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23. Februar 2012, 09:38 Uhr

Renault Twingo

Comeback der Kulleraugen

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Minimalisten werden an diesem Fahrzeug Freude haben. Der runderneuerte Kleinwagen Renault Twingo kostet 9990 Euro, leistet 75 PS und bietet von allem nur das Nötigste. Doch mehr Auto braucht man eigentlich nicht, wie eine erste Probefahrt im kleinen Franzosen ergab.

Wer Autos nach dem Kindchenschema designt, braucht sich nicht wundern, wenn die Modelle flugs in die Frauenauto-Schublade gesteckt werden. So erging es von Anfang an dem Renault Twingo, und es funktionierte prima. Dann aber beschlossen die Verantwortlichen eine Art neuer Ernsthaftigkeit. Der Twingo bekam ein vermeintlich seriöseres Allerweltsaussehen und reihte sich fortan in die Riege der automobilen Langweiler ein. Das ist nun wieder passé.

Renault feiert nämlich das Comeback der Kulleraugen-Scheinwerfer. Das zuletzt biedere Modell erhielt eine frische Optik und vor allem wieder Frontleuchten, die wie weit aufgerissene Äuglein aussehen. Ein Design mit Kuschelfaktor sozusagen. Und es ist klar, dass Renault damit vor allem die weibliche Kundschaft ködern möchte. Zumal der Twingo ab 9990 Euro angeboten wird, also in der Zweitwagen-Preisklasse.

Doch Form und Formalitäten sind nur das eine. Wer erst einmal hinter dem Steuer sitzt, der erlebt einige Überraschungen. Zum Beispiel die, dass auch ein Kleinwagen von 3,69 Metern Länge so eingerichtet werden kann, dass ein Fahrer mit knapp 1,90 Meter Körperlänge ordentlich Platz findet; und Erwachsene sogar einigermaßen kommod auf der Rückbank mitfahren können. Das Ein- und Ausfädeln aus dem Fond ist etwas mühsam, doch das gilt für die meisten Zweitürer. Die hinteren Sitze lassen sich übrigens in den höheren Ausstattungsvarianten um 22 Zentimeter verschieben - das vergrößert den Knieraum bei voller Besetzung des Autos, verkleinert jedoch den Kofferraum auf das Format einer Einkaufstasche.

Das Interieur wirkt sehr ordentlich - bis aufs mittig platzierte Cockpit

Die nächste Überraschung liefert das Ambiente. Denn hübsch lackierte Oberflächen, solide Materialien und bunte Ziernähte widerlegen das Vorurteil vom Billig-Kleinwagen. Allerdings ist der Twingo, derart fein und freundlich ausgestattet, auch nicht mehr ganz so billig. Renault lässt sich die bessere Einrichtung natürlich bezahlen. Typisch für die Franzosen ist die Leere hinterm Lenkrad, denn im Twingo sind die Instrumente in der Mitte der Armaturentafel platziert. Direkt vor dem Fahrer gibt es dafür eine Ablagefläche - praktisch, aber gewöhnungsbedürftig.

Das gilt erst recht bei einsetzender Dunkelheit: Wenn der Blick nicht automatisch auf Instrumente und Kontrollleuchten fällt, vergisst man leicht, die Scheinwerfer einzuschalten. Eben weil der Blindflug zunächst gar nicht auffällt, wenn man nicht in ein unerleuchtetes Cockpit blickt.

Die größte Überraschung ist aber der Motor: 1,2 Liter Hubraum, vier Zylinder, 75 PS und 107 Nm Drehmoment. Das klingt mickrig angesichts der Werte, mit denen die Autoindustrie sonst aufwartet. Doch es reicht vollkommen aus. In der Stadt ist der Twingo so handlich und agil, dass kein Quäntchen Leistung fehlt; und über Land braucht man eben ab und zu Geduld - oder man muss die Drehzahl erhöhen. Wer die Maschine auf Touren hält, schafft locker 140 km/h, und wenn's sein muss auch das Spitzentempo von 169 km/h. So schnell darf man, außer partiell in Deutschland, ohnehin nirgendwo in Europa fahren.

Zwei Dinge, die man am neuen Twingo vermisst

Übrigens: Selbst wenn man den Twingo mit schwerem Gasfuß bewegt und den Motor schon beinahe schmerzhaft ausdreht, bleibt der Verbrauch noch unter sieben Liter. Klar, sparsam ist der Twingo dann nicht mehr, doch es geht ja auch deutlich moderater. Der Durchschnittsverbrauch liegt nämlich bei 5,1 Liter je 100 Kilometer.

Nach reichlich Stadtverkehr und ungeplant vielen Langstreckenfahrten wird mir der neue Twingo angenehm in Erinnerung bleiben. Der alte Charme ist wieder da, und Verzicht macht plötzlich Spaß. Nur auf zwei Dinge hätte Renault trotz aller Sparsamkeit nicht verzichten dürfen: Erstens ESP - denn das gehört mittlerweile einfach zur Serienausstattung. Zweitens neue Türgriffe - denn die Schnapphaken hinterm Blech waren schon beim ersten Twingo Murks. Sie sind es noch immer, denn sie killen jeden Fingernagel. Und da ist es völlig egal, ob der Twingo nun ein Frauen- oder ein Männerauto ist.

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