Renault Latitude Kommando Größenwahn

Große Limousinen aus Frankreich bleiben in Deutschland Exoten. Auch Renault weiß das, dennoch bietet die Marke mal wieder ein neuen Wagen in diesem Segment an, das Modell Latitude. Viel mehr als den Seltenheits-Status hat das Fünf-Meter-Auto allerdings nicht zu bieten.


Exklusivität ist etwas, für das Autokunden durchaus tief in die Tasche greifen. Sonst gäbe es Marken wie Jaguar, Lexus oder Maserati nicht. Doch es ist gar nicht nötig, 49.900 Euro für einen Jaguar XF, 60.000 Euro für einen Lexus GS oder gar mehr als 100.000 Euro für einen Maserati Quattroporte hinzublättern, wenn das Auto auf dem Parkplatz auffallen soll. Das geht schon viel billiger - zum Beispiel mit einem Renault Latitude. Der Wagen ist das neue Flaggschiff der französischen Marke. Das Auto basiert auf dem Modell SM5 der koreanischen Konzerntochter Samsung, wird in Fernost montiert und zählt zu den seltensten Autos hierzulande: lediglich 51 neu zugelassene Exemplare registrierte das Kraftfahrtbundesamt im ersten Quartal 2011.

Viel mehr als diese Art von Exklusivität hat der Wagen allerdings auch nicht zu bieten. Das Vorgängermodell Vel Satis war zwar auch kommerziell erfolglos, ging jedoch aufgrund seines Karosseriekonzepts und des schrulligen Designs als Charaktertyp durch. Der Latitude hingegen ist eine brave Stufenhecklimousine von 4,9 Meter Länge, die von vorne schlicht, von der Seite langweilig und von hinten pummelig aussieht. Kein Vergleich zum extravaganten Citroën C6 oder dem neuen Peugeot 508 und erst recht nicht zu den deutlich teureren Modellen von Mercedes (E-Klasse), BMW (5er) oder Audi (A6), denen der Renault ja eigentlich die Kunden abjagen soll.

Auch innen ist der Franzose vergleichsweise schlicht eingerichtet. Natürlich gibt es jede Menge Leder, Chrom und Klavierlack, doch unter der Oberfläche spürt man schnell die einfache Machart. Kunststoffe und Hochglanzlenkrad wirken nur auf den ersten Blick und bei richtiger Beleuchtung edel. Den feudalen Sitzen mangelt es an Seitenhalt und der Mittelkonsole darf man mit den Knien nicht zu nahe kommen. Sie verwindet sich leicht und knarzt. Man fragt sich unwillkürlich, wie das Ambiente wohl in einigen Jahren aussieht.

Das Auto bietet viel Platz - und viele Mängel im Detail

Dennoch ist nicht alles schlecht am Latitude. Die Platzverhältnisse zum Beispiel sind bei 2,67 Metern Radstand großartig. Selbst wenn man den Vordersitz ganz nach hinten surren lässt, können auf der Rückbank noch immer zwei Erwachsene bequem Platz nehmen. Und 477 Liter Kofferraumvolumen sind auch völlig ausreichend.

Angeboten wird der Latitude mit einem 241 PS starken V6-Diesel und zwei 2,0-Liter-Vierzylinder-Motoren; der Benziner des Duos kommt auf 140, der von uns gefahrene Diesel auf 173 PS. Dazu gibt es ein maximales Drehmoment von 360 Nm, das den Wagen eigentlich flott in Fahrt bringen sollte. Doch im Zusammenspiel mit der sechsstufigen Automatik bleibt von der Kraft nicht mehr viel übrig. Der unangenehme Nebeneffekt der kargen Motorisierung: Man gibt viel zu oft viel zu viel Gas. Der Normverbrauch von 6,5 Liter gerät daher zu rein theoretischen Größe, realistisch sind eher mindestens 9 Liter Verbrauch.

Was dem Latitude neben etwas mehr Kraft noch fehlt zum Dauerläufer, das ist eine gewisse Gelassenheit. Offenbar sind die Zeiten vorbei, in denen man in einem großen Renault komfortabel auf Reisen ging und selbst über die schlechtesten Straßen nahezu hinweg schwebte. Jetzt lenkt sich die große Limousine zwar viel präziser und bestimmter als frühere Renaults, aber dafür ist das Fahrwerk so stramm justiert, dass man nahezu jeden Kanaldeckel spürt.

Die Luft duftet nach Green Tea

Das Beste am Latitude ist daher die Ausstattung. Die reicht vom Parfumspender - wahlweise wird der Innenraum mit den Düften Red Berries oder Green Tea bestäubt - über beheizbare Sitze mit Massagefunktion bis hin zu Xenonleuchten, die in Kurven mitschwenken. Außerdem serienmäßig an Bord sind eine elektrische Parkbremse, eine Startautomatik per Chipkarte, ein Navigationssystem. und ein Tempomat. Eine Abstandsregelung sowie Assistenzsysteme zur Überwachung des toten Winkels oder für den Spurwechsel sind hingegen weder für Geld noch gute Worte zu bekommen.

Renault Deutschland hat offenbar vorausgesehen, dass der Latitude nicht zum Bestseller taugt. Deshalb, so hört man aus dem Vertrieb, hat sich der Importeur recht intensiv gegen das neue Auto gewehrt. Doch offenbar ist die Sache eine Herzensangelegenheit von Renault-Chef Carlos Ghosn.

Einen Teilerfolg konnten die Deutschen aber doch verbuchen: Damit die Preise nicht erodieren und die Kunden später nicht auf unverkäuflichen Gebrauchten sitzenbleiben, wird das Auto zu Raten ab 399 Euro im Monat offiziell nur im Leasing angeboten. Allerdings findet man im Internet auch Kaufpreise; der von uns gefahrene Vierzylinder-Diesel etwa kostet 31.590 Euro.

Für das Geld, dass muss man den Franzosen lassen, kriegt man bei VW nicht einmal einen Golf mit vergleichbarer Ausstattung.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
artbond 12.05.2011
1.
da in diesem Segment der Dienstwagenanteil bei über 90% liegen dürfte und die meisten Firmen nur deutsche Fabrikate leasen hat weder Renault noch sonst ein Importeur eine Chance Fuß zu fassen.
der.letzte.dodo 12.05.2011
2. Renault Latitude
In Bezug auf das Preis-Leistungsverhältnis ein absolutes Top-Auto
1895olé 12.05.2011
3. Schade ...
Eine große, französische Limousine für knapp über TEUR 30'? Das wär doch 'mal was. Wenn die Abstimmung aber selbst einem Autotester zu "stramm" ist, dann hat sich das Thema wirklich schnell erledigt, denn schließlich ist die weiche Abstimmung doch DAS Argument für einen großen Franzosen. Renault muss so ein Auto natürlich im Programm haben, denn schließlich dürfen in den Nachrichtensendungen der grande nation nicht immer nur Politiker in PSA-Autos durch die Gegend flitzen. Und die Zielgruppe in Deutschland erschließt sich aus der nicht vorhandenen Preisgestaltung: Flottenkunden, deren Muttergesellschaften in Frankreich sitzen und die deshalb in Ihre Fuhrparkordnung auch französische Fabrikate aufnehmen müssen. Mal sehen, ob das für dreistellige Zulassungszahlen in D reicht ...
RaMaDa 12.05.2011
4. Präsidentenkutsche
Dann wird halt die französische Regierung mit dem guten Stück ausgstattet und alle sind froh.
tonitornado 12.05.2011
5. nie wieder Renault
nach den Megaflops Laguna-Espace-Vel Satis usw. baut jetzt Samsung die gehobene Mittelklasse zusammen. Es kann ja nur besser werden. Nach eigener Erfahrung kann ich nur jedem von so einem Kampfangebot abraten. Die Renault Werkstätten sind unfähig die Motoren zu warten bzw. zu reparieren. Den günstigen Kaufpreis bezahlt man später wieder durch horrende Reparaturkosten. Mein Laguna 2.2 dci war ein riesiges Geldgrab. Deshalb nie wieder Renault!
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