Renault Mégane Schicki-Micki adieu

Gestartet als braver Kompaktwagen, wurde der Renault Mégane in der zweiten Auflage zum eigenwillig-exzentrischen Design-Auto umgemodelt. Jetzt heißt es: Kommando zurück. Die neue, dritte Generation des Volumenmodells will wieder mit klassischen Pkw-Tugenden überzeugen.


"Wie war die Fahrt?" Jacques Rivoal, Vorstandschef der Renault Deutschland AG, der normalerweise Fragen von Journalisten beantworten muss, schlüpft diesmal selbst in die Rolle des Fragestellers. Sobald ein Auto auf den Parkplatz rollt, erkundigt er sich bei der Besatzung nach den Fahreindrücken. Denn wie sich der neue Renault Mégane fahren lässt, ist auch ein kleines bisschen auf Rivoals Rolle bei der Entwicklung des Wagens zurückzuführen. "Ich wollte eine deutsche Lenkung", sagt der Manager, "dafür habe ich wirklich gekämpft."

Zufrieden nimmt Monsieur Rivoal daher zur Kenntnis, dass sich die meisten Autotester einig sind: Im Vergleich zur bisher indifferenten Lenkung des Renault Mégane vermittelt das Volant des neuen Modells einen spürbar handlicheren, präziseren, griffigeren Eindruck. Dem Standard-Lamento über französische Autos, sie seien zu weich und schwammig abgestimmt, fährt der neue Mégane angenehm kommod und ausreichend straff einfach davon.

Damit ist schon ein wesentlicher Unterschied des Wagens, der ab 28. November bei den deutschen Renault-Händlern stehen wird, zu den deutschen Konkurrenzmodellen wie VW Golf, Opel Astra und Ford Focus genannt: Der Mégane ist endlich mal kein penetrant auf Sportlichkeit getrimmtes Alltagsauto, sondern ein komfortabler Allrounder, der sich bei Bedarf auch spritzig bewegen lässt.

Was fällt sonst noch auf? Natürlich das Design, das eine komplette Abkehr vom Um-jeden-Preis-anders-aussehen-Wollens ist, mit dem Renault in den vergangenen Jahren stets nur einen Teil der Kundschaft begeisterte – und den anderen irritierte oder gar abschreckte. Der neue Mégane-Fünftürer ist ein harmonisch gestaltetes Auto, das sich durchaus klar von anderen Kompaktklässlern abgrenzt, auf optische Mätzchen aber verzichtet. Die auf knapp 4,30 Meter gestreckte Karosserie sorgt für einen großen Kofferraum mit 405 Liter Fassungsvermögen und ordentliche Platzverhältnisse auf den Vordersitzen. Im Fond jedoch sitzen Erwachsene etwas beengt, die Kopffreiheit ist bescheiden.

Angenehm fällt das ruhig gestaltete Armaturenbrett auf. Auch hier ist erkennbar, dass Renault den optischen Schicki-Micki-Kurs radikal verlassen hat. Als Reminiszenz an die einstige Kreativität kann man das Cockpit mit dem großen, digitalen Zentralinstrument deuten, wo mit großen Ziffern die Geschwindigkeit angegeben wird und kleinere Digitalanzeiger über Tankinhalt und Kühlwassertemperatur informieren.

Motorenprogramm mit acht Aggregaten geplant

Renault macht ein Drittel des weltweiten Umsatzes in der Mittelklasse, entsprechend wichtig ist der Mégane für das Unternehmen und entsprechend breit wird die Baureihe aufgefächert. Je vier Diesel- und Benzinmotoren sollen bald zur Auswahl stehen. Anfangs jedoch gibt es zwei Benziner mit 100 und 110 PS sowie drei Selbstzünder mit 90, 106 und 130 PS. Das stärkste Dieselaggregat stand für die Testfahrten von SPIEGEL ONLINE bereit und überzeugte durch eine harmonische Kraftentfaltung, gute Elastizität und große Laufruhe – letzteres ist vor allem zahlreichen neuen Dämmmaßnahmen geschuldet.

Bei der Preisgestaltung orientiert sich Renault logischerweise an der Konkurrenz und versucht, diese ein wenig zu unterbieten. Ab 16.900 Euro ist der Mégane zu haben – mit fünf Türen, Klimaanlage, Radio-CD-MP3-Musikanlage und Nebelscheinwerfern. "Das bietet sonst kein anderes Auto in dieser Klasse in Europa", sagt Produktmanager Sébastien Auguin. Sechs Airbags, ESP und ABS sind ebenfalls serienmäßig an Bord. Fast schon tollkühn klingt die Renault-Ansage, der neue Mégane sei "das sicherste Auto der Welt". Das mag stimmen, wenn man mit Welt den Geltungsbereich der Euro-NCAP-Crashtests meint. Bislang trumpft dort der VW Golf mit fünf Sternen und 36 von 37 möglichen Punkten auf. Man hört, dass der Mégane 37 Punkte erhalten soll; sicherer geht es nach derzeitigem Stand tatsächlich nicht.

Die Mégane-Modellfamilie soll zügig wachsen

Renault plant, die Mégane-Familie rasch zu erweitern. Bereits im Januar soll das Coupé auf den Markt kommen, das sich optisch deutlich vom Fünftürer abgrenzt und stets mit Sportfahrwerk, 17-Zoll-Rädern und getönten Scheiben ausgeliefert wird. Der Wagen, den Computerspieler bereits Ende November in der Vollgas-Daddelei "Need for Speed Undercover" erleben können, wird ab 19.350 Euro angeboten.

Danach soll es zügig weitergehen. Im April wird der Siebensitzer Mégane Grand Scénic erwartet, im Juni die beiden Varianten Grandtour (Kombi) und Scénic (Kompaktvan). Das Mégane Cabrio soll 2011 auf die Straße rollen und ein Mégane-SUV könnte auch noch folgen. 8,5 Millionen Exemplare der Mégane-Familie wurden seit dem Start dieses Modells 1995 bisher weltweit verkauft. Auf eine Prognose für das neue Modell aber mag sich der deutsche Vorstandschef Jacques Rivoal in diesen unsteten Zeiten nicht festlegen. Er sammelt lieber noch ein paar erste Eindrücke von der neuen Lenkung.



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