Renault Captur Schauen und staunen

Renaults kleiner Crossover trifft sicher nicht den Massengeschmack. Gerade deshalb findet manch einer den Captur besonders charmant. Sein Erfolgsrezept ist ziemlich simpel: detailverliebte Kleinigkeiten.

Jürgen Pander

Je mehr unterschiedliche Autos man fährt, desto stärker fällt es auf: Die Ähnlichkeit der Fahrzeuge nimmt zu. Wirklich überraschende Details entdeckt man nur selten. Und dann kommt ein Typ wie der Renault Captur daher, und man denkt schon bei der ersten Begegnung: "Moment mal, der ist ja tatsächlich anders." Nicht in dem Sinn, dass der Wagen in irgendeiner Form außergewöhnlich oder gar revolutionär wäre; aber doch so, dass an vielen Kleinigkeiten ein Wille zum Unkonventionellen erkennbar wird. In der Summe ergibt sich dann der Eindruck, dass Renault mit dem Kleinwagen im SUV-Stil ein Auto gelungen ist, das neuen Schwung in das vor lauter Mainstream erstarrte Segment bringt.

Das funktioniert total simpel. Beispielsweise durch eine Zweifarblackierung, durch ein elf Liter großes Schubfach anstelle des Handschuhfachs, durch Interieurblenden in Orange, Blau, Grün, Beige oder Chrom, durch Hochglanzeinlagen am Lenkrad, schicke Einstiegsleisten oder eine ebenso schlicht wie originell gestaltete Klimabedieneinheit. Mit anderen Worten: Wenn man einsteigt, hat man erst einmal allerhand zu gucken und auszuprobieren. Mal ehrlich: In welchem Auto hatten Sie zuletzt das Bedürfnis, vor dem Losfahren ausgiebig zu schauen und zu staunen?

Etwa über die per Reißverschluss abnehmbaren und waschbaren Sitzbezüge, die eine feine und vor allem saubere Sache sind für Menschen, die Autofahren gern mit Eisschlecken oder Schokoriegelknabbern kombinieren. Natürlich gibt es auch diese "Zip-Collection"-Sitzbezüge in mehreren Farben und Mustern, und selbstverständlich kosten sie extra, nämlich 400 Euro. Das gilt auch für die meisten der bereits aufgezählten Details, die den Captur bunter und fröhlicher erscheinen lassen als andere Autos: Sie machen ihn zugleich auch teurer. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass es für den Captur-Einstiegspreis von 15.390 Euro ein ziemlich farbarmes Durchschnittsauto gibt.

Crossover nennt Renault den Captur und deutet damit an, dass die Kleinwagenkarosserie in Richtung SUV-Optik aufgebläht wurde. Dem Auftritt des Wagens tut das gut, er wirkt größer, als er ist, bietet aber dennoch ordentlich Platz im Innenraum. Weil sich die Rücksitzbank in Längsrichtung verstellen lässt, können im Fond auch Erwachsene bequem sitzen. Und bei Bedarf lässt sich das Kofferraumvolumen von 377 auf 455 Liter vergrößern; werden die Rücksitzlehnen umgeklappt, wächst die Ladekapazität auf maximal 1235 Liter.

Allradantrieb gibt es nicht, Doppelkupplungsgetriebe schon

Das technische Grundgerüst stammt vom Renault Clio, weswegen man auch nicht nach einem Allradantrieb fragen muss, der ohnehin albern wäre bei einem Auto dieses Zuschnitts. Als Motorisierungen bietet Renault zwei Benziner (90 und 120 PS) sowie einen 1,5-Liter-Turbodiesel mit 90 PS an. Mit letzterem war unser Testwagen bestückt, dazu mit dem neuen Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe ECD (Efficient Dual Clutch). Renault sagt, die neue Schaltbox sei um 15 Prozent effizienter als eine herkömmliche Automatik.

Dieselmaschine und Doppelkupplungsgetriebe bilden ein harmonisches Doppel, der Captur wirkt agil und kraftvoll, das Geräuschniveau ist okay, das Fahrverhalten insgesamt ausgewogen und frei von Auffälligkeiten. Erwartbar war, dass der von Renault mit 3,9 Liter angegebene Durchschnittsverbrauch im Alltagsbetrieb nicht erreicht wurde; das Testauto schluckte im Schnitt 4,8 Liter je 100 Kilometer - was für ein 1,3 Tonnen schweres Auto dieses Formats in Ordnung geht.

Renault gelingt es, mit dem Captur an das für die Marke schon stilbildende Anderssein anzuschließen, dass von Auto-Ikonen wie dem seligen R4, später vom Coupé Fuego oder von der ersten Modellgeneration des Twingo geprägt wurde. Ganz so außergewöhnlich wie die drei genannten ist der Captur sicher nicht, aber er verströmt zumindest die Idee davon, dass man ein durchdachtes Alltagsauto auch mal ein bisschen anders bauen kann als üblich.

Eine Fehlkonstruktion oder ein Ausdruck von Charme?

Am Mut zum Neuen mangelt es also nicht, wohl aber manchmal an dessen überzeugender Umsetzung. So schafften es mehrere Mitfahrer in unserem Testauto nicht auf Anhieb, das Schubfach vor dem Beifahrerplatz beim ersten Versuch zu öffnen. Nicht etwa, weil die Mechanik hakelig wäre, sondern weil die Entriegelungstaste, die dabei gedrückt werden muss, nicht dort angebracht ist, wo man sie erwartet: nämlich im Griff der Schublade.

Womöglich ist diese Art der Mäkelei jedoch Ausdruck einer falschen Einstellung. Denn wenn man auch bei Nichtigkeiten wie einer Schubladenverriegelung Perfektion fordert, führt das wohl zwangsläufig zu Autos, die allesamt wirken wie Klone eines makellos durchkonstruierten Standardmodells und damit: langweilig. Genau das aber sollte ein Auto nicht sein, wenn es dem Vorwurf entgehen will, nur eine weitere Variation des Immergleichen zu sein. Das jedenfalls gelingt dem Captur ganz gut.

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insgesamt 41 Beiträge
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auf den Punkt gebracht 02.05.2014
1. Beinahe gelungen,
Warum keine vernünftige Heckscheibe sondern einen Sehschlitz? Und warum wiegt so ein kleines Auto so viel ?
schredder66 02.05.2014
2. Der Clio...
...gefällt mir ganz gut, besonders die Kombiversion. Der aufgebockte Captur kommt zwar dezent daher, muss aber für mich nicht sein. Je geringer der Abstand zwischen Asphalt und Sitzfläche, desto grösser die Fahrfreude. Was mir (nicht nur) bei Renault fehlt: Ein "grosser" Turbodiesel mit entsprechender Leistung / Kraft. Den 2.0-Liter gibt es beim Clio nicht, und beim nächsten Megane soll er durch einer 1.6-Liter abgelöst werden - der in der Topversion 160 PS leisten soll (5 PS weniger als der noch aktuelle 2.0-Liter). Dass ich das Downsizing unsinnig finde, muss ich nicht weiter ausführen. Dass das aber auch beim Diesel immer mehr in Mode kommt, ist traurig. Ausser Mazda und den deutschen Herstellern geht der Trend zu viel Leistung aus weniger Arbeitsvolumen. Dabei ist der Diesel für mich als vielfahrender Selbstzahler, der einzig vernünftige Verbrennungsmotor. Mal sehen, ob Mazda vom 2.2-Skyactive-Diesel auch noch eine stärkere Version (ca. 170 - 180 PS) nachschiebt. Falls ja: Auf (nie mehr) Wiedersehen, Niedersachsen-Konzern.
RogerT 02.05.2014
3. Die Scheiben der Autos
Zitat von auf den Punkt gebrachtWarum keine vernünftige Heckscheibe sondern einen Sehschlitz? Und warum wiegt so ein kleines Auto so viel ?
Die Scheiben der Autos werden allgemein immer kleiner; das hat den Grund weil Glas sehr schwer ist und man will ja Sprit sparen. Warum der kleine Renault trotzdem noch so schwer ist? Naja, man kann als Hersteller alles nach dem Gesichtspunkt des Gewichts bei den Zulieferern bestellen (leichtere Sitze, leichtere Nebenaggregate etc.) - dann wird das Auto aber für seine Klasse viel zu teuer...
Illya_Kuryakin 02.05.2014
4. optional
Wirklich neu? Verfolgt FIAT mit dem 500L nicht ein ganz ähnliches Konzept? Haste keine Ideen? Klau dir welche!
RealMJtm 02.05.2014
5. Schauen und Staunen!?
Irgendwie trifft es die Überschrift des Artikel sehr genau. Geschaut habe ich nicht schlecht bei den extrem offensichtlichen Verarbeitungsmängel dieses Fahrzeugs! Aber auch staunen kommt mann im 120PS Modell, da der kleine Hubraum des Fahrzeugs und der damit verbundene Mangel an Drehmoment dem Fahrer unmissverständlich zu verstehen geben "bitte nur in der Stadt fahren"! Leider bekommt mann bei genauerem hinschauen sehr den Eindruck das der Captur nur ein Dacia mit Renault-Logo ist. Einzig der Preis ist bei den häufig auftretenden Wahnvorstellungen der Autobau im akzeptablem Bereich.
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