Renault Clio Klein war früher mal

Kleinwagen ist längst das falsche Wort, allein - man hat noch keinen passenden Ausdruck gefunden für die ehemaligen Basismobile, die sich heute als ausgewachsene und komfortable Autos präsentieren. Die neue Spitze markiert jetzt der Renault Clio.

Von Stefan Anker


Renault Clio: In neuer Größe ab 7. Oktober am Start

Renault Clio: In neuer Größe ab 7. Oktober am Start

Nur knapp verfehlt der jüngste Franzose die Vier-Meter-Marke in der Gesamtlänge. Doch ist dieses Maß mehr eine Gestaltungsfrage - die Ingenieurleistung bei kleineren Wagen liegt im sogenannten Packaging, dem Verteilen des verfügbaren Raumes. Und hierfür ist eine andere Zahl entscheidend: Beim neuen Clio liegen 2,58 Meter Abstand zwischen den Achsen, das ist fast so viel wie beim deutlich größeren VW Golf und mithin die neue Messlatte in der Kleinwagenklasse. Der riesige Radstand des Clio sorgt für ein großzügiges Raumgefühl auf allen Plätzen. Zwar wird der Längen-, Höhen- und Breitenzuwachs im Innenraum nur mit je zirka drei Zentimetern angegeben. Doch dieses unscheinbare Plus macht auf der Rückbank den Unterschied zwischen Kopfeinziehen oder nicht, und der Kniewinkel im neuen Clio ist auch viel entspannter als zuvor.

Wer mit der Neuanschaffung eines Kleinwagens liebäugelt, kann demnächst beim Renault-Händler in beiden Modellen Probe sitzen - der alte Clio wird zum besonders günstigen Kurs von 8950 Euro für das 60-PS-Modell weiter angeboten. Für Alleinfahrer mag sich das lohnen, allen anderen ist der Neue zu empfehlen, auch wenn er mit Preisen ab 10.950 Euro spürbar teurer ist. Angetrieben wird der Basis-Clio von einem 1,2-Liter-Benziner mit 65 PS, den es für 300 Euro mehr auch in einer 75-PS-Variante gibt. Beide Maschinen sind solide und vor allem leise Vertreter ihrer Art, doch absolut indiskutabel, wenn man kurz zuvor mit dem neuen 86-PS-Diesel gefahren ist.

Clio-Heck: Ein ausgewachsener Kleinwagen, der fast schon Golf-Format hat

Clio-Heck: Ein ausgewachsener Kleinwagen, der fast schon Golf-Format hat

Dieser 1,5-Liter-Motor, den es auch noch mit 68 oder 106 PS gibt, passt am besten zum Gesamteindruck eines Kleinwagens, der mit mehr als einem Auge in die nächsthöhere Fahrzeugklasse schielt. Neben der heute schon dieseltypischen Behändigkeit ist vor allem die äußerst zurückhaltende Geräuschentwicklung der Maschine hervorzuheben. Hier hilft ihr allerdings das gesamte Clio-Konzept: Von den 130 Kilogramm Mehrgewicht gegenüber dem Vorgängermodell entfallen 20 Prozent, also 26 Kilogramm, auf Maßnahmen der Geräuschdämmung.

Nur mit sieben Prozent schlägt in dieser Bilanz der Größenzuwachs zu Buche, 24 Prozent habe man in die Qualität und 49 Prozent in die Sicherheit des Autos gesteckt. Für die Konkurrenz am erschütterndsten mag allerdings eine ganz andere Zahl klingen: Der ganze Wagen, so sagt es Renault-Sprecher Jean-Nicolas Mallard, sei in nur 28 Monaten entwickelt worden - beim Vorgänger habe man noch 49 Monate gebraucht.

Fahrzeugschein
Hersteller: Renault
Typ: Clio
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Vierzylinder-Diesel
Hubraum: 1.461 ccm
Leistung: 86 PS (63 kW)
Drehmoment: 200 Nm
Von 0 auf 100: 12,7 s
Höchstgeschw.: 174 km/h
Verbrauch (ECE): 4,4 Liter
CO2-Ausstoß: 117 g/km
Kraftstoff: Diesel
Kofferraum: 288 Liter
umgebaut: 1.028 Liter
Versicherung: 16 (HP) / 21 (TK) / 16 (VK)
Preis: 13.850 EUR
Trotzdem, ein Schnellschuss ist der neue Clio nicht. Er zeigt gerade in den höheren Ausstattungsvarianten ab "Dynamique" eine Qualitätsanmutung, die den meisten Konkurrenten überlegen ist, und er liegt sauber und sehr komfortabel auf der Straße; der lange Radstand hilft auch in der Komfortwertung ungemein. Leider nimmt die indifferente Auslegung der elektrischen Servolenkung dem Clio einiges von seiner Agilität, das ficht die Renault-Truppe aber nicht an. Reinhard Zirpel, Vorstand Öffentlichkeitsarbeit der Renault Nissan Deutschland AG, sagt dazu: "Die elektrische Servolenkung trifft gelegentlich in Journalistenkreisen auf Kritik, bei unseren Kunden jedoch nicht. Wir haben uns entschieden, hier der Mehrheit der Kunden zu folgen."

Clio-Cockpit: Weiche Lenkung, doch die Kundschaft mag es so

Clio-Cockpit: Weiche Lenkung, doch die Kundschaft mag es so

So kann sprechen, wer sich seiner Sache sicher ist. Mit bis zu 50.000 jährlichen Clio-Verkäufen rechnet die Organisation in Deutschland, und der hohe Standard der Sicherheitstechnik dürfte diese ehrgeizigen Ziele unterstützen. Gerade erhielt der Clio die 5-Sterne-Wertung im Euro-NCAP-Crashtest, serienmäßig hat jedes Modell ABS plus Bremsassistent, bis zu acht Airbags und zusätzlich eine beim Unfall nach vorn entschwindende Pedalerie. Clios mit mehr als 100 PS haben standardmäßig ESP an Bord, für die anderen Modelle kostet es je 500 Euro Aufpreis.

Einziger Fauxpas in der Ausstattungsliste: Für die Basisversion Authentique gibt es keine geteilt umklappbare Rückbank - wer die braucht, muss mindestens einen Clio Expression fahren (plus 600 Euro). Das dürfte den Erfolg des großen Kleinen jedoch nicht gefährden, zumal die noch höhere Version "Dynamique" (plus weitere 500 Euro, inklusive Nebelscheinwerfer, Cockpit aus Softkunststoff) ohnehin als meistverkaufte Variante kalkuliert wird.

Sorgen macht Renault in Deutschland dagegen der Verkauf des Mégane. Während Cabrio, Kombi und der Kompaktvan Scénic gut laufen, können sich die deutschen Kunden offenbar mit der eigenwilligen Heckgestaltung der drei- und fünftürigen Version nicht abfinden. Europaweit sei der Mégane aber das erfolgreichste Modell in der Golf-Klasse.

Eine andere Erfolgsstory scheint dagegen ins Stocken zu geraten: Der Nachfolger des seit 1993 gebauten Twingo soll nun nicht wie geplant 2006 auf den Markt kommen und wurde um wenigstens ein Jahr verschoben. Ein Grund dürfte sein, dass Renault mit den Modellen Clio, Clio 2 (der Vorgänger) und Modus im Kleinwagensektor gut aufgestellt ist und den neuen Twingo kaum noch zu Gewinn bringenden Preisen verkaufen könnte - da es den alten Clio nach wie vor für 9600 Euro gibt, dürfte der neue Twingo nicht mehr als 8500 Euro kosten. Ein Renault-Manager: "Da muss man überlegen - was tut man in den Twingo noch rein? Jede Neuentwicklung ist für die Marge Gift."



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