Renault Fluence Kleine Limousine mit großem Schlund

Rentnerauto, Rucksackmodell, Spießerkutsche - kleinere Limousinen haben in Deutschland inzwischen ein trauriges Image. Renault probiert es dennoch aufs Neue mit einem solchen Modell und fährt die Stufenheckvariante der Mégane-Baureihe vor - ein Auto namens Fluence.

Jürgen Mainx

Wenn kleine Kinder Autos malen, sehen die meist gleich aus: Vorne flache Haube, in der Mitte hoch, hinten wieder flach. Ein klassisches Stufenheck also. Je älter und größer die Kinder werden, desto mehr verändert sich auch ihre Vorstellung vom Auto. Sie träumen von einem Cabrio oder einem schnittigen Sportwagen. Oder sie favorisieren einen praktischen Fünftürer. In diese Kategorie fallen alle Karosserietypen, die derzeit in Deutschland boomen: Klein- und Kompaktwagen, SUVs und Vans oder Kombis.

Die Bauart mit steilem Heck bietet gleich mehrere Vorteile: Das Auto kann bei gleichem Platzangebot etwas kürzer werden, größere Fracht lässt sich bequemer ein- und ausladen und der Gepäckraum lässt sich mit wenigen Handgriffen auch noch vergrößern. Doch nicht überall gefällt dieses Muster: Im Osten und im Süden Europas oder auch in den USA schwört das Gros der Autokäufer auf einen klassischen Kofferraum, in dem das Gepäck sicher verschlossen und blickdicht verborgen ist. Für Autohersteller bedeutet das: Die Limousinen-Form ist unverzichtbar für den Erfolg auf dem Weltmarkt, also wird sie auch gebaut.

Erst im Juni stellte VW die Stufenheck-Variante des Golf vor, den neuen Jetta. Renault folgt nun mit dem Modell Fluence. Der Viertürer mit dem fließend-eleganten Namen und dem hausbackenen Design gehört technisch in die Mégane-Familie, doch wie auch bei Volkswagen soll der komplett andere Name signalisieren, dass völlig andere Käuferkreise mit einem ideell anderen Auto angesprochen werden sollen.

Der Fluence wird, wie der Kombi Mégane Grandtour, in der Türkei gebaut, beide Autos verfügen über die gleiche Plattform und den gleichen Radstand. Weitere Komponenten stammen aus der Limousine SM3, die in Korea bei der Konzernschwester Samsung gebaut wird.

Reichlich Platz, riesiger Kofferraum - und ein fehlender Griff

Bei der ersten Sitzprobe beeindruckt der Fluence vor allem durch das Raumgefühl. Mit 4,61 Metern Länge bietet die Limousine genügend Bewegungsfreiheit auf allen Plätzen. Vorne rechts kann man gemütlich lümmeln, und hinten immer noch ordentlich sitzen. Aber der Clou ist der Kofferraum: Er fasst 530 Liter und bietet damit ungefähr den gleichen Stauraum wie eine Mercedes E-Klasse (540 Liter). Das Ladevolumen lässt sich durch Umklappen der Rücksitzlehnen noch erweitern, allerdings fehlt ein Griff zum Schließen der Heckklappe.

Eindrucksvoll ist nicht nur der Blick in die Tiefen des Kofferraums, sondern auch auf die Preisliste: Dort startet der Fluence - immer bestückt mit sechs Airbags, ESP und Klimaanlage - bei 17.950 Euro. Auch wenn er nicht so schmuck und schwungvoll wirkt wie der Mégane, ist er damit 400 Euro günstiger als der vergleichbare Fünftürer und kostet 1400 Euro weniger als die Kombiversion. Das macht den Wagen zumindest für konservative Knauser zur ersten Wahl.

Der Fluence soll 2011 mit Elektroantrieb auf den Markt kommen

Im nächsten Jahr soll der Stufenheck-Wagen gar zum Technologieträger werden und als erste Limousine von Renault mit reinem Elektroantrieb verfügbar sein. Bis es soweit ist, gibt es unter der Haube biedere Aggregate. Zur Wahl stehen zwei Dieselmotoren mit 1,5 Liter Hubraum und 90 oder 106 PS sowie zwei Benziner, die aus 1,6 Litern Hubraum 110 und aus 2,0 Litern 140 PS schöpfen. Dabei gibt Renault für das sparsamste Modell einen Durchschnittsverbrauch von 4,4 und für die durstigste Variante von 7,9 Litern an.

Wir haben das Basismodell mit Ottomotor ausprobiert und den Fluence als schlichten aber soliden Weggefährten erlebt. Natürlich ist ein Drehmoment von 157 Nm eher bescheiden, und die 11,7 Sekunden bis Tempo 100 können schon mal zur Geduldsprobe werden. Aber wer ein rasantes Auto fahren will, kauft in dieser Klasse ohnehin keine Limousine. Die Stärken des Fluence sind eine komfortable Abstimmung, und wenn er erst einmal in Schwung ist, gleitet man mit dem Wagen entspannt im Verkehr mit. Das Spitzentempo liegt übrigens bei 185 km/h. Was allerdings stört, ist der fehlende sechste Gang im Schaltgetriebe des Basismodells.

Renault bietet in jeder Klasse eine Stufenheck-Variante an

Im Angebot von Renault ist der Fluence nicht die einzige Limousine. Die französische Marke verfolgt einen strengen Stufenplan und baut mittlerweile in jeder Klasse ein Modell mit Extra-Kofferraum. Wobei die Limousinen-Variante des Kleinwagens Clio ausschließlich in Osteuropa, Afrika und Südamerika verkauft wird. Das Mittelklasse-Modell Laguna gibt es jedoch auch hierzulande als Viertürer, und demnächst soll mit dem Modell Latitude sogar wieder eine Oberklasse-Limousine an den Start gehen.

Während Renault also das Modellprogramm buchstäblich abstuft, macht der Konzern bei der rumänischen Marke Dacia genau das Gegenteil. So wurde in Deutschland vor wenigen Wochen still und nahezu unbemerkt der Verkauf der Limousine Logan eingestellt. Zwar war das Auto hierzulande mal ein echter Bestseller, doch seit mit Dacia-Typen wie dem Kombi MPV, dem Kompaktwagen Sandero oder dem Geländeauto Duster auch modernere Karosserieformen im Angebot sind, interessierte sich kaum ein Kunde mehr für den kantigen Viertürer: Nach nur 109 Zulassungen von Januar bis Mai war kürzlich Schluss mit Stufe.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Armenspeisung 26.08.2010
1. Verwundert nicht
Zitat von sysopRentnerauto, Rucksackmodell, Spießerkutsche - kleinere Limousinen haben in Deutschland inzwischen ein trauriges Image. Renault probiert es dennoch aufs Neue mit einem solchen Modell und fährt die Stufenheckvariante der Mégane-Baureihe vor - ein Auto namens Fluence. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,713490,00.html
Das verwundert nicht, denn was Autofahrer wollen, ist Platz, Platz, Platz. Und zwar IM Auto. Daher werden auch so viele Kombis und Vans verkauft. Als junger Autofahrer mag man sich mit einer kuscheligen Hasenkiste auf vier Rädern (aber nie ohne Spoiler!) bescheiden - 20 Jahre später sieht's ganz anders aus. Ich beispielsweise hasse es, mit einem Beifahrer eng aneinander zu sitzen. Ein breites US-Fahrzeug ist durch nichts zu ersetzen.
FoxhoundBM 26.08.2010
2. Ohje
Es ist eigentlich schon Trend geworden - leider auch in meiner Familie - das man sich, sobald die Wänster da sind, einen Kombi oder Minivan kauft. Eine gescheite Mittelklasselimousine ist ja hierzulande als Rentnerauto verpönt, deswegen greift der trendige Familienvater zum Kombi. Schließlich muss ja das rappelnde Plastespielzeug - an dessen Entsorgung noch zehn Generationen ihre Freude haben werden - auch noch mit. Ich krieg immer Depressionen wenn ich das sehe: Hinterm Steuer ein Kerl um die 50 mit Dreitagebart und Bierplautze, daneben Frauchen (oder auch Tonne) mit Rettungsringen, Mopp-Frisur und einem Gesicht wie 30 Kilometer tschechischer Feldweg und auf dem Rücksitz die plärrenden missratenen Fortpflanzungsversuche (die sich auch mal mehr vom Leben erhofft haben) mit nem Eis in der Faust, das auf die Rücksitze tropft ... Jedenfalls ist das so das Bild, das sich einem bietet, wenn im Sommerferien-Stau auf der Autobahn ein Skoda Kombi neben einem steht. Noch witziger sind die Vertreter-Kombis: die transportieren nur den Fahrer mit Aktentasche. Wie sieht's denn in Übersee aus? Dort haben die Family-Sedan's einen recht hohen Marktanteil. Wenn die Amis das Gepäck reinkriegen, wieso brauchen wir dafür einen Kombi? Nebenbei, was wirkt denn schnittiger? Eine Limo mit schickem Stufenheck oder ein Kombi mit ALDI-Tüten im Kofferraum? Wenn man sich beim Bepacken ein bissel schlau anstellt passt bei beiden 'ne ganze Menge rein ...
900 26.08.2010
3. wieso "dennoch"?
Zitat von sysopRentnerauto, Rucksackmodell, Spießerkutsche - kleinere Limousinen haben in Deutschland inzwischen ein trauriges Image. Renault probiert es dennoch aufs Neue mit einem solchen Modell und fährt die Stufenheckvariante der Mégane-Baureihe vor - ein Auto namens Fluence. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,713490,00.html
Wegen der Anzahl Rentner wäre es doch so richtig:
tmaibaum 26.08.2010
4. Ab 13:15 wird zurückgetrollt. ;)
Zitat von FoxhoundBMEs ist eigentlich schon Trend geworden - leider auch in meiner Familie - das man sich, sobald die Wänster da sind, einen Kombi oder Minivan kauft. Eine gescheite Mittelklasselimousine ist ja hierzulande als Rentnerauto verpönt, deswegen greift der trendige Familienvater zum Kombi. Schließlich muss ja das rappelnde Plastespielzeug - an dessen Entsorgung noch zehn Generationen ihre Freude haben werden - auch noch mit. Ich krieg immer Depressionen wenn ich das sehe: Hinterm Steuer ein Kerl um die 50 mit Dreitagebart und Bierplautze, daneben Frauchen (oder auch Tonne) mit Rettungsringen, Mopp-Frisur und einem Gesicht wie 30 Kilometer tschechischer Feldweg und auf dem Rücksitz die plärrenden missratenen Fortpflanzungsversuche (die sich auch mal mehr vom Leben erhofft haben) mit nem Eis in der Faust, das auf die Rücksitze tropft ... Jedenfalls ist das so das Bild, das sich einem bietet, wenn im Sommerferien-Stau auf der Autobahn ein Skoda Kombi neben einem steht. Noch witziger sind die Vertreter-Kombis: die transportieren nur den Fahrer mit Aktentasche. Wie sieht's denn in Übersee aus? Dort haben die Family-Sedan's einen recht hohen Marktanteil. Wenn die Amis das Gepäck reinkriegen, wieso brauchen wir dafür einen Kombi? Nebenbei, was wirkt denn schnittiger? Eine Limo mit schickem Stufenheck oder ein Kombi mit ALDI-Tüten im Kofferraum? Wenn man sich beim Bepacken ein bissel schlau anstellt passt bei beiden 'ne ganze Menge rein ...
Na ja, dieses ästhetische Problem ist wohl vorwiegend in Regionen beheimatet, in denen die Kinder mit Plaste- statt Plastiksachen spielen... Mag sein, aber wäre der Anblick wirklich erfreulicher, wenn sich die Szene in einem Stufenheckmodell abspielen würde? Ist alles relativ. Ich frage mich da immer, wofür die Amis riesige SUV und Pickups brauchen, wenn man hierzulande nur einen Kombi braucht. "schnittig" finde ich per se weder Kombi- noch Stufenheck-Modelle. Obwohl die meisten heutigen Mittelklasse-Kombis doch schon "schnittiger" wirken als z.B. ein Dacia Logan mit Stufenheck... Wer aber regelmäßig viele ALDI-Tüten transportieren will, verzichtet vielleicht bewusst auf die Illusion von "Schnittigkeit". Und wer lieber Stufenheck fährt, nur damit man die ALDI-Tüten nicht sieht, hat ein ganz anderes Problem. Stimmt schon. Gerade in kleinräumige "Plaste"-Autos mit Stufenheck passte früher wohl der gesamte Bedarf einer Familie für drei Wochen Plattensee... Zur Not nahm man dann noch einen überaus schnittigen Dachgepäckträger mit Anhänger. Diese bewunderswerte Packfertigkeit muss wohl irgendwann verloren gegangen sein.
KobiDror 26.08.2010
5. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Die Bildunterschrift beim letzten Foto kann ich nicht teilen. Ich habe den Fluence heute live gesehen und hatte einen Aha-Effekt. Der Wagen ist wirklich ein Hingucker, zumal Limousinen nicht deutscher Herstellung selten geworden sind. Aber selbst in der Top Ausstattung mit dem stärkeren Benziner ist ein Preis von 22-23k € für so ein Auto akzeptabel. Ich bin gespannt darauf, was das Elektrofahrzeug zu bieten hat.
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