auf hundert in 2,8 Sekunden. Porsche bittet zur ersten Ausfahrt im Elektroauto Taycan. Die Jungfernfahrt ist allerdings weniger elektrisierend, als der Hersteller verspricht.

Porsche

Von Thomas Geiger


Der erste Eindruck: Lach doch mal! Die Lüftungsschlitze unter den LED-Scheinwerfern erwecken den Eindruck, als sei im Fahrzeuggesicht vom Weinen die Schminke verlaufen.

Das sagt der Hersteller: Alles neu und trotzdem beim Alten. Für Porsche-Chef Oliver Blume leistet der Taycan einen Spagat: Das erste echte Elektroauto der Marke sei der erste Porsche einer neuen Zeit, sagt er, und zugleich sei es ein typischer Porsche. Leidenschaftlich, leistungsstark und ungeheuer schnell.

Letzteres bewies das Auto bereits auf dem Nürburgring. "Eine Rundenzeit von 7:42 Minuten macht ihn zum schnellsten elektrischen Viertürer der Welt", jubiliert Taycan-Projektleiter Stefan Weckbach. Das eigentlich antiquierte Autoquartett-Gehabe zählt offenbar auch in der neuen Elektro-Welt. Prompt ließ sich Tesla-Chef Elon Musk anstacheln und schaffte ein Model S in die Eifel, um Porsche die Bestzeit wieder abzujagen. Das Ergebnis ist bis dato nicht bekannt.

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Autogramm Porsche Taycan: Elektrischer Überfluss

Porsche meldet, dass es für den Taycan bereits mehr als 30.000 Interessenten gebe. Und das bei einem durchaus sportlichen Preis. Zunächst beginnt der bei mehr als 150.000 Euro. Dafür gibt es allerhand Neuheiten: Das bislang einzigartige 800-Volt-Bordnetz, das bislang bei E-Autos konkurrenzlose Zweigang-Getriebe, das im ersten Gang extreme Beschleunigung erlaubt und im zweiten hohe Endgeschwindigkeiten, und die speziellen Wicklungen der Kupferspulen in den Motoren. Erstmals seien die Drähte nicht rund, sondern rechteckig, erläutert Weckbach. Sie werden zu Haarnadeln gebogen und an den Enden verschweißt. Das sei zwar komplex in der Fertigung, erlaube aber, die Drähte dichter zu packen und so mehr Kupfer auf die Spule und entsprechend mehr Leistung aus dem Motor zu bekommen.

Das ist uns aufgefallen: Zisch und weg - wer im neuen Taycan-Topmodell sitzt und unbedacht den Fuß aufs Fahrpedal stellt, erlebt eine Beschleunigung, die selbst der aktuelle 911 nicht bieten kann. Im "Overboost-Modus" leisten die beiden Motoren zusammen 560 kW, das entspricht 761 PS. Zugleich schlagen 1050 Nm Drehmoment zu und katapultieren den weit mehr als zwei Tonnen schweren Wagen in 2,8 Sekunden von 0 auf Tempo 100. Wer den Fuß stehen lässt, hat wenig später 260 km/h auf dem Tacho und fährt den allermeisten Konkurrenten locker davon. Das ist tatsächlich typisch Porsche, nur nicht ganz so emotional. Denn auch der - übrigens aufpreispflichtige - Soundgenerator, der Misstöne wegfiltert und angenehme Frequenzen verstärkt, kann den Klang eines Sechszylinder-Boxers nicht ersetzen.

Zwar fühlt sich der Taycan für den Fahrer dabei wirklich wie ein Sportwagen an, weil man wirklich direkt über der Straße zu sitzen scheint und nicht über einem riesigen Akkupaket. Der Schwerpunkt des Taycan liegt niedriger ist als bei einem 911 GT3, zudem macht die Hinterachslenkung das riesige Auto überraschend handlich. Wenn man dürfte, wie man wollte, könnte man wohl tatsächlich eine gewisse Seelenverwandtschaft mit dem 911 herausfühlen. Auf den Teststrecken durch Norwegen und Schweden bei maximal erlaubten 120 km/h wähnt man sich im Taycan fast wie in der luxuriösen und geräumigen Ausgabe des elektrischen Smarts. Denn schneller als Knirps ist der elektrische Protzporsche hier auch nicht unterwegs.

Zugleich erlebt man im Taycan den Aufbruch in eine neue Zeit. Nicht nur, weil der Antrieb bei aller Kraft so klanglos nüchtern rüberkommt, sondern weil Porsche das Innenleben des Autos komplett umgekrempelt hat. Der Startknopf ist zwar links vom Lenkrad und zwischen den einzelnen Fahrmodi wechselt man mit einem kleinen Drehrad am Volant. Doch sonst gibt es statt Tasten fast nur noch Touchscreens, aus dem Schaltknauf wird ein Stummel im Armaturenbrett und selbst der bislang stets in der Blickachse platzierte Drehzahlmesser ist Vergangenheit - willkommen im Raumschiff Taycan. Da wirkt es fast schon ironisch, dass Porsche auf Wunsch ein wenig Holzfurnier als Zierrat anbietet..

Einerseits ist Porsche mit dem Taycan im Angriffsmodus und will möglichst viele Neukunden erreichen - am liebsten natürlich von Tesla. Andererseits ist der Wagen ein extrem defensives Auto. "Wir haben den Taycan bewusst in eine Lücke unseres Portfolio platziert, um möglichst wenige eigene Kunden zu verlieren", sagt Weckbach.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Porsche Taycan - mit unserem 360-Grad-Foto:

Der 4,94 Meter lange Taycan sieht deshalb nicht nur aus wie eine Mittelding aus 911 und Panamera, er ist auch innen ein Kompromiss. Leider kein guter. Zumindest nicht für die Hinterbänkler. Während die Passagiere in der ersten Reihe bequemer sitzen als in den anderen Baureihen, geht es im Fond vergleichsweise eng zu. Die Füße sind dabei das geringste Problem, weil die Batterie im Wagenboden um sie herum einen Bogen macht ("Fußgaragen", sagt Weckbach). Aber für die Knie wird es schon enger, der Zustieg ist knapp und erfordert eine gewisse Gelenkigkeit, das Dach kommt dem Kopf ziemlich nahe und für eine Reiselimousine ist die Gepäckkapazität mit vorn 81 und hinten 366 Litern Volumen eher bescheiden. Zumindest dafür hat Porsche aber bald eine Lösung: Ende nächsten Jahres kommt der Taycan auch als Cross-Turismo. Der bietet ein bisschen mehr Bodenfreiheit, wird etwas rustikaler aussehen und im Fond mehr Kopffreiheit sowie mehr Kofferraumvolumen bieten.

Das muss man wissen: Während manche Exportmärkte den Taycan schon in diesen Tagen bekommen, müssen deutsche Kunden noch bis Anfang 2020 auf den elektrischen Erstling aus Zuffenhausen warten. Der Taycan wird am Stammsitz der Marke gefertigt, in einem neuen Werk, das während des laufenden Betriebs ins alte Stammwerk hinein gebaut wurde. Angeboten werden zunächst die Varianten mit der irritierenden Bezeichnung "Turbo" ab 152.136 Euro oder "Turbo S" ab 185.456 Euro. Die Grundleistung beider Motorisierungen ist mit 680 PS identisch, nur beim Overboost gibt es Unterschiede. Für den Turbo nennt Porsche 680 PS und einen Sprintwert von 3,0 Sekunden, beim Turbo S sind es die erwähnten 761 PS und 2,8 Sekunden.

Beide Autos nutzen zunächst auch die gleiche Batterie, die Porsche-Mann Weckbach den "Performance Akku Plus" nennt. Die Speicherkapazität liegt bei 93,4 kWh und reicht nach WLTP-Norm im Turbo für 450 und im Turbo S für 412 Kilometer. In der Praxis - und das ist neben dem dichten Ladenetz ein weiterer Vorteil einer Jungfernfahrt in Skandinavien - schafft man deutlich mehr als 300 Kilometer. Beim Nachladen bleibt der Taycan dem Anspruch treu und gehört ebenfalls zu den schnellsten. Dank der 800-Volt-Technik sind die Akkus im besten Fall binnen weniger als 25 Minuten von fünf auf 80 Prozent geladen.

Das werden wir nicht vergessen: Wie überentwickelt der Taycan ist. Das gilt für Spielereien wie die elektrisch öffnenden Ladeklappen oder die Lüfterdüsen, die man nur noch über den Touchscreen einstellen kann. Und das gilt im Großen für den Antrieb. Denn so faszinierend es ist, einen 2,3-Tonner in weniger als drei Sekunden von 0 auf 100 zu scheuchen, ohne Leistungseinbußen immer und immer wieder das Pedal durchzutreten oder Minuten lang die Höchstgeschwindigkeit von 260 km/h zu halten, so frustrierend ist es auch, dass man dieses Potenzial kaum abrufen kann. Denn weder bei der bei der Jungfernfahrt in Norwegen ist das erlaubt , noch in den USA oder China, wo die meisten Kunden erwartet werden. Auch in dieser Disziplin ist der Taycan ein typischer Porsche: sinnloser Überfluss.

Fahrzeugschein
Hersteller: Porsche
Typ: Taycan Turbo S
Karosserie: Limousine
Motor: zwei Elektromaschinen
Getriebe: Zweigang-Automatik
Antrieb: Allrad
Leistung (E-Motor): 761 PS (560 kW)
Drehmoment (E-Motor): 1050 Nm
Von 0 auf 100: 2,8 s
Höchstgeschw.: 260 km/h
Kofferraum: 442 Liter
Gewicht: 2.305 kg
Maße: 4963 / 1966 / 1381
Preis: 185.456 EUR

Thomas Geiger ist freier Autor und wurde bei seiner Recherche von Porsche unterstützt. Die Berichterstattung erfolgt davon unabhängig.



insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
ja-nuss 26.09.2019
1.
Hört sich beeindruckend an. si kann Elektromobilität auch gehen. Mal sehen ob dieses " 0 Emission Auto" der Ökofraktiion gefällt oder ob das SUV als Neidobjekt, durch dieses Elektromobil ersetzt wird.
baggi66 26.09.2019
2. Verbrauch???
Durchschnittsverbrauch von 23,25 kWh/100km ist sicher kein Meilenstein, oder warum wird dieser nicht besprochen? Ja die Leistung, aber ist dem Autor schon einmal aufgefallen, dass alle deutschen E-Autos einen Stromverbrauch haben von dem bei den Asiaten 2 Fahrzeuge die gleiche Stecke bewältigen? Vor allem weil ja in den Märkten, China etc. Nicht schneller als 120 km/h gefahren werden darf. Also, typisch deutsch: Am tatsächlichen Bedarf vorbei entwickelt.
strag 26.09.2019
3.
Ein Sportwagen mit 2.3Tonnen Gewicht. Sol das die Wende beim Auto sein? Gewicht wird immer weiter erhöht.. mit halben Panzern fährt man durch die Straßen um seine Körpergewicht von A nach B zu bewegen. Besonders ökologisch kommen mir die paar hundert kg schweren giftigen Akkus auch nicht vor.
c.PAF 26.09.2019
4.
"Erstmals seien die Drähte nicht rund, sondern rechteckig, erläutert Weckbach." Könnte evtl. stimmen, was die Verwendung in einem Eletromotor betrifft. Aber selbst das glaube ich nicht sondern halte es für Werbegeschwafel. Bereits vor rund 30 Jahren gabe es z.B. hochpreisige Lautsprecherboxen, die rechteckige Drähte verwendet haben. Und ich würde mich wundern, wenn rechteckige Drähte nicht auch schon bei Elektromotoren zum Einsatz kamen...
pennjamin 26.09.2019
5. Warum "wenig elektrisierend"?
Verstehe die Kritik nicht so ganz. Ist es jetzt schlecht, dass Porsche einen Porsche baut? Sinnloser Überfluss ist nunmal ihr Markenzeichen. Muss man nicht mögen, aber man muss das Auto ja auch nicht kaufen (oder Probe fahren). Und warum war die Testfahrt denn nun "wenig elekrisierend"? Weil er nicht authentisch röhrt wie ein 911 oder man sich an das norwegische Tempolimit halten musste? Weisst nicht, was Porsche da falsch gemacht haben sollte..... Boxer-Sound und weite Distanzen sollte man bei einem Stromer (momentan) auch noch nicht erwarten
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